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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Neumarkt als Vorzeige-Objekt
Zwischenüberschrift:
Vor 50 Jahren strahlte der Verkehrsknotenpunkt noch weihnachtlich
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Rund 50 Jahre liegen zwischen den beiden Fotos. Sie sagen viel aus über den Wandel des Einkaufsverhaltens und der Ansichten über den innerstädtischen Fahrzeugverkehr. In den 1960ern war man stolz auf das pulsierende Leben im Stadtmittelpunkt. Große Straße und Johannisstraße standen noch unter vollem Verkehr.

Osnabrück Das muntere Treiben zu beobachten erschien so attraktiv, dass das Café Panorama″ im ersten Obergeschoss des heute so genannten Kachelhauses extragroße Panoramascheiben eingebaut bekommen hatte. Sie sind auf dem alten Foto oberhalb des VW-Käfers zu erkennen. Der motorisierte Verkehr floss ungehindert wie nie zuvor, seitdem 1964 der Neumarkttunnel eröffnet war. Er verbannte die lästigen Fußgänger unter die Erde. Was man damals auch beobachten konnte, mit oder ohne Häme: Ob die Rolltreppen zum Tunnel gerade einmal funktionierten oder ob sie standen.

Ins Auge fallen die Lichtkaskaden im öffentlichen Straßenraum. Über viele Jahrzehnte griff die Stadt ins eigene Portemonnaie, um Straßenbäume, Brückendurchfahrten und Lampenmasten vorweihnachtlich zu illuminieren. Als vor einigen Jahren die finanziellen Spielräume besonders eng wurden, strich die Politik diesen Budgetposten. Seitdem sorgen nur noch die Werbegemeinschaften der Kaufleute in ihren jeweiligen Einkaufsstraßen für Lichterglanz. Schade eigentlich, hört man immer mal wieder ältere Osnabrücker sagen, die sich noch gut an die erleuchteten Bäume entlang des Wallrings erinnern können.

Lichterschmuck

Damals fielen die Energiekosten noch erheblich ins Gewicht. Das Argument sticht heute nicht mehr: Durch die LED-Technik verbrauchen die Leuchtmittel bis zu 80 Prozent weniger Strom. Wie aktuell aus dem Rathaus zu hören ist, lässt man sich im Fachbereich Verkehrsanlagen derzeit von einem externen Lichtplaner beraten, wie die Stadt im Advent zu vertretbaren Kosten in noch attraktiverem Licht erstrahlen könnte. Der im harten Wettbewerb mit dem Online-Shopping stehende stationäre Einzelhandel würde es sicherlich zu schätzen wissen.

Urbanes Flair verbreiteten früher auch die Leuchtreklamen. Wie das aktuelle Foto zeigt, ist davon nichts übrig geblieben. Damals wurde am Kachelhaus der Durst in Richtung Dortmunder Union-Bier″ und Florida Boy Orange ohne Kohlensäure″ gelenkt, Leder Wenner, Hensel-Stahlwaren, Elles-Blusen, Express-Schuhbar, Nationale Krankenversicherung und DAK machten auf sich aufmerksam. Über allem prangte der Schriftzug Alte Leipziger Lebensversicherung″.

Die Versicherung war aber nur Mieter, nicht Eigentümer. Gebaut hatte das Eckhaus Neumarkt 14/ Johannisstraße 63–64 der aus Ibbenbüren stammende Unternehmer W. Brüggen. Er war zuvor in einem eingeschossigen Notbau an gleicher Stelle mit einem Radiogeschäft ansässig. Zwischen 1954 und etwa 1964 standen seine Verkäuferinnen als Polydor-Mädchen″ im orangeroten Glockenkleid mit Werbe-Aufnäher hinter der Plattentheke und legten die neuesten Schlager von Caterina Valente und Fred Bertelmann auf.

Geburt des Kachelhauses

1966 holte Brüggen zum großen Schlag aus und erstellte das fünfgeschossige Geschäftshaus in der damals hochmodischen grünen Kacheloptik. Osnabrück war stolz auf diesen städtebaulich notwendigen Lückenschluss. Man muss dazu berücksichtigen, was vorher war: Das ansprechende Gebäude des Hotels Bavaria/ Bayrischer Hof mit dem Bürgerrestaurant Stadtschänke″ war im Bombenkrieg pulverisiert worden. Viele Jahre herrschte vom Neumarkt aus freie Sicht auf das Nachbargebäude Büroeinrichtungen Scherz, Johannisstraße 65. 1953 entstand ein eingeschossiger Notbau auf der Ecke, in den als Erstes die Neuauflage der Stadtschänke″ und die Drogerie Smits einzogen. Die Fassade″ bestand aus Ziegelsteinen in Zweitverwendung, die man hastig von alten Mörtelresten befreit hatte. 1956 war die Ladenzeile wenigstens verputzt und bis an die Ruinen der Kornbrennerei Gosling verlängert worden.

An die Stelle dieser Ladenzeile trat 1966 das fünfgeschossige Hochhaus″. Die grünen Kacheln standen als Fassadenschmuck damals so hoch im Kurs wie heute vielleicht ausgesuchte Natursteinplatten. Wenn das Kachelhaus heute als Schandfleck″ oder tote Ecke von Osnabrück″ verschrien ist, so liegt es an ausgebliebenen Instandhaltungen und Modernisierungen, seitdem sich abzeichnete, dass das Haus zugunsten eines neuen Einkaufszentrums verschwinden würde.

Das gleiche Schicksal kommt auf das rechts sich anschließende ehemalige Hertie-, dann Wöhrl- und dann Ypso-Kaufhaus zu. Dessen Abriss ist ebenfalls beschlossene Sache, wurde aber bereits mehrfach verschoben. Centerinvestor Unibail Rodamco hat den Bauantrag für das geplante Einkaufszentrum im Juni 2018 eingereicht, mit einem positiven Bescheid ist im Januar zu rechnen.

Bildtext:
Der Neumarkt wurde in den 1960er-Jahren (links) noch gern als urbaner Mittelpunkt einer pulsierenden Großstadt gezeigt. Lichtkaskaden putzten ihn in der Vorweihnachtszeit festlich heraus. Der Blick geht aus der Wittekindstraße über den Neumarkt hinweg in den Neuen Graben. Lieber keine Lichterketten, die das Kachelhaus und den ehemaligen Wöhrl-Komplex stärker in Szene setzen würden, sind hier 2018 zu finden.
Fotos:
Walter Fricke, Archiv Rolf Fricke/ Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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