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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Friede, Freude, Festtagsbraten
Zwischenüberschrift:
Wie Fritz Wolf zu Weihnachten nicht nur Familienrituale ins Bild setzte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Weihnachten das Fest der Freude, des Friedens und nicht zuletzt der Familie! Dieses deutsche Ideal, aber auch seine teils ernüchternde Wirklichkeit hat der Karikaturist Fritz Wolf über Jahrzehnte ins Bild gesetzt und so den Nerv des deutschen Michel getroffen.

Osnabrück Die Szene spricht Bände: Nach altem Brauch intonieren Vater und Mutter unterm Christbaum weihnachtliche Weisen, während neben ihnen auf dem Wohnzimmertisch die Geschenke der Bescherung harren. Ihre beiden Sprösslinge haben es sich derweil vor der Glotze gemütlich gemacht und lauschen der Direktübertragung lieblichen Liedgutes am Fernsehlautsprecher. Mit gekonnter Pointe rührt der Zeichner 1987 gleich an zwei Phänomene weihnachtlicher Festidylle.

Zum einen empfanden Generationen erwartungsvoller Kinder fromme Gesänge vor der Bescherung als unwillkommene Verzögerung des Geschenkesturms, zum andern schuf der rasante Fortschritt der Audio- und Videotechnik ganz neue Möglichkeiten für heimische Weihnachtsklänge.

Im Super-8-Filmrausch der 1970er-Jahre wäre die zeitnahe Einspielung des Bildmaterials wegen der aufwendigen Entwicklung im Fachlabor kaum möglich gewesen, doch die kolorierte Wolf′sche Szene spielt darüber hinaus mediale Zukunftsmusik: Erst als die Digitaltechnik die in den 80ern üblichen Magnetbänder abgelöst hatte, ließen sich die Bilder direkt auf die eigene Mattscheibe projizieren. Der aktuelle Selfie- und Youtube-Hype lässt grüßen.

Schon seit den frühen 50er-Jahren spießte Fritz Wolf familiäre Skurrilitäten beim Fest der Feste auf. So etwa 1952, als er in einer Folge von Zeichnungen für die Neue Tagespost″ Generationenkonflikte″ in den Blick nahm: Während der Herr Papa begeistert die neue elektrische Eisenbahn seines Sohnes traktiert, ergötzt sich dieser ebenso lässig wie wissbegierig auf den Sessel gefläzt an Goethes Faust.

Verkehrte Welt suggeriert auch eine andere Zeichnung, auf der der Sohn seine auf die Bescherung brennenden Eltern mit einem großzügigen So, Ihr könnt kommen″ in die gute Stube bittet. Gängige Vorurteile vom deutschen Heimwerker bedient schließlich der mit Axt und Riesensäge ausgestattete Herr, der im Verhältnis zu seinem schweren Gerät einen verhältnismäßig mickrigen Christbaum nach Hause trägt.

In jenen Jahren arbeitet Fritz Wolf eng mit dem Redakteur Josef Mühlbauer von der katholischen Jungenzeitschrift Voran″ zusammen, der unter dem Pseudonym Mücke″ Wolf′sche Bildgeschichten mit satirischen Versen garnierte und später zu den ersten Reportern der Tagesschau″ gehörte. Was hier in Bild und Wort Formen annahm, sollte Fritz Wolf einige Jahre später in den Bildern aus der Provinz″ für das Magazin Stern″ sowie später für die Zeitschriften Brigitte″ und Schöner Wohnen″ zu einem seiner Markenzeichen weiterentwickeln.

Folgen wie Festtagsschmaus″ oder Weihnachtsmenü″ deuten an, dass deutsche Karpfen- und Gänsetraditionen ein gefundenes Fressen für den Karikaturisten waren. In anderen Folgen spürt er dem deutschen Weihnachtsmann″, betrieblichen Weihnachtsfeiern, dem leidigen Thema Weihnachtsgeld, der Weihnachtsgarderobe oder vielen lieb gewonnenen und doch sinnentleerten Ritualen nach. Bisweilen griff er in den Karikaturen auf Seite 2 der Neuen Osnabrücker Zeitung″ zu Weihnachten auch politische oder gesellschaftliche Themen auf.

1975 bitten die reichen Industrienationen ihre verarmten und offenbar nicht ganz ernst genommenen Verwandten aus den Entwicklungsländern unter dem Motto Ihr Kinderlein, kommet…″ zur weihnachtlichen Bescherung.

1984 konterkariert das in der Natur offensichtliche Waldsterben die Furcht des deutschen Michels vor einem nadelnden Tannenbaum, während sich Sparschweine 1986 wegen anhaltender Rezession zum zeitgemäßen Christbaumschmuck entwickeln. Im Gegensatz zu solchen existenziellen Themen nimmt sich der mehrfach in Szene gesetzte, durch den Regen watende Weihnachtsmann geradezu harmlos aus.

Eines der weihnachtlichen Kernthemen des ehemaligen Wehrmachtszeichners und späteren Pazifisten war indes der durch Krieg und Gewalt bedrohte Friede: Raketen oder Handgranaten als Weihnachtsschmuck, der Weihnachtsbaum als Hieb- und Stichwaffe, bewaffnete Konflikte allenthalben. Dem setzte er einst ein Spruchband mit der eigentlichen Weihnachtsbotschaft entgegen: Frieden den Menschen auf Erden!″ – ein Wunsch, der noch immer in den Familien, in unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft und angesichts weltweiter Animositäten brennend aktuell ist.

Zur Person: Hermann Queckenstedt ist Sprecher des Fritz-Wolf-Kuratoriums und Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück.

Bildtexte:
Fröhliche Weihnachten″ (1952, Ausschnitt).
Weihnachtsfeier in Paris″ (1975).
Karikatur von Fritz Wolf zum Weihnachtsfest 1987.

Fritz Wolf
Die Neue Osnabrücker Zeitung″ widmet ihrem langjährigen Hauskarikaturisten Fritz Wolf anlässlich seines 100. Geburtstags eine Karikaturen-Serie. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres 2018 ist im Forum am Dom die Ausstellung Friede den Menschen auf Erden! mit nicht nur weihnachtlichen Karikaturen von Fritz Wolf und Gerhard Mester zu sehen. Im Begleitheft (4, 80 Euro) sind die im Text angesprochenen weihnachtlichen Zeichnungen abgedruckt allerdings ohne die Folge von 1952.
Autor:
Hermann Queckenstedt


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