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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Flüchtlings-Obdach auch schon 1950
Zwischenüberschrift:
Das unvollendete Wehrmachts-Lazarett ist jetzt offiziell Flüchtlingsheim
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Das heutige Erich-Maria-Remarque-Haus für Flüchtlinge an der Sedanstraße war zuvor nacheinander Wehrmachts-Lazarett im Rohbau, Obdach für Flüchtlinge und Ausgebombte, Bundeswehr-Krankenhaus und Teil des städtischen Klinikums.

Osnabrück Seine Entstehung verdankt der Gebäudekomplex dem gigantischen Aufrüstungsprogramm der deutschen Wehrmacht. Etwa zur gleichen Zeit, als die Winkelhausen-Kaserne in Haste aus dem Boden gestampft wurde, reiften die Pläne für ein Standort-Lazarett unter Regie der Luftwaffe.

1936 musste die Stadt dafür Gelände zwischen Natruper und Heger Holz an das übermächtige Heeresbauamt abtreten. Da gab es keine Auslegung der Pläne, keine Beteiligung von Trägern öffentlicher Belange, kein Kopfzerbrechen über Landschafts- und Naturschutz in Windeseile, denn alle Planungen waren auf einen baldigen Kriegsbeginn ausgerichtet, wurde ein Streifen des Natruper Holzes gerodet und ein kolossales Bauwerk hochgezogen.

Der Krieg kam dann sogar noch schneller als erwartet. Als Hitler im September 1939 Polen überfiel, war nicht mehr als der Rohbau fertiggestellt. Alle Materiallieferungen wurden gestoppt und alle Bauarbeiter abgezogen, weil es für sie jetzt noch wichtigere Aufgaben gab. Der Lazarett-Torso überstand den Bombenkrieg relativ unbeschadet. Nur der seitliche Wirtschaftsflügel hatte einen Volltreffer abbekommen.

Die auf der historischen Aufnahme erkennbaren Deckeneinstürze hatten einen anderen Grund. Die Osnabrücker wollten ihre Häuser wieder aufbauen, aber es fehlte an Baumaterial. Da kam die Rohbau-Ruine als Steinbruch″ gerade recht. Ein außergesetzlicher lebhafter Abbaubetrieb entwickelte sich. Elf tragende Wände wurden zerlegt. In der Folge stürzte der Mitteltrakt ein. Clevere Schwarzarbeiter tauschten die von ihnen herausgebrochenen Mauersteine und Sandstein-Gewände an Ort und Stelle gegen Lebensmittel und Zigaretten. Ab Juni 1946 setzte die Stadt nachts Wachen ein. Das aus der Not geborene Baustoff-Recycling kam zum Erliegen.

Die ruinierte Ruine″, wie das Osnabrücker Tageblatt″ sie 1952 nannte, erschien dennoch viel zu schade für einen Komplettabriss, da umbauter Raum Mangelware war. Ausgebombte Familien und Flüchtlinge richteten sich im Erdgeschoss notdürftige Wohnstätten ein. Das Wohnungsamt erfuhr davon, ließ sie aber kramen″, wie das Tageblatt″ schrieb, denn bei einer Zwangsräumung hätten sie die Liste der Wohnungssuchenden nur noch länger gemacht.

Fast drei Jahrzehnte, von 1939 bis 1967, war das Haus eine hässliche Ruine. Keiner wusste so recht etwas damit anzufangen. Unterschiedliche Nutzungskonzepte wurden diskutiert. Die Stadt wollte kein Krankenhaus an der Stelle, weil sie dann weiteren Flächenbedarf im Landschaftsschutzgebiet befürchtete. Das Bundesverteidigungsministerium hatte aber Interesse bekundet und setzte sich schließlich durch. Ein 200-Betten-Lazarett sollte entstehen. 1965 wurde mit Teilabbrüchen begonnen, 1967 feierte man Richtfest. Bis die ersten kranken Soldaten hineingerollt werden konnten, vergingen noch fünf Jahre. Der Bau eines unterirdischen atombombensicheren Notlazaretts unter dem eigentlichen Bundeswehrkrankenhaus für den Ernstfall″ hatte Zeit und Geld verschlungen, von 30 Millionen DM war die Rede.

Der Zusammenbruch des Warschauer Paktes und die Integration der DDR-Volksarmee stellten die Bundeswehr vor neue Aufgaben. Standorte in den alten Bundesländern standen auf der Kippe. Nachdem 1990 noch einmal weitere acht Millionen DM in die Modernisierung von Intensivstation und Röntgendiagnostik gesteckt worden waren, kündigte Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg 1991 die Schließung für Ende 1993 an.

Nach nur 21 Jahren Betrieb kaufte die Stadt das Bundeswehrkrankenhaus, dessen Wert zu Beginn der Verkaufsverhandlungen auf 70 Millionen DM taxiert worden war, für 16 Millionen DM, um hier einen Zweitstandort der städtischen Kliniken einzurichten. Bereits im Folgejahr 1994 nahmen die Geriatrie und eine Abteilung für Schädel-Hirn-Verletzungen die Arbeit auf.

Auch die Phase unter städtischer Regie währte nur etwa 20 Jahre. Am Hauptstandort Finkenhügel war ein neues Zentrum für Geriatrie errichtet worden. Im November 2014 zogen die Abteilungen dorthin um.

Große Teile des Gebäudes standen nun leer und verursachten Kosten ohne Nutzen. Da fiel es der Stadt wie ein Geschenk in den Schoß, als der niedersächsische Innenminister und frühere Osnabrücker Oberbürgermeister Boris Pistorius die Einrichtung einer Erstaufnahme für Flüchtlinge im ehemaligen Krankenhaus vorschlug. 750 000 Euro an jährlichen Mieteinkünften nahmen den Stadtvätern etliche Sorgen von den Schultern.

Nach einem Schnellstart im November 2014 nahm das von der Diakonie betreute Wohnheim (inzwischen Erich-Maria-Remarque-Haus″) noch vor Weihnachten 2014 die ersten 150 Gäste″ auf. Bis Mitte 2015 wuchs die Kapazität auf 600 Betten an.

Bildtexte:
Diesen trostlosen Anblick bot die Lazarett-Ruine über drei Jahrzehnte. Um 1952 sind ordentliche Schrebergärten davor angelegt worden.
Von 1972 bis 1993 diente die Liegenschaft als Bundeswehr-Krankenhaus, in dem auch zivile Patienten aufgenommen wurden (hier ein Foto aus dem Mai 1991).
Seit 2014 ist das frühere Krankenhaus der vierte Standort der Landesaufnahmebehörde für Flüchtlinge.
Fotos:
Emil Harms, Michael Münch, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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