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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Stadtkämmerer als Hexenmeister
Zwischenüberschrift:
Wie Fritz Wolf den Kampf gegen Wohnungsmangel in Osnabrück ins Bild setzte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum hat sich nicht nur in Osnabrück und im Osnabrücker Land zu einer enormen sozialen Herausforderung entwickelt. Dies war auch im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall, wie ein Blick in die Osnabrücker Wochenschau″ des Karikaturisten Fritz Wolf zeigt.

Osnabrück Der Mann demonstriert geradezu magische Kräfte: Ich bin ein Zauberer von Bedeutung″, erklärt Stadtkämmerer Dr. Herbert Senff den verdutzten Ratsherren und lässt innerhalb von 30 Sekunden größere Mengen Bargeld aus seinem Zylinder regnen. Ein sternenverzierter Umhang verleiht solch verblüffenden Qualitäten die Aura der Hexerei.

Hintergrund dieser Zeichnung Wolfs war ein Eilbeschluss″ des Osnabrücker Rates aus dem Dezember 1953: Der städtische Finanzchef wurde nach einem Dringlichkeitsantrag beauftragt, kurzfristig mindestens eine Million D-Mark für den sozialen Wohnungsbau zu beschaffen. Die eklatante Wohnungsnot war allenthalben zu greifen. Wohnungsbau ist das Problem Nr. 1!″, kommentiert nach Fritz Wolf einer der Sitzungsteilnehmer, während sein Ratskollege lakonisch anmerkt, dass sich nun die Mittelbeschaffung per Glücksspiel erübrige.

Im Vergleich zu dieser Szene nehmen sich die weiteren Teilzeichnungen des Wolf′schen Wochenrückblicks vom 19. Dezember 1953 fast banal aus: Einerseits hatte ein Dieb ausgerechnet aus der Wohnung eines Polizisten eine Wurst geklaut, und andererseits war nach Sparkasse und Polizei nun auch die deutsche Bundespost mit einer Filiale am Neumarkt vertreten.

Die Wohnraumfrage blieb dagegen auch im neuen Jahr ein wichtiges Thema lokaler Karikaturen: In der Ausgabe der Osnabrücker Wochenschau″ vom 13. März 1954 setzte Fritz Wolf die Kostendämpfung auf dem Bausektor ins Bild durch sogenannte Schlichthäuser! Auch dieser Aspekt des Wohnungsmarktes gerät aktuell wieder in den Blick, wenn Träger des sozialen Wohnungsbaus die enormen energetischen und planerischen Auflagen der Stadt etwa im Landwehrviertel beklagen.

Allerdings stießen Einfachst-Wohnhäuser vor sechseinhalb Jahrzehnten bei den Osnabrückern auf wenig Gegenliebe. In den Stadtteilen erhoben sich kritische Stimmen ob der befürchteten Abwertung des Wohnumfeldes solcher Neubauviertel, sodass der Stadtrat am Ende gegen diese Option votierte. Fritz Wolfs Bildidee zeigt daher Senator Dr. Dettmer H. Zopfs als Chef der Osnabrücker Bauverwaltung, der inmitten aufgebrachter Bürger mit seinem Schlichthaus-Modell auf verlorenem Posten steht.

Beinahe verstörend wirkte im Osnabrück der Nachkriegszeit die Idee, eigenen Wohnraum durch die Teilung von Mehrparteien-Häusern zu schaffen. Unter dem Stichwort des Etagen-Eigentums″ zeichnete der Karikaturist einen Bauzaun, den Hinweisschilder auf einzelne Bauherren überragen. Während er im Erdgeschoss seinen Freund, den Feuilletonredakteur Bernhard Schulz, als bauwilligen Neueigentümer sieht, reklamiert er selbst die Dachgeschoss-Wohnung für seine Frau Edith und sich. Der Name des Bauherrn in der zweiten Etage lässt Rückschlüsse auf die Befürchtungen gegen eine solche Eigentums-Teilungslösung zu: K. Krawall. Darüber hinaus sinnieren zwei ratlose Bürger, ob denn in seiner Etage jeder Eigentümer Krach nach eigenem Gutdünken machen könne.

Während sich der Bau und Erwerb von Eigentumswohnungen heute längst zu einer beliebten Alternative zum Eigenheim entwickelt hat, bleibt die Frage nach einem kontinuierlich geförderten, nachhaltigen und effizienten sozialen Wohnungsbau derzeit in Bund, Land und Kommune ebenso unbeantwortet wie der Zielkonflikt zwischen kostengünstigem Bauen und zukunftsorientierten Standards.

Die 77 Folgen der Osnabrücker Wochenschau″ zwischen Juli 1952 und Dezember 1954 machen indes deutlich: Viele aktuelle Probleme sind in ähnlicher Form bereits früher aufgetaucht ohne dass die Menschen daraus Lehren gezogen hätten. Wer genau hinschaut, findet auch dazu eine Wolf′sche Anmerkung: Auf dem Sitzungstisch vor Stadtkämmerer Senff liegt im linken unteren Winkel ein Blatt Papier mit einem Strichmännchen. Dieses langjährige Wolf′sche Erkennungsmerkmal kommentiert so auch die Erkenntnisfähigkeit des Menschen.

Zur Person: Hermann Queckenstedt ist Sprecher des Fritz-Wolf-Kuratoriums und Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück.

Bildtexte:
" Nach einem spontanen Dringlichkeitsantrag beschloß der Rat in Eilbeschluß, daß der Stadtkämmerer möglichst sofort mindestens eine Million Dm für sozialen Wohnungsbau beschaffen soll" (Auszug aus Die Osnabrücker Wochenschau″, 19. Dezember 1953.)
Auszug aus Die Osnabrücker Wochenschau″, 28. Februar 1953.
Das Problem der Schlichtbauten, gegen deren Errichtung jeder Stadtteil protestiert, stand in der letzten Ratssitzung an. Es wurde nach langer Debatte abgelehnt. (Auszug aus Die Osnabrücker Wochenschau″, 13. März 1954.)

Fritz Wolf

Die Neue Osnabrücker Zeitung″ widmet ihrem langjährigen Hauskarikaturisten Fritz Wolf anlässlich seines 100. Geburtstags eine Karikaturen-Serie. Als Rückblick auf die Bildthemen des Jubiläumsjahres und Ausblick ins neue Jahr ist der neue Fritz-Wolf-Kalender 2019 im Buchhandel zum Preis von 18, 90 Euro erhältlich. Für Infos und Rückfragen steht der Medienwissenschaftler Sebastian Scholtysek zur Verfügung: Telefon 01 76/ 31 11 06 63 oder per E-Mail: post@ Fritz-Wolf.de
Autor:
Hermann Queckenstedt


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