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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wo Hitler landete und Böll diente
Zwischenüberschrift:
Die Geschichte der Netter Heide umfasst viele unterschiedliche Kapitel
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Heinrich Böll schlug 1939 auf dem Exerzierplatz die Hacken zusammen, wo sieben Jahre zuvor Adolf Hitler auf Wahlkampfreise mit einer dreimotorigen JU 52 gelandet war. Die Netter Heide hat viel erlebt: erst Truppenübungsgelände, dann Flugplatz, dann Kaserne und heute ein moderner Gewerbe- und Dienstleistungspark.

Osnabrück Die Spätgeborenen unter uns erinnert heute wenig an die frühere Geschichte. Seitdem 2008 die britischen Streitkräfte abgezogen waren und sie das Kasernenareal Roberts Barracks″ zurück an die Bundesvermögensverwaltung gegeben hatten, entstanden und entstehen auf dem 32 Hektar großen Areal hochmoderne Gewerbebauten, ein Speditions-Umschlagsterminal, ein Quartier der Kreativwirtschaft und ein Behördenzentrum. Letzteres lässt durch die sechs gleichförmigen Gebäudequader längs der Straße An der Netter Heide erahnen, dass hier einst Soldaten untergebracht waren.

Am Südende dieser zur Sackgasse gewordenen Straße stößt man auf eine Krieger-Gedenkstätte, die 1958 eingeweiht wurde und den Toten des hier stationierten Infanterieregimentes 37 und seiner Tochterregimenter gewidmet ist.

Weiterhin erinnert neben den an der Kanalseite verbliebenen Getreidespeichern des ehemaligen Heeresverpflegungslagers die zentrale Erschließungsstraße an die militärische Vergangenheit: Die Winkelhausenstraße trägt ihren Namen nach Oberst Carl Wilhelm Winkelhausen. Der stand ab 1913 dem in Osnabrück beheimateten Infanterieregiment 78 vor, bis er am 4. September 1914 in der Marne-Schlacht fiel. Ihm zu Ehren erhielt das 1935 fertiggestellte Kasernenareal den Namen Winkelhausen-Kaserne.

Die Kaserne wurde in nur 16 Monaten Bauzeit auf dem Grund und Boden des ersten Osnabrücker Flugplatzes errichtet. Schon 1911 waren die tollkühnen Flieger in ihren halsbrecherischen Flugkisten gekommen und hatten Zehntausende bei ihren Flugtagen begeistert. Zwischen 1925 und 1933 erlangte der Luftlandeplatz dank eines Linienverkehrs etwa zu den Nordseeinseln und nach Dortmund, Frankfurt oder Bremen überregionale Bedeutung. Ungefähr im Verlauf der heutigen Winkelhausenstraße landete Hitler am 24. Juli 1932 mit einer Junkers JU 52, um eine Wahlkampfrede auf dem Klushügel zu halten. 1934 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Die Wehrmacht übernahm das Gelände und begann mit dem Bau der Kasernen.

Wolfgang Knaup hat in seiner Jugend An der Netter Heide gewohnt. Das Gelände rund um den ehemaligen Flugzeughangar lag knapp außerhalb des abgesperrten Kasernengeländes, das war das Spielparadies für uns Kinder, ungefähr dort, wo jetzt die gewerblich betriebene Spielarena′ ist″, schildert Knaup.

Sein Großvater war in den 1930ern so eine Art Quartiermeister beim Regiment und wohnte zeitweise auf dem Kasernengelände. Von ihm hat er viele Geschichten gehört, wie es beim Militär zuging. Unter anderem, wie raffiniert das Interesse der Kinder schon im Grundschulalter für Kriegswaffen geweckt wurde. Das Fotoalbum des Großvaters enthält Aufnahmen von Tagen der Wehrmacht″, bei denen Haster Schüler den Rückstoß eines Maschinengewehrs kennenlernen durften oder in die Bedienung eines Scherenfernrohrs eingewiesen wurden.

Knaups Vorstandskollege im Verein für Philatelie und Numismatik, Wolfgang Völker, hat im Vereinsheft einen Aufsatz über seinen Vater veröffentlicht, der im August 1939 gleichzeitig mit Heinrich Böll zum Militärdienst in die Winkelhausen-Kaserne eingezogen wurde.

Dass der 1917 geborene und 1985 gestorbene Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger fast ein Jahr seines Lebens in Osnabrück verbracht hat, war lange Zeit öffentlich kaum bekannt. Erst mit der Herausgabe seiner Briefe aus dem Krieg 1939– 1945″ im Jahr 2001 machte die Kunde die Runde, und der Bürgerverein Haste etwa veranstaltete eine Lesung mit Auszügen aus Bölls insgesamt 46 Briefen aus der Osnabrücker Zeit.

Vor allem fällt mir die Kaserne immer mehr auf die Nerven; so sehr, daß ich jede Stunde, die ich nicht schreibend oder lesend ihr Dasein zu übersehen fähig bin, außerhalb verbringe″, schreibt Böll am 30. April 1940 an Eltern und Geschwister. Ziele außerhalb″ sind für den gläubigen Katholiken etwa die Christus-König-Kirche in Haste und die Wohnung des Vikars Wilhelm Pöhler. Am Freitag waren wir beim Vikar hier in Haste […]; wir haben ausgezeichneten Wein getrunken und uns nett unterhalten; er ist ein kriegsgeweihter, ganz junger Kleriker, höchstens zwei Jahre älter als ich.″ Der Pfarrer selbst kommt bei Böll nicht so gut weg: „[…] ein geradezu grauenerregender Fall von Pfaffe. Eine aufs Geld versessene, möhnige, bürgerliche Blindschleiche in jeder Beziehung ein Blindgänger der Una Sancta.″

Unfreiwillig gehörte Böll zu einer Gruppe junger Soldaten, die am 20. April 1940 im voll besetzten Stadttheater eine Führer-Geburtstagsfeier″ mitzugestalten hatten. Böll musste von der Bühne aus einige Sätze aus einer Hitler-Rede vortragen. Es hat ganz gut geklappt″, schreibt Euer Heinrich″ anschließend an seine Familie in Köln, obwohl dem Veranstalter meine Stimme etwas zu wenig soldatisch klang. Ihr seht, daß man in die tollsten Situationen kommen kann.″ Kritischeres durfte Böll nicht schreiben. Er hatte die Zensur seiner Briefe zu befürchten.

Bildtexte:
Die Mannschaftsunterkünfte der Winkelhausenkaserne in den 1930er-Jahren. Der Blick folgt der 78er-Straße (heute An der Netter Heide) nach Norden. Ansichtskarte aus der Sammlung Helmut Riecken
Landesbehörden haben heute ihren Sitz in den ehemaligen Mannschaftsunterkünften gefunden.
Rekrut Heinrich Böll (links) mit seinem Bruder Alois bei einem Ausflug in Haste.
Beim Tag der offenen Tür in der Winkelhausen-Kaserne wird das Interesse der Jugend an Waffen geweckt (um 1935).
Fotos:
Joachim Dierks, Archiv NOZ/ Erbengemeinschaft Böll, Archiv Knaup
Autor:
Joachim Dierks


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