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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Vor zehn Jahren zogen die Briten ab
 
Den Briten-Abzug als Chance verstanden
Zwischenüberschrift:
Vor zehn Jahren begann der Osnabrücker Brexit
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Heute vor zehn Jahren nahm die britische Arme mit einer Militärparade offiziell Abschied von Osnabrück. Wie hat sich die Stadt in zehn Jahren Osna-Brexit″ verändert, was ist geblieben? Das beantworten wir in einer Serie.

Der Rückzug begann offiziell am Samstag, 19. Juli 2008, um 17 Uhr. Zu dem Zeitpunkt, heute vor zehn Jahren, marschierten 500 britische Soldaten im strömenden Regen zur Abschiedsparade auf dem Markt auf. Eine Epoche der Stadtgeschichte gehe zu Ende, sagte der damalige Oberbürgermeister Boris Pistorius. Und eine neue Epoche begann. Ein Rückblick auf den Osnabrücker Brexit.

Osnabrück Tapfer ließen die Soldaten den Platzregen von ihren Uniformen abtropfen, als Brigadegeneral Julian Free dem Oberbürgermeister zum Abschied ein Zeremonienschwert überreichte. Das Gefühl der Dankbarkeit wird noch stärker werden, wenn wir merken, was wir an Osnabrück hatten″, sagte der Kommandeur der 4. Panzerbrigade. Wir lassen Sie ungern ziehen″, erwiderte Pistorius.

Der jährliche Aufmarsch Freedom of the City″ wurde im Juli 2008 zum formellen Zapfenstreich. Einen Monat später zogen die ersten Soldaten Richtung Heimat ab. Am 25. September 2008 schloss Garnisonskommandeur Mark Cuthbert-Brown das Tor der Landwehr-Kaserne in Atter ab und übergab den Schlüssel dem Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) Klaus Thörner. Nach und nach folgten die anderen Kasernen. 2010 war der kleine Brexit abgeschlossen.

Osnabrück stand vor einer Aufgabe historischen Ausmaßes. 160 Hektar wurden in kurzer Zeit frei, dazu 1300 Wohneinheiten von der Kommandeursvilla auf dem Westerberg über Einfamilien- und Reihenhäuser bis hin Wohnblocks in der Dodesheide. Es war die Chance, auf 160 Hektar eine neue Stadt zu bauen. Es drohte aber auch die Gefahr, dass mit dem Abzug der Soldaten und ihrer Familien von insgesamt 12 000 Menschen eine Abwärtsspirale sich zu drehen begann.

In seiner Handgiftenrede 2006 hatte der damalige Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip die Bombe platzen lassen. Seine Ankündigung, dass das britische Verteidigungsministerium die größte Garnison außerhalb des Mutterlandes schließen werde, löste bei den Zuhörern und später in der Stadt gemischte Gefühle aus. Wie schwer würden der Verlust von Kaufkraft und Arbeitsplätzen auf die Wirtschaft Osnabrücks durchschlagen? Wie lange würden Leerstand und Siechtum der Liegenschaften andauern? Alt-OB Fip sah diese Gefahren, aber mit der ihm eigenen unternehmerischen Sicht betonte er bei jeder Gelegenheit die Chancen, die sich damit plötzlich boten. Es war dann sein Nachfolger Boris Pistorius, der diese Chancen ergriff.

Chefsache

Pistorius machte mit Amtsantritt im November 2006 die Konversion, die Umwandlung militärischer Liegenschaften für zivile Nutzungen, zur Chefsache. Von der für 2015 geplanten Bundesgartenschau sagt er sich los: Zwei Projekte dieser Größe zur gleichen Zeit wären nicht zu schaffen, sagte er.

In der Stadtverwaltung entstand eine fachübergreifende Lenkungsgruppe Konversion für die strategische Steuerung. Ein neuer Unterausschuss des Rates bereitete die politischen Entscheidungen vor. In beiden Gremien saß die Bima als Eigentümerin aller Liegenschaften mit am Tisch. Die Gesamtkoordination lag bei Pistorius und einer im Fachbereich vom damaligen Stadtbaurat Wolfgang Griesert angesiedelten Projektgruppe mit Thomas Rolf, Brigitte Strathmann, Claudia Sierp und Paul Barron.

Das Interesse in der Öffentlichkeit war von Anfang an groß. Die Stadt bot Busrundfahrten durch die Kasernen an, die seit Kriegsende nur zu besonderen Feiern und dann nur in kleinen Zonen öffentlich zugänglich waren. Über 250 Osnabrücker hörten im Juni 2007 im Haus des Gastes zu, als Pistorius und das Konversionsteam den weiteren Prozess erläuterten. Mich beeindruckt bis heute, mit welcher Dynamik und Tatkraft damals alle das Thema angepackt haben″, sagt Pistorius heute aus der Rückschau. Osnabrück war damit schneller als andere Standorte, die auch vom Abzug betroffen waren.″

Häuser begehrt

Schnell reagierte auch die Bima, der bis dahin eher der Ruf der Behäbigkeit anhaftete. In enger Zusammenarbeit mit der Stat brachte sie die Wohnungen und Häuser an dem Markt. Ein Punktesystem half, auch Familien den Zugriff auf begehrte Immobilien zu ermöglichen. In nur zwei Jahren ist es gelungen, praktisch alle Wohnungen zu verkaufen″, zitiert Autor Frank Henrichvark die Bima-Leiterin Sonja Richter in seinem Buch Jeder zehnte Osnabrücker war ein Engländer″. In der Bundesanstalt gilt Osnabrück als Schulbeispiel für eine gelungene Konversion″.

Was geschieht mit den Kasernen? Schon früh hatte das Konversionsteam die städtebaulichen Talente und Lagequalitäten der sechs Militärgebiete zusammengefasst, ohne etwas vorwegzunehmen. In einem großen Beteiligungsprozess sammelte die Stadt die Schwarmintelligenz von Planern, Architekten, Landschaftsgestaltern und vor allem der Bürger ein. In Workshops wurden die Potenziale und Entwicklungschancen jedes einzelnen Standorts ausgearbeitet.

Dass die Standorte auf dem Westerberg (Scharnhorst- und Metzer-Kaserne) sich für Hochschule, Wissenschaft und fürs Wohnen anbieten, lag auf der Hand. Das bisherige militärische Sperrgebiet am Hafen (Winkelhausen-Kaserne) eignete sich für Gewerbe und Dienstleistungen, im westlichen Teil unter Umständen auch für den Wohnungsbau. Die Stärken der Mercer-/ Imphal-Barracks auf dem Limberg lagen und liegen im Bereich Sport, Freizeit, Gewerbe und Naherholung. Die Kaserne an der Landwehrstraße in Atter wurde schon früh als möglicher Wohnstandort identifiziert. Anregungen aus der professionell moderierten, bürgerschaftlichen Ideensammlung flossen in die entsprechenden Bebauungspläne ein, die der Rat 2011 bis 2013 verabschiedete.

Zehn Jahre nach der Abschiedsparade vor dem Rathaus lässt sich feststellen: Osnabrück hat die Chancen genutzt, die der Briten-Abzug bot. Wenn ich heute an den Kasernen vorbeikomme, freue ich mich über das, was dort entstanden ist″, sagt Boris Pistorius.

Morgen: Die Briten und das Bullerbü Was wurde aus den Britenhäusern?

Bildtext:
Im strömenden Regen verabschiedeten sich die britischen Streitkräfte am 19. Juli 2008 offiziell aus Osnabrück. Brigadegeneral Julian Free übergab dem damaligen Oberbürgermeister Boris Pistorius (beschirmt von Verbindungsoffizier Christopher Linaker) ein Zeremonienschwert.
Archivfoto:
Michael Hehmann

10 Jahre danach

Vor zehn Jahren verabschiedete sich die britische Armee offiziell aus Osnabrück. In einer Serie schauen wir nach, was aus den Kasernen geworden ist, wer in den Britenhäusern wohnt und was von den Briten in der Stadt geblieben ist.

Kommentar
Prognosen von gestern

Mitunter lohnt sich ein Blick in die Prognosen von gestern: Eine Studie von 2009 sagte der Stadt Osnabrück eine Schrumpfung für die nächsten Jahre voraus. Das Gegenteil ist eingetreten: Die Einwohnerzahl ist auf über 170 000 gestiegen auch dank der erfolgreichen Vermarktung der Briten-Wohnungen.

Der Osnabrücker Immobilienmarkt hat entgegen vielen Vorhersagen aus der Branche das plötzliche Angebotsplus ohne Verwerfungen geschluckt. Die Preise blieben in der heißen Vermarktungsphase 2009 bis 2011 in allen Bereichen stabil und ohne spürbare Ausschläge. Der Bundesfinanzminister dürfte damals zwischen 40 und 50 Millionen Euro durch den Verkauf der Wohnungen eingenommen haben.

Und die Kasernen? Zum Teil echte Vorzeigeobjekte. Man schaue sich das Innovationszentrum und den Wohnpark an der Sedanstraße an. Oder Kaffee Partner am Hafen, den Campus mit Bibliothek und Hörsaalgebäude an der Barbarastraße. An der Landwehrstraße entsteht zurzeit das größte Wohngebiet seit Jahrzehnten, und auch auf dem Limberg kommt der Zug ins Rollen.

Unaufgeregt, klug, schnell und mit großer Entschlossenheit haben Politik und Behörden die Chancen beim Schopfe gepackt, die der Briten-Abzug bot. Ein Lehrstück.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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