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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Dialog mit dem Islam führen″
Zwischenüberschrift:
Im Jubiläumsjahr 1998 kam auch Friedensnobelpreisträger Kissinger nach Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
1998 jagte in Osnabrück ein Superlativ den nächsten: Zwei Wochen nach dem Empfang der 20 gekrönten und ungekrönten Staatsoberhäupter zur Jubiläumsfeier 350 Jahre Westfälischer Frieden bekam der Friedenssaal wieder hochkarätigen Besuch.

Osnabrück Der frühere amerikanische Außenminister und Friedensnobelpreisträger Henry A. Kissinger und der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, trugen sich im Rathaus ins Goldene Buch der Stadt ein. Den bronzenen Steckenpferdreiter, den Kissinger von Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip geschenkt bekam, betrachtete der Amerikaner ganz genau von allen Seiten und ließ sich den geschichtlichen Hintergrund erläutern. Die 50 geladenen Gäste im Friedenssaal erlebten einen gut aufgelegten Kissinger und einen strahlenden Johannes Rau, dem man schon ein wenig präsidiale Vorfreude auf das höchste Amt im Staate ansah: Seine Wahl zum nächsten Bundespräsidenten war zu diesem Zeitpunkt bereits so gut wie sicher.

Vom Rathaus aus ging es in die Stadthalle. Eigentlich sollte Altkanzler Helmut Schmidt das von Stadt und Universität getragene Friedensgespräch mit Kissinger bestreiten. Aber der damals 79 Jahre alte Schmidt hatte sich bei einer Taiwan-Reise einen Virus eingefangen. Am 6. November mittags erreichte die Nachricht das Rathaus, dass Schmidt ausfalle. 20 Stunden blieben den Organisatoren, um einen Ersatz zu finden. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Schwanhold ließ seine Kontakte spielen und die Telefondrähte glühen, auch das Büro von Helmut Schmidt war pausenlos im Einsatz und telefonierte alle infrage kommenden Persönlichkeiten ab. In letzter Minute traf die erlösende Nachricht ein: Johannes Rau sagt zu, die Veranstaltung ist gerettet.

Die 1800 Plätze in der Stadthalle waren schon seit Tagen ausgebucht. Einen Trost konnte die Stadt allen bieten, die leer ausgegangen waren: Der Fernsehsender Phoenix würde das Gespräch in voller Länge ausstrahlen, allerdings erst einige Tage später. NDR, RTL, Kabel 1 und weitere Anstalten waren vertreten und zeigten am selben Abend Ausschnitte.

Moderatorin Sabine Christiansen, damals Ankerfrau″ der ARD- Tagesthemen″, begrüßte einen, der die Weltbühne beherrscht hat, und einen, der sie bald betreten will″.

Kissinger ging die Sache locker an und stellte zunächst fest: In Amerika können Sie an einem Samstagmorgen und bei einem solchen Thema nicht so viele aus dem Haus locken.″ Es bewege ihn, wie viele Osnabrücker 2000 waren eingelassen worden sich zu einem Friedensgespräch motivieren ließen. Der in Fürth geborene und 1938 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten geflohene Friedensnobelpreisträger hatte mit seiner sonoren Bassstimme das Publikum sofort auf seiner Seite. Die Dolmetscherin blieb arbeitslos. Obwohl seine Gesprächsunterlagen auf Englisch verfasst waren, bestritt der Gast alle Redebeiträge auf Deutsch.

Beide Zeitzeugen von Rang″ so Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip bei der Begrüßung waren sich darin einig, dass es zum Dialog mit dem Islam keine Alternativen gebe und der Islam nicht als Feindbild aufgebaut werden dürfe. Ohne Respekt gegenüber dieser alten und großen Kultur, aber auch ohne Klarheit über den eigenen Standpunkt und die eigenen Absichten könne kein vernünftiges Miteinander gelingen.

Rau betonte, Fundamentalismus gebe es nicht nur im Islam, sondern auch im Christen- und im Judentum. Im Nahostkonflikt nahm er deutlich Partei für die Palästinenser, die noch keine sozialen Früchte des Friedensprozesses ernten konnten″. Beide waren aber optimistisch, was die weitere Entwicklung angehe. Der Friedensprozess dort sei unumkehrbar″ eine Einschätzung, die heute wohl skeptischer gesehen würde.

Differenzen traten bei der Beurteilung der Lage im Mittleren Osten auf. Hier war Kissinger eher der Hardliner. Er meinte, im Irak seien Fehler gemacht worden. Der (erste) Golfkrieg hätte bis zur völligen Entmachtung Saddam Husseins weitergeführt werden müssen. Saddam könne nun unbehelligt weiteragieren. Rau kritisierte die westlichen Sanktionen. Die träfen die Falschen, nämlich die irakische Bevölkerung. Rau hielt dem Westen auch vor, von Menschenrechten nur dann zu reden, wenn wirtschaftliche Interessen dahinterstünden.

Kissinger zog einen Vergleich: So zersplittert wie Europa nach dem Dreißigjährigen Krieg war, so stellten sich heute die Länder der islamischen Welt dar. Daher komme das demütigende Gefühl einer Zweitrangigkeit gegenüber dem Westen. Einig waren sich beide darin, dass der Westen jede Attitüde der Herablassung vermeiden müsse, wenn er mit und über islamische Staaten rede.

In der lokalpolitischen Kolumne der NOZ″ meinte Till″ rückblickend: Es war zwar nicht unbedingt viel Neues, was die Zuhörer über die Problematik des Islam zu hören bekamen. Dennoch: Allein die Ausstrahlung der bekannten Politiker und die souveräne Gesprächsführung von Sabine Christiansen gaben der Veranstaltung einen besonderen Rahmen.″ Sie stelle einen würdigen Höhepunkt″ in der bisherigen Geschichte der Friedensgespräche dar.

Bildtext:
Friedensnobelpreisträger Henry A. Kissinger (Mitte) und der spätere Bundespräsident Johannes Rau trugen sich 1998 unter den Augen von OB Hans-Jürgen Fip ins Goldene Buch ein.
Foto:
Jörn Martens

Jubiläumsjahr

Vor 20 Jahren, im Jahr 1998, fand in Osnabrück Bemerkenswertes statt: Im Oktober versammelten sich Europas Staatsoberhäupter im Friedenssaal. Bereits im Juni bezauberte der Dalai Lama die Osnabrücker, und im Juli wurde das Felix-Nussbaum-Haus eröffnet.

Eine kostenlose Broschüre, die nun erschienen ist, blickt auf das denkwürdige Jahr zurück. Die erste Hälfte des 50-seitigen Heftes handelt vom 24. Oktober 1998, dem 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens. Die zweite Hälfte ruft unter anderem den 100. Geburtstag Erich Maria Remarques und die Europaratsausstellung ins Gedächtnis.

Die Broschüre begleitet die Ausstellung im Dachgeschoss des Rathauses Willkommen in Osnabrück, Eure Majestät 1998, als Europa den Frieden feierte″. Dort ist das Heft ebenso kostenlos zu bekommen wie in der Tourist-Information (Bierstraße).

Die Neue Osnabrücker Zeitung″ druckt einige Texte aus der Broschüre ab.
Autor:
Joachim Dierks


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