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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
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Überschrift:
Mobilität wird sauberer
Zwischenüberschrift:
Alstom schickt weltweit ersten Wasserstoff-Brennstoffzellen-Zug auf die Schiene / Alternative für Verkehr der Zukunft?
Artikel:
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Originaltext:
Ob im Schienenverkehr, als Flugzeugtreibstoff, für Schiffe oder im Personenverkehr, Wasserstoff wird in vielen Bereichen als grüner Kraftstoff der Zukunft gesehen. In einigen Bereichen eher als in anderen, sagen Experten.

Osnabrück Für den Laien sieht der Coradia iLint von Europas größtem Schienenfahrzeugbauer Alstom an Gleis 1 in Bremervörde aus wie jeder andere Zug. Fast geräuschlos und vor allem pünktlich ist er eingefahren. Und doch machen ihn kleine Veränderungen zu etwas Besonderem: Wasserstofftank und Brennstoffzellenanlage auf dem Dach sorgen für einen emissionsfreien elektrischen Antrieb, auch ohne Oberleitung. Durch die Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasserdampf und Wasser wird in der Brennstoffzelle elektrische Energie erzeugt. Dies ist ein bedeutender Tag für Alstom und für die Mobilität der Zukunft. Der weltweit erste Wasserstoff-Brennstoffzellen-Zug nimmt den regulären Fahrgastbetrieb auf und ist somit serienreif″, sagte Henri Poupart-Lafarge, Präsident und CEO von Alstom, gestern bei der Premiere.

Wasserstoff als Energielieferant im Schienenverkehr, das ist in Niedersachsen ein Novum. Und doch hat sein Einsatz als Treibstoff und Lieferant für Bordenergie eine lange Tradition. Seit den 1950/ 60er-Jahren wird kryogener flüssiger Wasserstoff als Raketentreibstoff genutzt. In Brennstoffzellen kommt Wasserstoff seit 40 Jahren zum Einsatz und liefert unter anderem Strom und Wärme für die Bordsysteme im All.

Dagegen steckt seine Verwendung als Kraftstoff für Passagierflugzeuge noch in den Kinderschuhen. Erst vor zwei Jahren hat die von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelte HY4 ihren Jungfernflug absolviert als weltweit erstes viersitziges Passagierflugzeug, das ausschließlich mit einem Wasserstoffbrennstoffzellen-Batterie-System ausgestattet ist. Allerdings: Große Passagierflugzeuge werden auf absehbare Zeit noch mit konventionellen Antrieben fliegen″, erklärte der Leiter des DLR-Instituts für Technische Thermodynamik, André Thess, damals bereits. Und auch eine Studie von Shell und dem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie zur nachhaltigen Mobilität durch Brennstoffzelle und Wasserstoff kommt zu einem ähnlichen Schluss: Die Anwendung von Brennstoffzellentechnik als einziger Quelle oder Hauptantrieb und - treibstoff für vollwertige Verkehrsflugzeuge im nationalen und internationalen Flugverkehr ist noch nicht abzusehen.

Lösungen gibt es

Anders sieht es auf dem Wasser aus, auch wenn ein Vorzeigeprojekt auf der Hamburger Alster eingestellt wurde. Vor zehn Jahren nahm die FCS Alsterwasser ihren Dienst auf als weltweit erstes größeres Passagierschiff, das Wasserstoff als Antrieb nutzte. Nachdem Betreiber Linde seine Tankstelle jedoch mangels zusätzlicher Nachfrage wieder abbaute, musste das Schiff seinen Dienst einstellen.

Und wie sieht es auf der Straße aus? Brennstoffzellenbusse haben inzwischen eine hohe technische Reife erlangt. Allerdings werden sie noch nicht in Serie gefertigt″, heißt es in der Shell-Wasserstoff-Studie. Entsprechend teuer ist die Anschaffung. In Hamburg ist bereits seit 2003 ein erster Brennstoffzellen-Bus im Einsatz.

Auch die Automobilindustrie hat früh erste Wasserstoff-Pilotfahrzeuge auf den Markt gebracht, doch die Serienfertigung hat auf sich warten lassen. Pionier Toyota hat seit 2014 seinen Mirai mit Brennstoffzellenantrieb in Serienfertigung und will die Technologie massentauglich machen. Andere Hersteller wie Honda oder Daimler haben mittlerweile nachgezogen. Dennoch bleibt die Auswahl für den Kunden begrenzt, und Fahrzeuge sind teuer. Entsprechend kritisch sieht Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer im Gespräch mit unserer Redaktion die Entwicklung: Ein wasserstoffgetriebener Elektroantrieb für Pkw ist in den nächsten 20 Jahren Quatsch″, sagt er. Die Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Fahrzeuge werde immer dichter. Damit ist der Elektroantrieb über Batterie um Lichtjahre voraus″, so die Einschätzung des Experten. Zusätzlich werde die Batterie kontinuierlich optimiert. Die Autoindustrie sollte sich auf eine Sache konzentrieren und die richtig machen. Die Zukunft liegt in der batteriegetriebenen Elektromobilität″, ist Dudenhöffer überzeugt. Die aktuellen Zahlen geben ihm recht. Mit Strom aus einer Wasserstoff-Brennstoffzelle fahren bundesweit aktuell nur 325 Fahrzeuge.

Dagegen sieht die Westfalia AG einen steigenden Bedarf. Ihre Ende 2016 eröffnete Tankstelle in Münster- Amelsbüren ist heute eine von 50. Bis 2023 will H2 Mobility, eine Allianz aus Fahrzeug- und Mineralölherstellern, das Tankstellennetz in Deutschland auf 400 Standorte ausbauen. Die monatliche Nutzung stieg von 40 Tankungen mit rund 100 Kilogramm im Januar 2018 auf 78 Tankungen mit rund 300 Kilogramm im Juni 2018″, sagte Andre Stracke, Leiter des Bereichs Tankstellen, gegenüber unserer Redaktion. Dabei tanken″ Fahrzeuge in drei bis fünf Minuten zwischen vier und acht Kilogramm Wasserstoff, so die Shell-Studie. Die Reichweiten liegen heute zwischen 400 und 500 Kilometern.

Neben dem eigenen Mietfahrzeug, einem Hyundai ix35 Fuel Cell, würden auch weitere Autos der koreanischen Marke sowie Renault Kangoo und Toyota Mirai, aber auch Mercedes-B-Klassen in Münster tanken. Zudem sollen zwei Wasserstoff-Busse der Stadtwerke Münster im Herbst angeliefert werden und dann ihren Bedarf an der Station decken ein Vorzeigeprojekt mit hoher Symbolwirkung″, so Stracke.

Auch wenn Wasserstoff heute schon als grüne Alternative″ angepriesen wird, wirklich grün″ ist der Kraftsoff aktuell nicht. Es müsse jedoch zwischen der aktuellen Situation und dem Zukunftspotenzial unterschieden werden, sagte Lars Mönch vom Umweltbundesamt gegenüber unserer Redaktion. Wasserstoff als Antriebsalternative ist für die langfristige Umsteuerung wichtig und kann hergestellt aus Wind- oder Sonnenenergie ein grüner Kraftstoff sein.″ Bis 2021 werde der Wasserstoff für die niedersächsischen Wasserstoff-Brennstoffzellen-Züge aus grünem Strom hergestellt, ist der parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Enak Ferlemann, überzeugt.

Strombedarf steigt

Mönch betonte jedoch auch: Dass Wasserstoff künftig aus überschüssigem Windstrom erzeugt werden könne, sei ein Mythos. Diesen Strom gibt es nicht, höchstens örtlich begrenzt und in verschwindend geringen Mengen. Daher ist es notwendig, den künftig für die Mobilität notwendigen Strombedarf in den Energiebedarf einzupreisen.″ Laut einer Studie des Umweltbundesamtes werde der Verkehr 2050 so viel Strom benötigen, wie ganz Deutschland heute verbraucht.

Bis dahin vergeht noch viel Zeit. Einstweilen hat der seit Juli zugelassene Alstom-Zug, der von der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser GmbH betrieben wird, seine Premierenfahrt gemeistert, ab heute werden zwei der Züge Fahrgäste im Linienverkehr auf der knapp 100 Kilometer langen Strecke Cuxhaven–Bremervörde–Buxtehude befördern. Ab 2021 sollen dann weitere 14 Wasserstoff-Züge auf der Strecke rollen, in die das Niedersächsische Wirtschaftsministerium rund 81 Millionen Euro investiert hat. Interesse gibt es auch in anderen Bundesländern und weltweit, sagte Alstom CEO Henri Poupart-Lafarge.

Verkehr der Zukunft: mehr zum Thema auf noz.de/ automobil

Kommentar
Ein Anfang, aber nicht das Ende

Der Verkehr muss grüner werden, wenn die Bundesregierung ihre Klimaziele erreichen will. Daran besteht kein Zweifel. Denn ein Fünftel der Treibhausgase in Deutschland geht auf sein Konto. Soll die Energiewende also vorankommen, muss also auch in puncto Mobilität umgedacht werden.

Ob Wasserstoff dabei das Maß aller Dinge werden wird, ist mittelfristig jedoch fraglich. Die Herstellung ist energieaufwendig und grün wird der Kraftstoff nur, wenn in diesem Prozess auch ein grüner Strommix verwendet wird. Davon sind wir jedoch trotz aller Ausbauinitiativen und Rekorden bei der Produktion von Ökostrom noch weit entfernt.

Sich frühzeitig mit der Technologie zu beschäftigen und auch ohne makellose Ökobilanz Pilotprojekte ob mit Brennstoffzelle oder Wasserstoff als Kraftstoff auf die Straße, Schiene und in die Luft zu bringen, ist dennoch richtig. Nur so können Erfahrungen gesammelt und die Technologie und Prozesse verbessert werden. Das hat auch Auswirkungen auf den Preis, der unter anderem im Pkw-Verkehr aktuell alles andere als massentauglich ist.

Dass Fahrzeug- und Kraftstoffhersteller dennoch in Vorleistung gehen und die Infrastruktur ausbauen, ist weitsichtig aber auch eine Wette auf die Zukunft. Der Ausbau beugt dem Henne-Ei-Problem, vor dem auch der batterieelektrische Antrieb steht, vor. Dass er sich am Ende lohnt, ist jedoch heute keineswegs sicher.

Zur Sache: Wasserstoff

Wasserstoff (H) ist das erste Element im Periodensystem und ist das kleinste und leichteste aller Elemente. Molekularer Wasserstoff (H2) ist etwa 14, 4-mal so leicht wie Luft. Auf der Erde kommt Wasserstoff hauptsächlich in gebundener Form vor. Das häufigste und wohl bekannteste Auftreten ist in Wasser (H2O), aber auch in Erdgasen wie Methan oder in Erdöl sind wasserstoffhaltige Verbindungen enthalten, aus denen mit unterschiedlichen Verfahren Wasserstoff gewonnen werden kann. Auch in mehr als der Hälfte aller bisher bekannten Minerale ist das Element zu finden. In seiner reinen Form als unvermischtes Gas kommt Wasserstoff hingegen nur selten vor.
Autor:
Nina Kallmeier


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