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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Den Charme der alten Zeit bewahrt
Zwischenüberschrift:
Der Vitihof in Osnabrück: Kaum ein Winkel wurde so oft gemalt und geknipst
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wenn man in Osnabrück einen Platz sucht, an dem die Zeit scheinbar stehengeblieben ist, dann wird man wohl am ehesten auf dem Vitihof fündig. Das war vor rund 80 Jahren nicht anders, als das historische Foto entstand.

Osnabrück. Schon damals galt er als ein idyllisches Plätzchen abseits des Verkehrsstroms, der sich auf den umgebenden Wallstraßen und der Hasestraße mit der bimmelnden Straßenbahn austoben konnte. Anders als etwa in der Bierstraße waren die Fachwerkhäuser hier nicht besonders herausgeputzt. Die Patina der Zeit hatte sie überzogen, und gerade deshalb ließen sich die alten Ackerbürgerzeiten hier gut nachempfinden. Angeschmiegt an die Stadtseite des namensgleichen Bollwerks Vitischanze, bot der Vitihof ruhiges Wohnen und den Handwerkern friedliches Arbeiten.

Hinten rechts in der Ecke weist das Firmenschild auf den Wagenbauer Wilhelm Erdmann hin, der ein großes Lager in neuen und gebrauchten Wagen″ unterhielt. Dazu gehörten vermutlich die beiden Pferdekutschen, die vor dem Geschäft parken. Benzinkutschen gab es natürlich in den 1930er-Jahren auch schon, was die beiden Cabrios rechts davor am Straßenrand beweisen. Das Kfz-Kennzeichen IX″ stand für die preußische Provinz Westfalen. Am linken Bildrand erahnen wir im Schaufenster des Hauses Nr. 10/ 11 den Schriftzug Wilkiens & Plehn″. Die Firma befasste sich mit Agentur- und Kommissionsgeschäften.

Über Jahre abgeschnitten

Der drollige Name Vitihof geht auf den heiligen Vitus (oder Veit) zurück, der um 304 nach Christus wegen seines Glaubens in Süditalien in einem Kessel siedenden Öls hingerichtet worden sein soll und in der katholischen Kirche als Märtyrer und einer der 14 Nothelfer verehrt wird. Die Bruderschaft Viti, also die des heiligen Vitus, war im Gefolge des Bischofs Markwart (Amtszeit 1088–1093) aus Corvey nach Osnabrück gekommen. Um 1100 errichtete sie am Haseufer die Viti-Kapelle und später daneben ein Hospital. 1177 von Bischof Arnold bestätigt, gilt es als das älteste Krankenhaus Osnabrücks überhaupt. Als in späterer Zeit neue und größere Siechenhäuser in der Stadt entstanden, verfiel das Spital am Vitihof allmählich. Man gestaltete es nach der Reformation im 16. Jahrhundert zu Armenhäusern um. Um 1900 standen sie noch, und zwar an der Stelle, wo sich seit 1990 die Einfahrt zur Parkgarage Vitihof befindet.

Die längste Zeit seines Bestehens war der Platz im Norden der Altstadt ziemlich abgeschnitten vom Puls der Zeit. Nur ein schmaler Durchgang öffnete sich zur Hasestraße, und auf der anderen Seite war die Hasemauer bis weit ins 19. Jahrhundert hinein tatsächlich eine Mauer. Die Nachbargemeinschaft am Vitihof hatte ihr eigenes Reich. Neben und nach den armen Leuten ließen sich Wäscherinnen, Gerber (siehe die Straßenbenennung Gerberhof″) und andere Handwerker nieder. Man kannte sich, man traf sich auf der Straße. Geschichten wurden von Generation zu Generation weitererzählt. Wie die vom klugen Pferd Ella″, das nicht eher einen Schritt machte, bevor es am Küchenfenster des Hauses Vitihof 12 einen Kanten Brot herausgereicht bekam.

Viele Gewerbetreibende haben am Vitihof ihre Spuren hinterlassen. Älteren Osnabrückern in guter Erinnerung werden das Feinkostgeschäft Tackenberg sein, die Konditorei Holthaus oder Schmuck Entrup, die Gaststätte Vitihof, das Farbenhaus Kramer, die Münzenhandlung Rose, der Sanitärhandel von Walter Hurrelbrink, die Eisenhandlung Frye & Schröder. Die Puppenklinik Hunecke und die Gastwirtschaft Atter-Meyer gibt es nach wie vor am Vitihof.

Baufälligkeit und Kriegszerstörungen forderten auch am Vitihof ihren Tribut. Man hat die Neubauten aber recht geschickt in Maß und Stil angepasst. Die seit dem Mittelalter gewachsene Kleinteiligkeit und Unregelmäßigkeit der Bebauung und das Verspringen der Häuserfluchten blieben zum Glück erhalten. Nach der Pubertätsphase des Autoverkehrs in den 1960ern und 1970ern, in der bald jede unbebaute Fläche in der Stadt als Parkplatz herhalten musste, gelang 1983 im Rahmen der Altstadtsanierung ein guter Schritt zurück zu urbaner Platzqualität. Nach der notwendigen Kanalerneuerung erhielt der Platz eine ansprechende neue Pflasterung, historisierende Kandelaber, gestaltete Poller und eine Waschfrau. Die vom Osnabrücker Künstler Hans-Gerd Ruwe (1926– 1995) geschaffene Brunnenfigur aus Bronze erinnert an die Tradition des Ortes, wo in der nahen Hase die Wäscherinnen ihrem Geschäft nachgingen. Wenn man den Pumpenschwengel betätigt, wird mitten auf dem Platz gewaschen. Allerdings nicht Wäsche, sondern die Söhne der pfundigen″ Wäscherin, die sich offenbar mit Händen und Füßen gegen das kalte Nass aus der Pumpe wehren. Dem Ersten nützt es nichts, die Mutter hält ihn mitten unter den Schwall, während der andere wohl zu fliehen versuchte, aber nun zwischen stämmigen Beinen eingeklemmt ist und, so ist zu vermuten, als Nächster drankommt.

Brunnen voller Freibier

Vor 25 Jahren floss kein Wasser aus dem Brunnen, sondern Freibier. Zur Einweihung des sanierten Vitihofs und der Brunnenplastik am 1. Juni 1983 hatten Oberbürgermeister Carl Möller und Oberstadtdirektor Dierk Meyer-Pries zu einem kleinen Bürgerfest eingeladen. Eine Gruppe von der benachbarten Tanzschule Hull tanzte, die Darktown Jazzmen″ spielten, und das Fass mit Freibier leerte sich rapide. Die Hilfskonstruktion mit dem Zapfhahn an der frisch enthüllten Brunnenplastik hatte es den Besuchern des kleinen Volksfestes angetan. Bleibt der dran?″, fragte einer.

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Bildtexte:
Der Vitihof verkörperte in den 1930er-Jahren mit seiner Spitzweg-Betulichkeit ein Stück des alten Osnabrück.
Um 1968 hatte der Vitihof ein Stück seiner Intimität verloren, indem Autoparkplätze eingerichtet waren.
Die romantische Kleinteiligkeit des dreieckigen Platzes ist recht gelungen in die heutige Zeit hinübergerettet worden.
Die dralle Waschfrau des Künstlers Hans-Gerd Ruwe erinnert seit 1983 an die Tradition als Ort der Wäscherinnen und Gerber.
Fotos:
Hans Pankoke, Archiv Gabriele Pankoke, Liesel Städing, Archiv Manfred Külker, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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