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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Rollstuhlfahrer in Wohnung gefangen
 
Gefangen im eigenen Zuhause
Zwischenüberschrift:
Wie Vermieter Vonovia das Schicksal eines Osnabrücker Rollstuhlfahrers „übersah″
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Osnabrücks größter Wohnungsvermieter Vonovia hat einem Schwerbehinderten wochenlang den Weg zu seinem Elektromobil versperrt. Der 81-jährige Rollstuhlfahrer Dietrich Fürstenberg war in seiner Mietwohnung dadurch wie gefangen, weil es ihm nicht mehr möglich war, selbstständig das Haus in Osnabrück-Eversburg zu verlassen. Obwohl Fürstenberg, sein Sohn und der beauftragte Pflegedienst beim Einrüsten des Hauses für eine Fassadendämmung darauf hingewiesen hatten, dass das Gerüst den Weg zu einem im Gartenhaus untergebrachten Elektromobil versperrt, ließ Vonovia die Situation gut einen Monat unverändert. Warum auf einmal dann doch alles ganz schnell ging, nachdem unsere Redaktion Mittwoch eine Pressesprecherin von Vonovia mit den Vorwürfen konfrontierte.

Dietrich Fürstenberg fühlt sich seiner Freiheit beraubt. Seit vier Wochen versperrt ein Gerüst den Zugang zum Gartenhaus, in dem sein Elektromobil untergebracht ist. Wie Vonovia beim Streben nach energetischer Sanierung und Gewinnmaximierung ein menschliches Schicksal übersah″.

Osnabrück Mehrfach forderte der 81-jährige Rentner vergeblich eine Lösung. Auch eine Pflegerin, die zweimal täglich kommt, sagte dem Gerüstbauer beim Einrüsten des Hauses vor fast einem Monat: Berücksichtigen Sie bitte, dass hier ein Rollstuhlfahrer lebt. Der muss zu seiner Hütte, um an den Elektroscooter zu gelangen.″ Dieser habe sich nicht sonderlich beeindruckt gezeigt. Er habe sogar darauf hingewiesen, dass der Wohnblock in Eversburg für die Fassadendämmung noch ein Jahr lang eingerüstet bleiben wird.

Leere Versprechen

Fürstenbergs in Herford lebender Sohn wandte sich bereits vor vier Wochen an die für die Modernisierungen am Wilkienskamp zuständige Vonovia-Projektmanagerin und wies auf die Situation seines Vaters hin. Sie sagte: Oh, das haben wir übersehen. Tut mir leid. Wir kümmern uns″, berichtet er. Getan habe sich jedoch nichts. Die von ihr versprochenen Rückrufe gab es nicht″, sagt Fürstenbergs Sohn Uwe, der den Nachnamen seiner Frau Espinosa angenommen hat. Zwei Wochen später rief er wieder genervt bei ihr an: Da hieß es: Der Garten- und Landschaftsbauer kommt spätestens nächste Woche raus, doch wieder kam keiner.″ Ohne Begründung seien die Versprechen einfach nicht eingehalten worden, beklagt Fürstenbergs Filius.

Seit 46 Jahren im Haus

Die Wut seines Vaters über die energetische Sanierung wächst von Tag zu Tag. Die Modernisierung werde voraussichtlich auch ihn aus dem Haus treiben. Und das, obwohl er seit 46 Jahren dort wohnt. Damals war das Haus noch in Besitz der Osnabrücker Wohnungsbaugesellschaft (OWG), und die Miete betrug 96 D-Mark, erinnert sich Fürstenberg. Die Miete wurde im Laufe der Zeit immer wieder erhöht, doch mit knapp 400 Euro warm ist sie für ihn aktuell noch bezahlbar. Nach der energetischen Sanierung würden sich die Kosten für die 44 Quadratmeter große Wohnung aber deutlich erhöhen. Für die Kaltmiete würde er künftig fast so viel wie bislang für die Warmmiete inklusive aller Nebenkosten bezahlen.

Nach Abschluss der Sanierung würden ihm somit nicht mal mehr die Hälfte der monatlich rund 1000 Euro, die ihm aus seiner Rente und einer Berufsunfallrente zur Verfügung stehen, zum Leben bleiben. Dann reicht es vielleicht nur noch für die Suppenküche″, sagt er verzweifelt. In seiner Wohnung läuft permanent das Fernsehen. Es ist sein Fenster zur Welt da draußen erst recht, weil er seit vier Wochen keinen realen Zugang mehr zu ihr hat. Doch der Rentner, der wegen verschiedener Gebrechen gelernt hat, mit einer schmerzlindernden Morphiumpumpe zu leben, ist ein Kämpfer. Er ist bereit, Opfer zu bringen, weil er nicht weiß, was noch auf ihn zukommt. Auf dem Küchentisch liegt eine Fernsehzeitschrift eine seiner letzten. Die ist zu teuer, ich werde sie abbestellen″, sagt er mit versteinerter Miene.

Der Osnabrücker Vorsitzenden des Behindertenforums, Petra Mathiske, fehlen zunächst die Worte, als sie vom Umgang mit Dietrich Fürstenau hört. Dann empört sie sich: Das ist so etwas von ignorant.″ Es geht ihr dabei noch nicht einmal um Gesetze und Paragrafen, sondern um den ganz normalen Menschenverstand″. Natürlich müsse vor Beginn so einer gravierenden Sanierung eine Lösung gefunden werden, damit auch Menschen mit Behinderungen mit dieser Situation leben können. Sie fordert Vonovia im Namen des Behindertenforums auf, sofort einen Zugang für den Rollstuhlfahrer zu seinem Elektromobil zu schaffen oder das Gerüst sofort wieder abzubauen.

Juristische Drohung

Nachdem unsere Redaktion den Geschäftsführer des Mietervereins, Carsten Wanzelius, am Mittwoch von dem Vorfall berichtet, droht dieser, Vonovia notfalls mit rechtlichen Schritten zum Abbau des Gerüsts zu zwingen, wenn sich an dem aktuellen Zustand nichts ändert. So könne der Verein im Auftrag des Mitglieds Dietrich Fürstenberg eine einstweilige Verfügung beantragen. Darüber hinaus hält Wanzelius wegen der Sanierung und der damit verbundenen Unannehmlichkeiten eine Mietminderung um 30 bis 50 Prozent für angemessen. Bislang hat Vonovia auch nach dem Einrüsten des Hauses weiterhin die volle Miete verlangt.

So langsam und zäh sich die Verhandlungen mit Vonovia bislang gestalteten, so schnell reagiert Vonovia auf einmal, als unsere Redaktion die Vonovia-Sprecherin Bettina Benner am Mittwochabend mit den Vorwürfen konfrontiert. Am Donnerstag kündigt sie an, bereits am darauf folgenden Freitag um 9 Uhr ein ganz neues Gartenhaus direkt vor dem Haus mit einem entsprechenden Stromanschluss für das Elektromobil zu errichten. Früher sei dies aufgrund der Materiallieferung″ nicht möglich gewesen. Die Umsetzung des Gartenhauses, das bislang hinter dem Haus am Wilkienskamp stand, sei aufgrund des Zustands nicht möglich gewesen. In der Tat steht seit gestern Vormittag ein neues Gartenhaus vor dem Vonovia-Haus am Wilkienskamp 10.

Neue Prioritätensetzung

Dietrich Fürstenberg hat jedoch ganz und gar nicht den Eindruck, dass das von langer Hand geplant war. Wenn Sie sich nicht bei der Vonovia gemeldet hätten und der Mieterverein nicht gedroht hätte, dann hätte ich wohl noch bis zum nächsten Jahr darauf warten müssen″, sagt Fürstenberg unserer Redaktion gestern Mittag. Sein Sohn Uwe Espinosa fügt hinzu, dass Vonovia der Angelegenheit jetzt endlich die Bedeutung beigemessen hat, die sie schon vor einem Monat erfordert hätte.

Fürstenberg treibt jedoch weiterhin die Sorge um, dass er die Miete wegen der angekündigten drastischen Erhöhung nach Abschluss der Sanierung nicht mehr bezahlen kann. Wenn die das wirklich so durchziehen, dann können hier fast alle ausziehen. In dieser Siedlung wohnen doch eigentlich nur sozial Schwache. Die wollen die hier doch alle raushaben und nur noch an Besserverdiener vermieten″, zeigt sich der Rentner überzeugt. Vonovia-Sprecherin Benner kündigt auf Anfrage unserer Redaktion an: Wir werden selbstverständlich umgehend mit ihm Kontakt aufnehmen.″ Der mit knapp 4000 Wohnungen größte Vermieter Osnabrücks wolle gemeinsame Lösungen finden.

Bildtexte:
Fühlt sich bei Vonovia nicht willkommen: Dietrich Fürstenberg hat seit einem Monat nicht mehr selbstständig die Wohnung verlassen, weil sein Vermieter das Haus einrüsten ließ und so den Zugang zu seinem Elektromobil versperrte.
Dieses Gerüst hindert Dietrich Fürstenberg daran, zur Gartenhütte hinter dem Haus zu gelangen, in der bislang sein Elektromobil stand.
Fotos:
Jean-Charles Fays

Kommentar
Warum immer nur auf Druck?

Vonovia bewegt sich immer erst dann, wenn der Druck zu groß wird. Der Fall Dietrich Fürstenberg ist ein Paradebeispiel dafür.

Osnabrücks größter Wohnungsvermieter hielt den 81-jährigen und seinen Sohn vier Wochen lang hin. Auf mehrfache Hinweise, dass der Rollstuhlfahrer zwingend auf sein Elektromobil angewiesen ist, um das Haus verlassen zu können, folgten nur leere Versprechungen.

Dabei war das Gerüst gar nicht notwendig, denn die Bauarbeiten haben noch nicht begonnen. Obwohl der Schwerbehinderte einen Monat in seiner Wohnung gefangen war, hielt es Vonovia nicht für nötig, mit dem Einrüsten zu warten, bis eine Lösung gefunden wurde.

Erst kurz nachdem unsere Redaktion Vonovia mit den Vorwürfen konfrontiert, steht ein Gartenhaus vor der Haustür und Fürstenberg kann sein Elektromobil wieder erreichen. Doch warum passiert das nur auf Druck? Wenn der Konzern sein Image aufpolieren will, muss er jetzt eigeninitiativ mit allen Mietern sprechen, die Angst haben, herausmodernisiert zu werden.
Autor:
Jean-Charles Fays


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