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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Alles muss raus
Artikel:
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Originaltext:
Nashornbulle Miguel hat eine feste Toilette, Wasserschwein Emilio frisst seinen eigenen Kot und Tapirjunge Mateo macht immer noch in den Trog. 600 Tonnen Mist fallen im Zoo Osnabrück jährlich an. Wohin damit? Eine Geschichte, die zum Himmel stinkt.

Auf die Nashörner ist Verlass. Morgens um halb acht bringt sich Nashorndame Amalie in ihrem Stall in Stellung, scharrt kurz mit den Hufen, lässt den Schwanz verheißungsvoll eine Runde kreisen und wirft ab. Nashörner haben eine feste Toilette″, sagt Tierpfleger Franz-Josef Schelshorn. Jeden Morgen: gleiche Stelle, gleiche Welle. Im Außengehege, wo der Elektrozaun knackt und die Sonne durch das Dach der Kastanienblätter bricht, teilen sich Nashornbulle Miguel und die zwei Kühe eine gemeinsame Toilette, sprich: Sie setzen ihre Haufen an einen gemeinsamen Platz. Miguel lasse es sich jedoch nicht nehmen, den gesammelten Mist der drei gleichmäßig mit den Hufen zu verteilen. Ich soll ja auch noch was zu tun haben″, sagt Schelshorn, grinst und schlurft mit Rechen und Elektrokarre ins Gehege. Großreinemachen.

Das, was in der Karre landet, ist mehr als Exkrement. Bei den Nashörnern zum Beispiel enthalten die Ausscheidungen wichtige Schlüsselinformationen, haben deutsche und südafrikanische Forscher herausgefunden. Geschlecht, Alter oder Paarungsbereitschaft werden über den Dung an Artgenossen weitergegeben. Ein Grund, warum die Tiere auch in freier Wildbahn einen gemeinsamen Ort nutzen, um ihre Duftnote zu setzen. So können sie das, was die anderen Persönliches veröffentlichen, an einem zentralen Ort lesen. Die Toilette ist soziales Netzwerk der grauen Riesen.

Alle Tiere im Zoo koten die einen klein und köddelig, die anderen groß und flatschig. Das Gros landet zunächst inklusive Einstreu und Futterresten auf dem Misthaufen des großen Wirtschaftshofs im Zoo. 1, 5 bis 1, 7 Tonnen kommen hier laut Zoo Osnabrück zusammen, jeden Tag. Fünfmal im Jahr rückt das Osnabrücker Dienstleistungsunternehmen B& L an, um den Mist abzuholen und an Landwirte in der Umgebung zu verteilen, die ihn für ihre Äcker nutzen. Wirtschaftsdünger tierischer Herkunft heißt Miguels Haufen dann. Klassisch weggespült werden nur die Ausscheidungen, die ohnehin im Wasser landen. Das Abwasser im Zoo ist oft deutlich weniger belastet als das Abwasser aus Privathaushalten. Das liegt daran, dass im Verhältnis zu den Verunreinigungen mit deutlich mehr Wasser gespült und mit weniger Reiniger gearbeitet wird″, sagt Thorsten Vaupel, stellvertretender Zooinspektor in Osnabrück.

Die Flachlandtapire gehören zu den Geheimniskrämern, die zum Koten abtauchen, um verräterische Duftspuren zu vermeiden. Da, unsere Schissebüx″, sagt Tierpflegerin Sabine Springmeier und lacht, als ein kleiner Tapir durchs Gehege stelzt und neugierig schnuppert. Dieser junge Mann macht noch immer in den Trog.″ Mateo hat es anders als alle anderen Tapire vor ihm nicht geschafft, innerhalb eines Jahres trocken zu werden äh, nass. Denn den großen Schritt in den 20 000 Liter fassenden Wassergraben wagt er nicht und hinterlässt sein Geschäft lieber dort, wo andere trinken zum Leidwesen seiner langnasigen Verwandtschaft. In der Regel wird das Wasser im Graben der Tapire jeden Tag erneuert, so Springmeier. Klospülung XXL, kein günstiges Unterfangen.

Auch aus der Scheiße an Land lässt sich nicht einfach Gold machen. Der Zoo Osnabrück zahlt jährlich 25 000 Euro für die Abholung des Mists durch B& L. Die Düngeverordnung von 2017 hat die Regeln fürs Düngen bundesweit verschärft, weil seit Jahren an vielen Orten zu viel Nitrat im Grundwasser ist. Ich kann mittlerweile froh sein, wenn ich Betriebe finde, die den Mist aufnehmen″, sagt Unternehmer Franz-Josef Balgenort-Lingemann (B& L). Viele Betriebe könnten keinen fremden Wirtschaftsdünger mehr aufnehmen, weil sie selbst viele Tiere hielten, er selbst dürfe den Mist nicht zwischenlagern, darüber hinaus sei die Bodenbearbeitung mit dem strohlastigen Dung nicht immer einfach, nennt er nur ein paar Beispiele, die das Geschäft mit dem Geschäft erschweren.

Tierkot ist harter Tobak. Das wissen die, die ihn entsorgen, wie die, die ihn auflesen. Cathi George steht am Ende ihrer Ausbildung zur Tierpflegerin und arbeitet gerade im Epizentrum des Gestanks bei den fleischfressenden Raubtieren. Wer die Löwen schafft, braucht sich vor nichts zu fürchten. Gegen die Raubkatzen ist selbst das Wasserschwein Emilio, das seinen eigenen Kot frisst, um Vitamin C aufzunehmen und schwer verdauliche Nahrung bestmöglich zu verwerten, ein appetitlicher Zeitgenosse. Cathi öffnet das Hintertürchen der Raubtier-Pfleger. Sie steigt über eine Folie, unter der die starren Beine eines toten Rehs hervorragen. Ein Unfalltier, das Jäger für die nächste Raubtierfütterung vorbeigebracht haben. Ammoniak beißt in der Nase, während Fliegen an der Scheibe hochkrabbeln, die den Blick auf einen gähnenden Löwen freigibt. Tiere pflegen ist nicht nur schmusen, knuddeln, och wie süß″, so die 21-Jährige. Tiere pflegen, das heiße auch Fleisch schneiden, Gestank aushalten, Dreck wegmachen. Nicht jedermanns Sache″, sagt sie nüchtern. Ihre schon. Tiere gibt′s nicht ohne Mist.″

Zoos in ganz Deutschland arbeiten deshalb an der großen Kot-Lösung. Der Münchener Tierpark Hellabrunn hatte über zehn Jahre eine eigene Biogasanlage, die mit pflanzlichen Futterresten und dem Mist der Pflanzenfresser befüllt wurde″, erklärt Tierpark-Sprecherin Lisa Reininger. Die Anlage hätte zuletzt grundlegend erneuert werden müssen, der Betrieb sei nicht wirtschaftlich gewesen, und so ging die Anlage 2016 vom Netz. Der Rostocker Zoo wollte mit Wissenschaftlern der Uni Rostock ein eigenes Kraftwerk entwickeln, bis klar war: Wir haben zu wenig Dung, und das, was da ist, ist zu trocken, zu wenig Gülle″, sagt Falk Petersen, Leiter der Zoomeisterei in Rostock. Auch beim Osnabrücker Zoo wurde die Idee einer eigenen Biogasanlage verworfen, weil sie energetisch und wirtschaftlich leider nicht sinnvoll″ sei, sagt Sprecherin Lisa Josef. Der Allwetterzoo in Münster verteilt derzeit seinen vom Land eigens als Dünger zertifizierten Mist an Landwirte. Wir wollen demnächst versuchen, ob man den Mist trocknen, zu Pellets pressen und dann verbrennen kann″, nennt Dirk Heese, Technischer Leiter im Allwetterzoo, eine neue Idee. Energie ist in allen Zoos ein Riesenthema.″ Auch jenseits der Tropenhäuser.

Im Osnabrücker Zoo kommt die Sonne raus, Orang-Utan Buschi lässt sich die roten Zotteln wärmen, blinzelt durch die Scheibe und leert eine Limoflasche. Sein Morgengeschäft hat er längst verrichtet. Wissenschaftler der Universitäten Osnabrück und Berlin messen regelmäßig die psychische Belastung der Orang-Utans, indem sie die Kotproben auf das Stresshormon Cortisol hin analysieren. Dass die Affen zu den intelligentesten Tieren zählen, merkt man ganz einfach daran, dass manche jenseits von Stress und Harndrang gezielt Menschen anpinkeln können. Otti, der schwarze Gibbon, ist dafür bekannt, dass er auf Passanten zielt, die er nicht leiden kann, erzählen Pfleger. Wenn Otti laut Alarm schlägt und sich im Käfig in Pipi-Poleposition bringt, ist es für den Betrachter eindeutig an der Zeit zu gehen…

Bildtexte:
Ist das Kunst? Nein, das muss weg! Zur Linken hat der Humboldt-Pinguin eine Wetterkarte gezaubert, die Hinterlassenschaften der Pinguine werden mit dem Hochdruckreiniger entfernt. Die Köddel der Vikunjas (Familie der Kamele) landen auf dem zooeigenen Misthaufen, wo nicht nach Fleisch- und Pflanzenfresser getrennt wird. Ein Subunternehmer holt den Dreck ab.
Kein Tag ohne Kot: Tierpfleger Franz-Josef Schelshorn macht sich an die Reinigung der Nashorn-Außentoilette.
Abwurf auf Kommando: Die Nashörner im Osnabrücker Zoo machen immer an dieselbe Stelle.
Fotos:
David Ebener
Autor:
Anne Spielmeyer


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