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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Haus an der Herderstraße zu verkaufen?
 
Wer kauft das Haus an der Herderstraße 22?
Zwischenüberschrift:
Nach Besitzerwechsel soll die ehemalige Villa der Flatauers offenbar veräußert werden
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Das verwahrloste Haus an der Herderstraße 22 im Osnabrücker Katharinenviertel steht seit Jahren leer und vergammelt. Doch das könnte sich in naher Zukunft ändern, denn es kommt Bewegung in die Sache. Nach Recherchen unserer Redaktion haben sich vor Kurzem die Besitzverhältnisse geändert.

Bereits im vergangenen Jahr hatte unsere Redaktion über den Besuch von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert bei der damaligen Hauseigentümerin berichtet. Diese lehnte allerdings jedes Angebot ab. Die Stadt äußert sich zum Sachstand derzeit nicht konkret. Doch der Bürgerverein Katharinenviertel will nun verhindern, dass das Gebäude zum Spekulationsobjekt wird. Könnte die aktuelle Entwicklung die Rettung für die ehemalige Villa der jüdischen Familie Flatauer sein?

Es tut sich was an der Herderstraße im Katharinenviertel in Osnabrück: Nach Informationen unserer Redaktion ist die Eigentümerin des Hauses an der Herderstraße 22 vor Kurzem verstorben. Die direkten Verwandten haben das Haus geerbt. Jetzt könnte also Bewegung in die Sache kommen. Die Frage ist, ob die Stadt nach wie vor Interesse am Kauf der Immobilie hat, die einst der jüdischen Familie Flatauer gehörte und wie viel sie zu investieren bereit wäre.

Osnabrück Eines ist sicher, die Stadt wird nicht der einzige Kaufinteressent für das Grundstück sein. Das Haus an der Herderstraße 22 ist bekannt in Osnabrück. Schon in der Vergangenheit meldeten sich immer wieder Interessenten bei den Nachbarn, um Kontakt zu der nun verstorbenen Besitzerin aufzubauen. Doch bis zu ihrem Tod hat sie alle Angebote ignoriert oder abgelehnt.

Als das Haus im vergangenen Jahr durch das Erscheinen des Artikels unserer Redaktion zum Politikum wurde, erhielt die Frau sogar einen persönlichen Besuch von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert. Dieser machte ihr im Namen der Stadt die Ratsfraktionen waren sich einig ein Angebot für das Haus. Auch er hatte keinen Erfolg: Die alte Dame zeigte keinerlei Interesse.

Erben aufgeschlossener?

Ihre Erben sind nach Recherchen unserer Redaktion aufgeschlossener und wollen das Haus offenbar verkaufen. Ist das nun der Durchbruch? Die Stadt äußert sich nicht konkret: Der Erwerb des Hauses könnte im städtischen Interesse sein″, sagt Sprecher Sven Jürgensen. Es bestehe derzeit Kontakt zwischen Stadt und Erben. Über Gesprächsinhalte wurde aber Stillschweigen vereinbart. Ein Vorkaufsrecht hat die Stadt am Haus an der Herderstraße aber nicht.

Es wäre eine wunderbare Sache, wenn die Stadt das Haus kaufen würde und erhalten könnte. Aber es muss machbar und finanzierbar sein. Man müsste eine Allianz von wirklich Interessierten aus der Gesellschaft für die Finanzierung finden″, sagt Heiko Schlatermund, Vorsitzender der Felix-Nussbaum-Gesellschaft. Mit der Nussbaum-Villa in der Schlossstraße gelang das damals nicht.

Auch diese stand jahrelang leer und drohte zu verfallen. Eine breite Koalition aus SPD und Grünen, dem Museumsverein und mehreren Mösermedaillen-Trägern zusammen mit der eigens zu diesem Zweck gegründeten Nussbaum-Gesellschaft forderte Anfang der 1990er-Jahre, die Stadt Osnabrück möge die Villa kaufen und dort das Werk des Malers Felix Nussbaum ausstellen. Doch mit der Aufwertung der Schlossstraße geriet das Haus in den Fokus der Immobilienspekulanten. Am Ende einer längeren Debatte lehnte die damalige CDU/ FDP-Mehrheit im Rat den Ankauf der Villa ab. Heute befindet sich in dem geschichtsträchtigen Gebäude eine Hausverwaltung.

Der Bürgerverein Katharinenviertel setzt sich dafür ein, dass die Villa an der Herderstraße 22 nicht das gleiche Schicksal ereilt. Er fordert die Stadt deshalb auf, jetzt tätig zu werden. Die Mitglieder haben in dieser Woche alle Fraktionen und den Oberbürgermeister angeschrieben. In dem Brief bitten sie den Rat der Stadt darum, einen Antrag auf Denkmalschutz bei der Landesbehörde Denkmalschutz zu stellen.

Damit könnte man verhindern, dass das Haus zum Spekulationsobjekt wird″, sagt Mitglied Hartmut Böhm. Darüber hinaus regt der Verein in dem Schreiben an, die Baubehörde anzuweisen, bis zur endgültigen Klärung der Rechtslage um das Denkmalschutzanliegen keine Anträge auf Abriss des Gebäudes zu bearbeiten. Das Haus ist eines der letzten Gebäude mit so einer Geschichte. Der Standort eignet sich für ein Begegnungszentrum, das Felix-Nussbaum-Haus ist in der Nähe, das Viertel ist historisch mit dem Haus verbunden, die ehemalige Synagoge war in der Nähe″, sagt Schlatermund.

Teures Viertel

Das Katharinenviertel ist im Laufe der Jahre zu einem der teuersten Wohngebiete der Stadt geworden und die Immobilien dort wecken Begehrlichkeiten. Der Bodenrichtwert für das Grundstück an der Herderstraße 22 liegt nach Angaben des Katasteramtes Osnabrück bei 380 Euro pro Quadratmeter. Inwieweit das Gebäude noch intakt ist und ob es noch zu erhalten ist, ist derzeit nicht bekannt.

Aber wie kam das Haus eigentlich in die Hände eines Landwirts aus dem Osnabrücker Land? Das jüdische Ehepaar Flatauer kaufte das Grundstück im März 1929 von dem Tischlermeister Heinrich Grunge, wie den Grundbuchakten zu entnehmen ist. Alma und Raphael Flatauer ließen die Villa im Bauhausstil errichten. Die Familie war Inhaberin der Tuchgroßhandlung Flatauer und Co. KG″ in der Möserstraße 26 und der Großgarage Osnabrück-West″ in der Adolfstraße 60/ 62. Darüber hinaus besaßen sie drei Häuser in der Großen Straße, Nummer 27 bis 29, sowie weitere Ländereien.

Am 3. Dezember 1938 legten die Nazis in der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens″ Juden unter anderem auf, ihre Gewerbebetriebe zu verkaufen oder abzuwickeln und ihren Grundbesitz zu veräußern. Das betraf auch die Flatauers. Sie mussten im Juni 1938 die Häuser an der Großen Straße verkaufen. Die Großhandelsfirma Flatauer und Co.″ in der Möserstraße wurde am 23. Dezember 1938 abgemeldet. Ein Jahr später war die Abwicklung der Firma beendet. Sie hatten nichts mehr, standen vor dem Ruin. Im Juni 1939 wurde die Zwangsversteigerung ihres Wohnhauses an der Herderstraße 22 angeordnet, so steht es im Kaufvertrag von damals. Doch der Ablauf des Verfahrens ist nicht abschließend geklärt, denn letztendlich kam es zum Verkauf des Hauses.

Käufer ein Landwirt

Der Käufer war ein Landwirt aus dem Osnabrücker Landkreis. Nach seinen Angaben hat er von dem Haus aus der Zeitung erfahren. Der Kaufpreis betrug 41 500 Reichsmark auch für damalige Verhältnisse ein Schnäppchen bei der Lage und Größe, sagt der Historiker Sebastian Weitkamp. Nach dem Krieg kommt es 1949 zu einem Wiedergutmachungsprozess zwischen Hans und Kurt den Söhnen des in Auschwitz ermordeten Ehepaars Flatauer und der Familie des Landwirtes. Dieser beteuert in den Unterlagen zu dem Fall, dass der Kauf in größter Harmonie″ abgelaufen sei. Zudem habe er noch die Hypothek des Grundstücks übernommen. Es ist auch gar kein Schaden entstanden, denn das Grundstück war mit rund 42 000 belastet″, so steht es in den Prozessakten. Somit müsse Flatauer ihm sogar dankbar sein, denn er habe ihn schließlich entschuldet. Rückblickend klingt das wie Hohn, denn die Flatauers waren wohlhabend, ihnen wurde alles genommen, sie mussten ihren Besitz veräußern. Sie hatten gar keine Wahl.

Mieter im eigenen Haus

Besonders bitter: Nach dem Verkauf waren sie Mieter in dem Haus, das sie 1929 für sich erbauen ließen. Noch knapp ein halbes Jahr lebten sie in ihrem ehemaligen Besitz. Hiermit kündige ich meine Wohnung in Ihrem Hause Herderstraße 22 per 31. Januar 1940, ergebenst R. Flatauer″, schrieb der einstige Besitzer. Alma und Raphael verließen Osnabrück und versuchten ihr Glück in Berlin. Vergebens. Drei Jahre später wurden sie in Auschwitz ermordet.

Das Haus sollte den neuen Besitzern von Anfang an Geld bringen. Sie selbst haben dort nicht gewohnt. Es wurde so umgebaut, dass mehrere Parteien unterkommen konnten. Das Flachdach wurde 1955 zu einem Satteldach aufgestockt, ein ganzes Stockwerk daraufgesetzt. Die Rundbogenfenster, von denen ein langjähriger Nachbar des Hauses schwärmt, sind durch Dutzendware aus dem Baumarkt ersetzt worden. Nach dem Tod des Landwirts und seiner Frau erbte ihre Tochter das Haus. Mit ihrem Tod ist das Schicksal des Hauses wieder offen.

Bildtexte:
Beim Haus an der Herderstraße 22 ist der Erbfall eingetreten. Die neuen Eigentümer wollen die Immobilie offenbar loswerden. Die Stadt steht in Kontakt mit den Erben.
Alma und Raphael Flatauer ließen das Haus an der Herderstraße 22 damals erbauen. Das Bild zeigt sie im Strandkorb auf Norderney.
Das Haus an der Herderstraße 22 ist seit Jahrzehnten verlassen und verfällt.
Trotz Leerstand und Verfall ist die Immobilie an der Herderstraße 22 begehrt.
Die Stolpersteine erinnern an die ermordeten Besitzer.
Fotos:
Michael Gründel, Archiv Palter
Autor:
Corinna Berghahn, Kathrin Pohlmann


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