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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Magere Ossis statt blühender Landschaften
Zwischenüberschrift:
Wie Fritz Wolf den Mauerbau und die deutsche Wiedervereinigung ins Bild setzte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die innerdeutschen Angelegenheiten und, nach 1989, die Wiedervereinigung waren in der Neuen Osnabrücker Zeitung″ über Jahrzehnte zentrale Themen der politischen Berichterstattung insbesondere für deren langjährigen Chefredakteur Franz Schmedt. Dessen Leidenschaft für deutsch-deutsche Perspektiven teilte der Karikaturist Fritz Wolf.

Osnabrück Die Rechnung des Kanzlers ist 1995 denkbar einfach: Ein selbstzufrieden dreinblickender, wohlgenährter und wohlstandserfahrener Westmichel addiert mit einem zwar ausgezehrten, aber gleichwohl wohlstandshungrigen Ostmichel ergibt den neuen gesamtdeutschen Durchschnittsmichel. Dessen breites Grinsen spiegelt den selbstzufriedenen Blick Helmut Kohls, der fünf Jahre nach der Wiedervereinigung wie selbstverständlich eine positive Bilanz zieht.

Immerhin hatte der Kanzler der Einheit″ in den Wendejahren 1989/ 90 beherzt jene politische Chance ergriffen, die die Neuorientierung der sowjetischen Politik unter dem neuen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow zur Wiedervereinigung bot. Nach dem Mauerfall prophezeite Helmut Kohl seinen neuen Mitbürgern in Ostdeutschland blühende Landschaften″, doch der ökonomische Frühling ließ auf sich warten. Nicht nur die einstigen wirtschaftlichen Flaggschiffe der DDR wurden von der Treuhand verkauft oder liquidiert, sondern bei gleicher Arbeit lag das Lohn- und Gehaltsniveau bis auf Weiteres unter dem des Westens.

Fritz Wolfs furchtsam nach Westen schauender Ostmichel strahlt jene Ernüchterung aus, die sich in den 1990er-Jahren lähmend über viele Menschen in den fünf neuen Bundesländern legte und schon damals rechtsradikalen Tendenzen Vorschub leistete. Zur selben Zeit profitierte die westdeutsche Wirtschaft vom zusätzlichen Bedarf des Ossis, sodass die Kohl′sche Durchschnittsgleichung ökonomisch in Summe durchaus aufging.

Zwei Monate nach dieser Bilanz″ konnte die NOZ″ mit dem Papenburger Bundestagsabgeordneten Rudolf Seiters einen langjährigen Ehrengast beim 17. Osnabrücker Presseball begrüßen, der als ehemaliger Kanzleramts- und Innenminister zwischen 1989 und 1993 seine Hand am Puls der Wende″ hatte. Für seinen Beitrag zur Presseball-Zeitung kombinierte Fritz Wolf die Seiters-Vita mit der Kohl′schen Vision blühender Landschaften″.

Gemeinsam folgen der wandernde Kanzler und sein Ex-Minister dem Wegweiser Richtung Emsland. Vor allem der Kommentar des Pärchens am Wegesrand bringt die vielschichtige Lage auf den Punkt: Seiters zeigt Kohl eine blühende Landschaft″, kommentieren sie, denn das ehemalige Armenhaus der Nation hatte sich inzwischen zur Wachstumsregion gemausert.

Die Wolf′schen Zeichnungen zum Mauerbau vom 13. August 1961 zeigen, wie wichtig dem Karikaturisten das innerdeutsche Verhältnis während seines über fünf Jahrzehnte währenden Schaffens war. Ein halbes Dutzend Karikaturen beleuchtet die ersten Tage dieses Eisernen Vorhangs″ aus Beton und Stacheldraht, darunter ein hilflos hinter der Mauer wartender Bundeskanzler Konrad Adenauer, halbherzig protestierende amerikanische, britische und französische Alliierte, deren Protestnote ihrem russischen Gegenüber zum Anzünden seiner Zigarette dient, sowie ein belehrend über Macht, Recht und Freiheit schwadronierender SED-Chef Walter Ulbricht.

Besonders prägnant ist die Zeichnung zum 15. August: Hinter Stacheldraht ist ein sowjetischer Panzer in Verteidigungsstellung aufgefahren, der die Gesichtszüge des sowjetischen Machthabers Nikita Chruschtschow trägt. Aus der Dachluke schaut Ulbricht provokativ Richtung Westen. Das Schild am Zaun spricht diesem vor Gewalt strotzenden Bild Hohn: Hier beginnt der demokratische Sektor″. Die Gegenwart zeigt, dass nicht nur die Teilung, sondern auch die Einheit und ihre Folgen unterschiedliche Bewertungen des Wesens der Demokratie nach sich gezogen haben. Eine breite, selbstkritische und möglichst konsensfähige Rückbesinnung auf unsere demokratischen Traditionen scheint daher dringend geboten.

Zur Person: Hermann Queckenstedt ist Sprecher des Fritz-Wolf-Kuratoriums und Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück.

Bildtexte:
Die Bilanz″ (1995).
Fritz Wolfs Beitrag für den Katalog des Osnabrücker Presseballs 1995.
Hier beginnt der demokratische Sektor″ (1961).
Autor:
Hermann Queckenstedt


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