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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Mehr Wohnungen, weniger Wäldchen
Zwischenüberschrift:
Ein typischer Konflikt ums Bauen: Im Widukindland wehren sich Anwohner gegen die Pläne der Stadt
Artikel:
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Originaltext:
Dass die Stadt möglichst viel Wohnraum schaffen will, kommt nicht überall gut an. Zum Beispiel im Widukindland. Dort wollen Anwohner nicht hinnehmen, dass ein kleines Wäldchen zwei Einfamilienhäusern weicht. Misstrauisch wird jede Äußerung aufgenommen, die von einer städtischen Stelle kommt.

Osnabrück. Ein hübscher kleiner Laubwald ist auf dem knapp 1700 Quadratmeter großen Grundstück an der Erdbrinkstraße herangewachsen, mehrere Eichen gelten als erhaltenswert. Früher sollte der grüne Flecken mal ein Kinderspielplatz werden. Aber 2009 hat die Stadt von diesem Vorhaben Abstand genommen. Nur 100 Meter sind es bis zum nächsten Spielplatz, ebenfalls in einem Wäldchen, das allerdings eine Nummer größer ist. Aus dem kleinen Grundstück will die Stadt nun Bauland machen, einen Käufer hat sie schon. Doch darüber sind die Leute im Widukindland sauer.

Schon 2012 hatte der Fachbereich Immobilien versucht, das nicht mehr benötigte Spielplatzgelände auf den Markt zu bringen und die Anwohner damit beunruhigt. Sie wollten ihr Wäldchen unbedingt behalten. Doch dann war niemand bereit, 250 000 Euro für ein großes Grundstück hinzublättern, auf dem der Bebauungsplan nur ein Doppelhaus zulässt. Die Baufläche ist eingeschränkt, weil zu den schutzwürdigen Eichen ein Mindestabstand eingehalten werden muss. Dass die Stadt ihre Verkaufsabsichten fürs Erste aufgab, wurde im Widukindland schon als Erfolg gefeiert. Aber die Zeiten haben sich geändert, die Nachfrage ist explodiert, die Preise sind gestiegen.

Dass die Stadt jetzt Ernst macht, stößt bei Kerstin Arens sauer auf. Wir fühlen uns betrogen″, sagt die 55-jährige Rechtsanwaltsfachangestellte, die seit knapp vier Jahren in der Nähe wohnt. Hier werde ein Stück Natur geopfert, wo ich die Vögel beobachten kann und die Eichhörnchen″. Auf das Vogelgezwitscher verweist auch Andreas Biermann, der regelmäßig seinen Hund über das Gelände führt und in den Abendstunden gelegentlich Fledermäuse durch die Luft huschen sieht.

Der 48-jährige Berufskraftfahrer findet, dass mit dem Bau der Belmer Umgehungsstraße in nur 250 Meter Entfernung schon genug Grün verschwunden ist. Deshalb hätten die Leute aus der Siedlung einen Anspruch darauf, dass ihr Wäldchen erhalten bleibe. Und wenn die Stadt Wohnraum schaffen wolle, dann solle sie doch besser weiter draußen Bauland ausweisen, zum Beispiel am Fürstenauer Weg.

Alle haben zwei Autos

Biermann befürchtet aber auch, dass es bald keine Parkplätze mehr im Viertel gibt, wenn jetzt noch weitere Häuser an der Erdbrinkstraße dazukommen. Die Nachbarn haben alle mindestens zwei Autos″, da werde es langsam eng. Total frustrierend finde er aber, dass dem Bauprojekt so viele schöne Bäume weichen müssten. Sieben Stieleichen sind im Bebauungsplan zur Tabuzone erklärt worden. Eigentlich viel zu wenig, lautet das Urteil der Anlieger. Da habe die Stadt wohl die Verwertungsinteressen über den Naturschutz gestellt. Dass ihr grünes Fleckchen zwei neuen Häusern geopfert werden soll, empfinden die Nachbarn als Farce. Am Ende werde das Wäldchen zerstört, um Wohnraum für vielleicht sechs Menschen zu schaffen, rechnet Kerstin Arens vor. So könne die Stadt doch nicht die Wohnungsnot bekämpfen.

Misstrauisch reagieren die Anwohner auf jedes Argument, das von der Stadt kommt. Einige von ihnen waren kürzlich im Stadtentwicklungsausschuss. Als der BOB-Vorsitzende Steffen Grüner das Thema ansprach, habe Stadtbaurat Frank Otte behauptet, das Grundstück werde gar nicht verkauft. Eine glatte Lüge sei das gewesen, empören sie sich. Otte weist das zurück. Eine Verwechslung sei das gewesen, er habe eine andere Fläche gemeint.

Ersatz für die Bäume

Für Franz Schürings, den Leiter des Fachbereichs Städtebau, ist der Konflikt im Widukindland nur einer von vielen in Osnabrück. Bei jeder Planung gebe es Betroffene, und deren Wünsche seien verständlich. Aber für die Stadt gehe es um mehr. Zum Beispiel um das strategische Ziel, möglichst viel und auf möglichst vielfältige Weise Wohnraum zu schaffen. Und da zähle jedes einzelne Objekt.

Eine Baufläche wie die an der Erdbrinkstraße biete den großen Vorteil, dass die vorhandene Infrastruktur genutzt werden könne, also Straßen, Kanäle und Versorgungsleitungen, Geschäfte, Schulen oder Kindergärten. Vieles spreche dafür, vorhandene Siedlungen nachzuverdichten, wie es im Widukindland geplant ist. Das sei aus vielen Gründen besser als Freiräume am Stadtrand in Anspruch zu nehmen.

Im Zuge des Planverfahrens hat die Stadt, wie es das Baugesetzbuch vorschreibt, eine artenschutzrechtliche Untersuchung in Auftrag gegeben. Dabei wird auch auf die Vögel und Fledermäuse Bezug genommen, die das Wäldchen aufsuchen. Der Eingriff in den Gehölzbestand sei vertretbar, wenn er außerhalb der Brutzeit geschehe, heißt es in dem Gutachten. Natürlich müsse er ausgeglichen werden, sagt Schürings, etwa durch Baumpflanzungen an anderer Stelle.

Bleiben noch die Autos, die schon jetzt die Straßen verstopfen. Nach den Vorgaben der Stadt muss pro Einfamilienhausgrundstück ein Stellplatz bereitgestellt werden. Das reicht manchmal nicht aus″, weiß auch der Stadtplaner. Aber seine Worte klingen nicht so, als wolle die Stadt fürs Widukindland andere Regeln erlassen.

Bildtext:
Sie wollen ihr Wäldchen behalten: Anwohner dieser Grünfläche an der Erdbrinkstraße im Widukindland wehren sich gegen die Bebauung.
Foto:
Swaantje Hehmann

Kommentar
Ohne Scheuklappen

Wenn überall neuer Wohnraum aus dem Boden gestampft wird, verändert sich die Stadt mehr, als es vielen Menschen lieb ist. Von ihnen wird erwartet, dass sie etwas aufgeben, das ihnen vertraut geworden ist. Sollten sie besser schweigen, weil der Beschluss auf demokratische Weise zustande gekommen ist? Nein!

Im Rat gab es keine Gegenstimme, als die Entscheidung für die Wohnraumoffensive fiel. Doch gerade diese Einmütigkeit erzeugt bei Betroffenen Unmut und Frust. Manche glauben sogar, dass sie dunklen Machenschaften zum Opfer fallen. Solche Unterstellungen schaden der Demokratie. Deshalb darf von Interessenvertretern erwartet werden, dass sie sich ohne Scheuklappen mit den Fakten auseinandersetzen. Wie in jedem Konflikt wäre es hilfreich, wenn beide Seiten einmal ihre Perspektive wechseln würden.

Zweifellos ist die Stadt gefordert, bürgernah zu informieren. Sie muss ihre Entscheidungen so transparent wie möglich machen. Und sie im Zweifel noch einmal auf den Prüfstand stellen. Denn auch eine Mehrheit kann sich irren.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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