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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Organisierter Staatsterror
Zwischenüberschrift:
Novemberpogrome vor 80 Jahren markierten neue Stufe der Gewalt gegen Juden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ging die Osnabrücker Synagoge in Flammen auf. Die Feuerwehr durfte nicht löschen. Die von der SA angezettelte Brandstiftung vor 80 Jahren markierte auch in Osnabrück den Übergang von der Diskriminierung zur offenen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

Osnabrück In der Reichspogromnacht″ wurden in Deutschland rund 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört. Eine Verhaftungswelle folgte, 30 000 Juden kamen in Konzentrationslager.

Ähnlich wie schon beim Reichstagsbrand 1933 nutzte die NS-Führung ein zufälliges Ereignis als willkommenen Anlass, um eine weitere Eskalationsstufe in der Entrechtung der Juden einzuleiten: Der jüdische Student Herschel Grynszpan hatte am 7. November in Paris den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath erschossen.

Die NS-Propaganda deklarierte die folgenden Ausschreitungen als spontanen Ausbruch des Volkszorns″ in Reaktion auf das Attentat. In Wahrheit waren sie eine reichsweit inszenierte Gewaltaktion, die die Arisierung″, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes, beschleunigen sollte, um damit letztlich die deutsche Aufrüstung zu finanzieren. Historiker sehen in den Übergriffen auch eine Art Testlauf des Regimes, inwieweit die Mehrheitsbevölkerung die nächste Stufe der Maßnahmen tolerieren oder sogar unterstützen würde.

Bei der Inbrandsetzung der Osnabrücker Synagoge hatte die SA Befehl, in Zivil anzutreten, um Volkszorn zu spielen″, wie es in Gerichtsakten von 1949 heißt. Am folgenden Tag schon verzichtete die Parteiführung auf derartige Verkleidungen, als sie am Morgen des 10. November die wenigen verbliebenen jüdischen Geschäfte ausplündern ließ.

Wie das Foto zeigt, treten die SA-Männer in Uniform auf. Viele von ihnen scheinen sich bei der Aktion zu amüsieren, von Unrechtsbewusstsein oder Entdeckungsangst zeigen sie keine Spur. Kein Wunder: Man handelt auf Befehl und im öffentlichen Auftrag. Zum Abtransport der Warenbestände der Tuchgroßhandlung Flatauer bedient man sich eines unkaschierten Kleinlasters aus dem Fahrzeugpark der Partei, Unterorganisation Volkswohlfahrt. Um der Osnabrücker Bevölkerung die Rechtfertigung″ der Aktion vor Augen zu führen, haben die Parteisoldaten ein Schild an das Schaufenster geklebt: Rache für Mordsache vom Rath″.

Inhaber der Textil-, Woll- und Kurzwaren-Großhandlung Flatauer & Co. KG waren die Brüder Siegfried und Raphael Flatauer. Beide waren angesehene Mitglieder der Synagogengemeinde und Mitinhaber des Jüdischen Tennisplatzes inmitten des Wohnblocks, der von Katharinen-, Arndt-, Roland- und Herderstraße begrenzt wird.

Ihre Privathäuser lagen ganz in der Nähe: Siegfried wohnte mit seiner Frau Ingeborg in der Herderstraße 3 und Raphael mit seiner Alma in der Herderstraße 22. Das Schicksal des im Bauhaus-Stil errichteten Hauses Herderstraße 22 und seiner Bewohner wurde kürzlich ausführlich von unserer Redaktion nachgezeichnet.

Die Firma Flatauer wurde nicht in der Weise arisiert″, dass ein Nicht-Jude es übernahm und weiterführte. Sie wurde abgewickelt. Das entsprach den Interessen der nicht-jüdischen Geschäfte derselben Branche, die dadurch einen Konkurrenten weniger hatten.

Am 19. Dezember 1939 war die Abwicklung beendet. Wirtschaftsprüfer Dr. Hans Ludewig teilte mit: Der derzeitige Stand auf dem Treuhand-Konto beträgt RM 954, 76, welchen ich, nach Abzug der mir noch zustehenden Unkosten, dem noch hier befindlichen Mitinhaber der Firma, Raphael Flatauer, zur Verfügung stellen werde.″

Das Warenlager wurde dabei völlig unterbewertet. Es war schon vorher zum Teil dadurch wertlos geworden, dass das Rollkommando einen Stoffballen nach dem anderen durch die zerstörte Schaufensterscheibe in die Pfützen auf dem Gehsteig warf. Der Geschäftswert, also der immaterielle Wert eines eingeführten Geschäftsbetriebs, kam überhaupt nicht zum Ansatz. Vielfach wurden die Reparaturkosten für die von der SA eingeworfenen Schaufensterscheiben auch noch abgezogen.

Im Rechnungsjahr 1932/ 33 führte die Steuerliste der Synagogengemeinde 110 selbstständige Steuerpflichtige auf. Am 1. April 1933 begann eine öffentliche Boykott-Aktion gegen jüdische Geschäfte. Kunden, die weiterhin bei Juden kauften, wurden fotografiert und ihre Bilder in einem Schaukasten bei der Firma Kolkmeyer an der Georgstraße ausgehängt.

Viele Geschäfte wurden durch den beständig propagierten Boykott in den Ruin getrieben oder verkauften kurz vorher an nicht-jüdische Kaufleute. 1937 gab es noch 54 jüdische Kaufleute und Freiberufler, im August 1938 waren es 21 jüdische Firmen. Im Ergebnis der November-Pogrome strebte die Zahl gegen null.

Nach der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben″ vom 12. November 1938 war es Juden verboten, nach dem 1. Januar 1939 überhaupt noch Einzelhandelsgeschäfte oder Handwerksbetriebe zu führen. Am 4. April 1939 meldete Bürgermeister Dr. Windgaßen dem Regierungspräsidenten Vollzug: Nachdem die Witwe Ida Stern ihren Garagenbetrieb als mit dem 31. 3. 1939 eingestellt abgemeldet hat, sind sämtliche in das Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe eingetragenen Betriebe erloschen.″

Bildtexte:
Der Tuchgroßhandel Flatauer in der Möserstraße 26 wurde nach der Pogromnacht am 10. November 1938 von SA-Männern geplündert. Einige von ihnen scheint das Treiben zu amüsieren.
Ein bereits in die Jahre gekommener Nachkriegsbau links neben der Ausfahrt vom Autoschalter der Sparkasse steht heute an gleicher Stelle.
Fotos:
Archiv Museumsquartier Osnabrück/ Karl Ordelheide, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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