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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Helden″ in Momenten höchster Qual
Zwischenüberschrift:
Wie sich die „Kriegerdenkmäler″ von Ludwig Nolde veränderten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Kriegerdenkmäler″ sollten den Gefallenen nach dem Ersten Weltkrieg ein ehrendes Andenken bewahren. Der Osnabrücker Bildhauer Ludwig Nolde schuf zwischen 1923 und 1935 fünf solcher Gedenkstätten, wobei sich deren inhaltliche Botschaft im Laufe der Jahre deutlich veränderte. Das eindringlichste dieser Werke ist heute im Diözesanmuseum Osnabrück zu sehen.

Osnabrück Der Schrecken des Ersten Weltkrieges mit der Verlusterfahrung durch gefallene Ehemänner, Söhne und Väter war noch sehr präsent, als Ludwig Nolde 1923 das Kriegerdenkmal für die katholische St.-Vitus-Kirche in Freren vollendete. Im Zentrum dieses Werkes stand die lebensgroße Gedächtnisgruppe Ölbergaltar″, die Christi Not am Ölberg in ausdrucksstarker Dramatik umsetzt. Das Werk befindet sich im Diözesanmuseum am Osnabrücker Dom.

Zunächst ein flammendes Plädoyer gegen den Krieg: Der Gottessohn steht in der Ölberggruppe stellvertretend für Abertausende junger Männer in den Schützengräben und Stellungskämpfen der Schlachtfelder, die mit lautem Hurra und voller Patriotismus zu den Fahnen geeilt waren und dann dem Tod in die Augen schauen mussten. Noldes Werk wird so zu einem flammenden Plädoyer gegen die Ausweglosigkeit des Krieges und gleichzeitig zum Sinnbild für die Ohnmacht und Trauer der Hinterbliebenen ohne jegliches militaristisches, nationalistisches oder patriotisches Pathos.

Nach einer Umgestaltung der Frerener Pfarrkirche im Jahr 1980 gelangte die Ölberggruppe zunächst auf den Dachboden des örtlichen Altenheims, bevor sie 2014 in die Dauerausstellung des Diözesanmuseums nach Osnabrück überführt wurde. Die Kunsthistorikerin Janina Majerczyk hat diese Rückkehr in den öffentlich zugänglichen Raum 2015 zum Anlass genommen, die Kriegerdenkmäler Noldes insgesamt zu untersuchen.

Über seinen Ölberg′ zum Gedächtnis der Frerener Krieger″ schrieb der Osnabrücker Publizist und Schriftsteller Ludwig Bäte im Januar 1925: Mit unerhörter Kraft ist hier der Augenblick der höchsten Qual festgehalten; hier ist nichts symbolisiert und stilisiert: Die Christusgestalt fiebert und bebt und erschüttert in ihrer menschlichen Einsamkeit.″ In den Folgejahren erhielt Ludwig Nolde weitere Aufträge für Gefallenen-Gedenkorte, doch der inhaltliche Fokus der Bildthemen veränderte sich von den unmittelbaren Seelenqualen der Kriegserfahrung zu einer Heilserwartung, die Christus als Sieger über den Tod beschreibt.

Wie im Laufe der Zeit die Leiderfahrung verblasst: Bereits 1927 hatte Ludwig Nolde für das Ehrenmal auf dem Friedhof in Oesede den über den Tod triumphierenden Auferstandenen ins Bild gesetzt, der mit seinem Siegergestus die Leiderfahrung des Krieges verblassen lässt und so aus der Reihe der anderen Ehrenmale Noldes fällt.

Ende der 1920er-Jahre plante auch die katholische Kirchengemeinde in Saerbeck einen Gedenkort für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges im Eingangsbereich des örtlichen Friedhofs, der aber erst 1935 fertiggestellt wurde. Seit den ersten Überlegungen hatte sich vor allem während der NS-Herrschaft der Zeitgeist gewandelt, und außer der Kirche nahm nun auch der örtliche Kriegerverein Einfluss auf die Gestaltung.

Obwohl Nolde und seine Auftraggeber erneut die Auferstehung als Bildmotiv wählten, erscheint Christus anders als sein Oeseder Pendant durchaus noch von Tod und Grabesruh gezeichnet. Hinter ihm sind auf der Gedenktafel die Namen der Saerbecker Kriegstoten zu lesen, zwischen denen kleine Bildreliefs eingefügt sind. Panzer, Granaten und anderem Kriegsgerät stehen dabei trauernde Angehörige oder Gräber für Gefallene gegenüber. Der Vergleich des noch heute erhaltenen Denkmals mit dem Foto eines Entwurfs zeigt, dass Nolde diese Details bereits vor 1930 vorgesehen hatte.

Geschäftstüchtigkeit und Heldenverehrung: Der Saerbecker Kriegerverein setzte sich später mit seinem Wunsch durch, zwei zusätzliche überlebensgroße Wehrmachtssoldaten aufzustellen, um das Mahnmal durch diese Wächter″ links und rechts zu rahmen. Auch hier kam der Bildhauer den Auftraggebern entgegen und bediente deren Geschmack. Janina Majerczyk sieht darin jedoch eher einen Beleg für geschmeidige Geschäftstüchtigkeit als eine grundsätzlich veränderte persönliche Haltung des Künstlers. Solcherlei Flexibilität Noldes erweise auch jener mit einer Trommel ausgestattete Hitlerjunge, der als Rufer zur Sammlung″ 1938 zum sichtbaren Ausdruck für einen neuen Geist am katholischen Gymnasium Carolinum in Osnabrück wurde. Die Skulptur wurde im Krieg zerstört.

Während Noldes Kriegerdenkmale der 1920er-Jahre zeitlose, christlich verortete Zugänge zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs verschaffen, sah sich der Saerbecker Friedhofsträger im Jahr 2000 zum Handeln gezwungen: Das inzwischen einschließlich der Wehrmachtssoldaten unter Denkmalschutz stehende Gedenkensemble wurde durch vier erläuternde Stelen ergänzt, die einen kritischen Zugang zu dieser Facette der eigenen Geschichte schaffen. Andernorts wie etwa in der katholischen Pfarrkirche von Ostercappeln sind die Erinnerungen an die Gefallenen der Weltkriege längst beseitigt, weil solcherlei Heldenverehrung nicht mehr in die Zeit zu passen schien.

Bildtexte:
Heilserwartung: Ludwig Noldes Kriegerdenkmal von 1927 auf dem Friedhof in Oesede.
Neuer Geist: Hitlerjunge als Rufer am Gymnasium Carolinum, aufgestellt 1938.
Heldenverehrung: Einer der Wächter von 1935 auf dem Friedhof in Saerbeck.
Aufschrei gegen den Krieg: Ludwig Noldes Ölberggruppe von 1923 war Teil des Kriegerdenkmals in Freren. Der Künstler (1888-1958) ist in der region auch wegen seiner Krippenfiguren bekannt.
Fotos:
Majerczyk/ Nachlass Nolde (Witte)

Vortrag und Buch

Unter dem Titel Symbole der Erinnerung″ wird Janina Majerczyk am Donnerstag, 22. November, um 19.30 Uhr im Osnabrücker Forum am Dom, Domhof 12, Ludwig Noldes künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg beleuchten. Anschließend besteht Gelegenheit, die Frerener Ölberggruppe im Diözesanmuseum zu besichtigen. Unter dem Titel Hoffnung auf Erlösung″ hat der Emsländische Heimatbund eine 70-seitige, reich bebilderte
Studie zu Noldes Kriegerdenkmälern veröffentlicht. Sie ist für 6 Euro im Buchhandel und im Diözesanmuseum Osnabrück erhältlich.
Autor:
Hermann Queckenstedt


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