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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Die Osnabrücker und ihr Waterloo
Zwischenüberschrift:
Karl-Heinz Lange über den Werdegang der Heger Bastion zum Waterloo-Tor
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Da sage noch einer, die heutigen deutschen Soldaten hätten keine Vorbilder mehr, keine Traditionen, an die man politisch korrekt anknüpfen könne. Doch, die gibt es: die Osnabrücker Landwehrmänner, die 1815 bei Waterloo mithalfen, Napoleon niederzuringen. Sie führten keinen Angriffskrieg, dienten keinen falschen Idealen und waren dabei auch noch siegreich.

Osnabrück. Einen von ihnen brachte Hobbyhistoriker Karl-Heinz Lange mit ins Kulturgeschichtliche Museum, um seinen Vortrag über das Heger Tor Stadttor? Befestigungsanlage? Triumphbogen? zu illustrieren. Natürlich keinen Original-Teilnehmer der Schlacht vor mehr als 200 Jahren, sondern einen lebendigen Osnabrücker Bürger, der Mitglied in der historischen Darstellungsgruppe King′s German Legion″ (KGL) ist. Dieser beim Amtsgericht Osnabrück eingetragene Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Franzosenzeit 1803 bis 1815 und die Schlachten der Befreiungskriege in originalgetreuen Uniformen nachzustellen .

72 Mitglieder hat der Verein. Wir stehen aber nicht alle unter Waffen″, sagte der Vereinsvorsitzende Lange mit einem Augenzwinkern, wir haben auch Frauen und Kinder im Tross″. Es sei halt ein Hobby für die ganze Familie. Die Osnabrücker sind mit anderen europäischen Reenactment-Gruppen vernetzt. So haben sie beispielsweise am 18. Juni 2015 zum 200. Jahrestag noch einmal am Originalschauplatz bei Waterloo für Osnabrück und das Königreich Hannover gekämpft″.

Ihre historischen Vorbilder, Angehörige des Landwehr-Bataillons Osnabrück, des Leichten Feldbataillons Osnabrück und der King′s German Legion, nahmen unter britischem Oberkommando an der Schlacht teil. Vom britisch-hannoverschen General Hugh Halkett ist der Ausruf Vorwärts, meine braven Osnabrücker! überliefert, als er auf dem rechten Flügel der Schlachtordnung am Abend die Offensive ergriff und ein Karree von Napoleons Eliteeinheit Garde impériale sprengte. Auch in seinem späteren Bericht an den Vorgesetzten General Carl von Alten war er voll des Lobes über die tapferen Osnabrücker.

Die Einwohner der Stadt waren zutiefst erleichtert, weil sie seit dem ersten Koalitionskrieg 1792 praktisch über ein Vierteljahrhundert nichts als Truppenaushebungen, Krieg, Fremdherrschaft und Not erlebt hatten. Die anfängliche schulterzuckende Inkaufnahme der französischen Besetzung, weil sie auch manches Gute wie das Dezimalsystem, die Gewerbefreiheit, den Bau moderner Straßen oder die Rechtsvereinheitlichung unter dem Code civil ins Land gebracht hatte, war spätestens 1813 in Hass auf die Besatzer umgeschlagen. Mit dem Sieg bei Waterloo hatte die Knechtschaft ein Ende. Im Dezember 1815 kehrten die siegreichen Osnabrücker Krieger in ihre Heimatstadt zurück, durchschritten das Johannistor und Straßen mit bekränzten Häusern, bejubelt von der Spalier stehenden Bevölkerung. Ein Osnabrücker war so begeistert, dass er einen Großteil seines Vermögens für ein Denkmal opferte: Advokat Gerhard Friedrich von Gülich (1754–1825) beantragte, auf seine Kosten das ruinöse alte Heger Tor abzureißen und ein neues prächtiges zu Ehren der siegreichen Osnabrücker Krieger zu errichten. Dem Magistrat war es recht, ersparte es ihm doch eigene Aufwendungen an dieser Stelle. So geschah es.

Nach einem Entwurf des Wegeinspektors Johann Christian Sickmann entstand 1816/ 17 in Anlehnung an den klassizistischen Titusbogen zu Rom das neue Heger Tor, das nun offiziell Waterloo-Tor hieß. Die mit goldener Farbe ausgelegte Inschrift lautet: Den Osnabrückischen Kriegern die bei Waterloo den 18. Juni 1815 deutschen Muth bewiesen widmet dieses Denkmal G. F. v. Gülich D.R.D.″.

Man kann das Waterloo-Tor nicht verstehen, ohne zu erklären, was in Waterloo passiert ist und was es für die Osnabrücker bedeutet hat″, begründete Lange seinen umfangreichen Exkurs . Daneben kam aber auch sein eigentliches Thema nicht zu kurz, nämlich die Baugeschichte des alten Heger Tores, zu dem er im Rahmen der Werkgespräche″ des Kulturgeschichtlichen Museums, des Museums- und Kunstvereins und des Ortskuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sprach.

Anfangend im Jahr 1170, als Kaiser Barbarossa den Osnabrückern zugestand, ihre Stadt zu befestigen, zeichnete er anhand alter Skizzen und Pläne die Osnabrücker Stadtmauern und Wälle nach, ging auf den Torturm ein, der sich ähnlich der erhaltenen Hohen Pforte zu Quakenbrück über dem heutigen Heger Tor erhob, und analysierte die bis 1815 bestehende große historischen Wehranlage mit Turm, Tor, Bastion, Zwinger und Durchfahrt. Das eigentliche Heger Tor stand im Mittelalter weiter stadtauswärts, etwa 20 Meter westlich vor dem heutigen Waterloo-Tor. Das heute noch existierende Akzisehaus lag direkt neben dem alten Tor. Wo heute der Verkehr über die Wälle braust, quälten sich bis 1815 die Fuhrleute durch die Poterne″, eine enge und aus Sicherheitsgründen gewundene Durchfahrt durch das gewaltige Festungsbauwerk. Bald jede Woche fuhr sich einer darin fest. Dann war Stau. Das kam auch den heutigen Zuhörern irgendwie bekannt vor.

Bildtext:
Stadttor oder Triumphbogen? Zu seinem Vortrag über das Waterloo-Tor hatte Karl-Heinz Lange (am Mikrofon) ein Mitglied der Historischen Darstellergruppe King′s German Legion″ mitgebracht. Eine glorifizierende Ansichtskarte aus den Zeiten des Kaiserreichs zeigt, welcher Symbolwert dem Bauwerk beigemessen wurde.

Foto:
Thorsten Heese, Kulturgeschichtliches Museum, Jörn Martens, Archiv Lange
Autor:
Joachim Dierks


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