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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Make Love, no(t) War!″
Zwischenüberschrift:
Wie Fritz Wolf 1973 zwei Staatschefs zu beschwingt-fröhlichen Blumenkindern machte
Artikel:
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Originaltext:
Make Love, no War! resümierte Fritz Wolf, als er Ende Juni 1973 die vorsichtige Annäherung beim Treffen von US-Präsident Richard Nixon und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew in Washington ins Bild setzte.

Osnabrück 45 Jahre später scheinen auch ihre politischen Erben Donald Trump und Wladimir Putin das alte, vom Osnabrücker Karikaturisten um ein t″ gekürzte Hippie-Motto zu bestätigen, als sie jüngst in Helsinki ihren verbalen Schulterschluss vollzogen.

Ein amerikanisch-sowjetisches Gipfeltreffen als symbolischer Protestmarsch zweier stilgetreu gekleideter, einträchtig eingehakter präsidialer Blumenkinder? Da kann das junge Paar in Minirock und Schlaghose nur ungläubig staunen. Während ihre geschulterte Gitarre auf den großen Einfluss von Musik auf die Jugend- und Protestbewegung verweist, schlägt die Kleidung der Staatsoberhäupter den Bogen in deren Heimatländer.

Das weit geschnittene Hemd Leonid Breschnews kombiniert traditionelle Textilkultur des Sowjetreiches mit modischen Vorlieben der Woodstock-Generation, während die großen Karos auf Richard Nixons Oberkörper die Cowboy-Welt des Wilden Westens anklingen lassen. Ihre Ketten aus echten Blüten stehen für die Sehnsucht nach naturnah-befreiter Lebensführung und spiegeln sich in den großformatigen Blumenmustern der Hosen, unter deren weiten Schlag ebenfalls ein Blick lohnt: Ganz im Trend der Zeit wandelt Leonid Breschnew mit progressiver Attitüde barfuß neben seinem beschuhten Gesprächspartner über das harte Pflaster der US-Hauptstadt.

Mit Spannung hatte die Welt das Treffen der beiden Staatsoberhäupter erwartet, denn die Zeichen der Zeit standen auf Entspannung: Der völlig undramatische Beginn der Breschnjew-Visite zeigt, dass die Beziehungen zwischen beiden Supermächten normal zu werden beginnen″, kommentierte Jürgen Kramer als Washingtoner Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit″ am 22. Juni 1973. Innenpolitisch hatte Richard Nixon derweil ganz andere Sorgen, denn die Watergate-Affäre strebte ihrem Höhepunkt zu der im Folgejahr im Rücktritt des Präsidenten gipfelte.

Nutzte Wolf hier die Flower-Power-Generation und ihre optischen Skurrilitäten als Bühne für seine politische Karikatur, so nahm er auch grundsätzlich modische Tendenzen und Wirrungen aufs Korn. 1974 zeichnete er für seine wöchentliche Bildfolge auf der Satire-Seite des Magazins Stern″ den Cartoon Junge Mode″, der beiden Aspekten gerecht wird. Am Rande bemerkt: Diese neben den Bildern aus der Provinz″ zweite regelmäßige Auftragsreihe für den Stern″ hatte überwiegend politische Inhalte und ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten.

Die Junge Mode″ beleuchtet in fünf Zweijahresschritten die Zeit von 1966 bis 1974 und beginnt 1966 mit einem völlig abgerissen auftretenden Pärchen, das unter den seinerzeit mit bürgerlicher Abscheu verwendeten Sammelbegriff Gammler″ fiel: Man beachte auch hier die Gitarre als zeittypisches Accessoire. Auf dem Höhepunkt der 68er-Proteste zeigt Fritz Wolf die Jeans samt breitem Gürtel als modisches Markenzeichen aufmüpfiger Studenten, die mit geballter Faust ihre Solidarität zum südamerikanischen Revolutionär Che″ Guevara bekunden.

Das Jahr 1970 steht im Zeichen der Flower Power, die mit Blumenmuster auf dem Stoff sowie echten Blüten in den Händen und zwischen den Lippen gute Laune versprüht. Zwei Jahre später repräsentieren dann kritische Intellektuelle einen anderen Zeitgeist: In Minirock und Rollkragenpullover frönen sie linker Lektüre, die sie im Angesicht ihres geistigen Übervaters Karl Marx durch ihre Nickelbrillen verschlingen.

Ans Ende der Reihe setzt Fritz Wolf 1974 das wieder erstarkende deutsche Spießbürgertum: den Herrn im Fischgrät-Anzug mit Schirm, Schlips und Melone, die Dame im pelzbesetzten taillierten Mantel und hohen Stiefeln und beide mit gepflegter Kopfbedeckung. Im Jahr des Rücktritts Willy Brandts als Bundeskanzler deutet das abgebildete politische Konterfei auf politischen Gesinnungswandel: Der Spiegel-Affären-Protagonist und CSU-Chef Franz Josef Strauß löst als neue Ikone der Konservativen die alten linken Haudegen Che und Karl ab…

Zur Person: Hermann Queckenstedt ist Sprecher des Fritz-Wolf-Kuratoriums und Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück.

Bildtexte:
Die Karikatur Junge Mode″ erschien 1974 im Magazin Stern″.
Richard Nixon und Leonid Breschnew stellte Fritz Wolf 1973 als Blumenkinder dar.

100 Jahre Fritz Wolf

Die Neue Osnabrücker Zeitung″ widmet ihrem langjährigen Hauskarikaturisten Fritz Wolf anlässlich seines 100. Geburtstags eine Karikaturen-Serie. Die beiden vorgestellten Zeichnungen sind derzeit auch in der Sonderausstellung Was der deutsche Mann im Sommer trägt…″ im Tuchmachermuseum in Bramsche zu sehen, die vor allem durch Folgen aus den Bildern aus der Provinz″ sowie der Frauenzeitschrift Brigitte″ die Geschichte der bundesdeutschen Alltagsmode erzählt. Das Berliner Carré der Sparkasse Osnabrück am Berliner Platz zeigt zudem in seinen Schaufenstern Fußball-Karikaturen von Fritz Wolf zum VfL Osnabrück. Die Fritz-Wolf-Gesellschaft möchte für ein Werkverzeichnis auch die bislang unbekannten Werke ihres Namenspatrons dokumentieren, die für private Empfänger entstanden sind. Hinweise nimmt der Medienwissenschaftler Sebastian Scholtysek entgegen unter Tel. 01 76/ 31 11 06 63 oder per E-Mail an post@ Fritz-Wolf.de
Autor:
Hermann Queckenstedt


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