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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Calmeyer war kein Held, aber hat sein Möglichstes getan
Zwischenüberschrift:
Leserbriefe
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Zu den Artikeln Von Holocaust und falschen Hoffnungen″ (Ausgabe vom 7. April) und Schindler oder Schwindler? (Ausgabe vom 11. April).

Die Littera-Lesung zu Katja Happes neuem Buch über die Judenverfolgung in den Niederlanden mit anschließender Diskussion, zu der unter anderen der Calmeyer-Experte Mathias Middelberg eingeladen war, nahm den zu erwartenden Verlauf.

Wo und in welchem Zusammenhang immer der Name Hans Calmeyer fällt, steht die Frage im Raum, ob es sich bei ihm um eine reine , Lichtgestalt′ handelt oder um jemanden, der in seinem Tun und Unterlassen , ambivalent′ ist. Ersteres ist unmöglich, da übermenschlich, Letzteres müsste, nicht nur aus Historikersicht, selbstverständlich, da zutiefst menschlich, sein. Wir sind nicht schon, wir werden immer erst, und dabei spielen innere und äußere Faktoren gleichermaßen eine Rolle.

Schade nur, dass über den bizarren Streit um die , Calmeyer-Ambivalenz′ die Diskussion über Katja Happes Buch zu schnell beendet war. Die wäre aus vielerlei Gründen wichtig und notwendig gewesen, von denen ich drei nennen möchte.

Das , niederländische Paradox′, dass ausgerechnet in den kaum antisemitischen und weltoffenen Niederlanden der Anteil der ermordeten Juden mit 75 Prozent wesentlich höher war als in den Nachbarländern Belgien (circa 40 Prozent) und Frankreich (circa 25 Prozent) bleibt unaufgelöst. Hier hat Happe nicht mehr anzubieten als die Wiederholung des bereits seit den 1990er-Jahren in den Niederlanden immer wieder in mühevoller Kleinarbeit untersuchten Tatbestandes, dass es dafür zahlreiche und vielfältige Gründe gibt.

Die Vereinnahmung der Judenverfolgung in den nationalen Gründungsmythos der modernen Niederlande, nach dem das ganze niederländische Volk quasi ausnahmslos und gleichermaßen Opfer des deutschen Nationalsozialismus war, bleibt unerwähnt, obwohl dieser Mythos bis heute das Geschichtsbild vieler Niederländer prägt und Auseinandersetzungen mit der eigenen Verantwortung erschwert.

Nicht nachzuvollziehen ist die Tatsache, dass Happe in ihrem Vortrag mit dem Titel , Viele falsche Hoffnungen′ fast ausschließlich die , Verfolgung′, jedoch kaum das , Verfolgtwerden′ und vor allem nicht den Widerstand dagegen zur Sprache brachte. Dies gilt insbesondere für den explizit jüdischen Widerstand in den Niederlanden durch die später nach dem charismatischen, nicht jüdischen Niederländer Joop Westerweel benannte , Westerweelgruppe′, der in Happes Buch völlig unerwähnt bleibt. Die überwiegend aus deutschen Emigranten bestehenden Mitglieder des jüdischen Jugendverbandes , Hechaluz′ retteten Hunderten von sogenannten , Palästinapionieren′ das Leben, indem sie ihnen in den Niederlanden Plätze als , Onderduikers′ verschafften, wie etwa den Nussbaum-Cousinen Gustel und Sophie, oder sie über Belgien nach Frankreich und bis nach Spanien brachten.

Es wäre dringend notwendig gewesen, an diese gewaltlosen jüdischen Retter zu erinnern. Einer von ihnen, der aus Stuttgart stammende , Halbjude′ Kurt Reilinger, der im gewaltfreien Widerstand in den Niederlanden, Belgien und Frankreich aktiv war, wurde nach seiner Verhaftung in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Von Oktober 1944 bis April 1945 war er KZ-Gefangener des Außenlagers , 5.SS-Eisenbahnbaubrigade′ hier in Osnabrück.

Sein Versuch, der Verfolgung in den Niederlanden durch eine entsprechende Entscheidung der , Calmeyerbehörde′ zu entgehen, war übrigens im Dezember 1942 fehlgeschlagen.″

Karl Kassenbrock

Osnabrück

Allein schon der Titel des Artikels [, Schindler oder Schwindler?′] erscheint wie ein verspäteter Aprilscherz der jedoch zu diesem ernsten Thema der deutschen Geschichte völlig unangebracht ist.

Spielen Zahlen wirklich eine so große Rolle? Ist nicht vielmehr die Courage ausschlaggebend, sich überhaupt für ein (ja, gar Tausende!) Menschenleben in verabscheuend inhumansten Zeiten einzusetzen, die Spielregeln eines menschenunwürdigen Systems zu unterwandern?

Selbstverständlich gibt es viele Namen, welche die sich in Planung befindende Lernstätte der sogenannten Friedenskultur tragen könnte: Namen der befreienden alliierten Kräfte; Namen der vielen und doch viel zu wenigen, die aus dem Untergrund heraus aktiven Widerstand geleistet haben; Namen derer vieler, die ihr Leben verloren haben im Kampf gegen die totalitäre Herrschaft gegen ein Terrorregime, ermöglicht durch eine teils ängstlich wegschauende, teils ihre Wut über ihr eigenes Unheil in unreflektierten Hass verwandelnde, mitlaufende braune Gesellschaft.

Selbstverständlich ist es ambivalent, einen Menschen, der eine braune Uniform trug, als Gutmenschen′ auszulegen. Doch Hans Calmeyer hat eben seinen Weg gefunden, sich dem System von innen heraus zu widersetzen. Der gewiss nicht naive und voreingenommene′ Calmeyer-Biograf Peter Niebaum hat während fast 30-jähriger Recherchearbeit gezeigt, wie jener Mensch in der braunen Uniform namens Hans Calmeyer charakterlich und privat-politisch gestrickt war: Er war eben kein Mitläufer. Kein Wegschauer. Kein nach 1945 emotional unbelasteter Schuldabweiser.

Er war ein solidarisch denkender, fühlender und handelnder Mensch. Mit seinem bürgerlichen Hintergrund hat er seine gegebenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, sein Wissen und seine Position für seine Form des Widerstandes genutzt. Im Gegensatz zu so vielen Tausenden (ob mit oder ohne Uniform) war Calmeyer gewiss kein Faschist. Er hat sein Möglichstes getan, um Leiden zu mindern.

Nein, ein Held war er nicht. Peter Niebaum hat ihn niemals derart unwissenschaftlich′ als leuchtturmartigen Helden dargestellt, und vor allem hat Calmeyer sich selbst nie als Held gesehen. Vielmehr hat er sein Leben lang Ohnmachts- und Schuldgefühle mit sich getragen. Das sagen die Spuren, die er hinterließ.

Wie Mathias Middelberg, Joachim Castan, Karin Jabs-Kiesler, die Hans-Calmeyer-Initiative und einige mehr es betonen ja, und wie es auch zeit seiner Calmeyer-Forschung Peter Niebaum immer wieder forderte: Das Hans-Calmeyer-Haus soll keine Götzenverehrungsstätte sein. Und noch viel weniger darf es eine städtische Anlage zur Reinwaschung von Schuld sein. Selbstverständlich soll das Calmeyer-Haus der Erinnerung dienen und auch eine gewisse Dankbarkeit gegenüber denen ausdrücken, die alles im Bereich ihrer Möglichkeiten Liegende tun, die Welt zu einem humaneren Ort zu machen.

Das Wissen und die Erkenntnisse aus der Geschichte sind der Schlüssel zu einer besseren Zukunft. Darum soll das Calmeyer-Haus, Mahnmal und Lernstätte zugleich, auch nicht dort haltmachen, wo Calmeyers Leben 1972 ein Ende nahm. Es soll die Menschen in Osnabrück sowie seine Gäste zur Reflexion bringen über das, was war, und auch über das, was ist! Es soll Motivation schaffen, Mut für Menschlichkeit zu zeigen, egal, wo und wie: ob durch lauten Protest oder durch einen leise gesetzten Stempel. Denn: Schwindeln tun die, die sich bei den vielfältigen Möglichkeiten, sich Unrecht zu widersetzen, ahnungslos geben. Und schwindeln tun auch die, die von Demokratie reden, wenn die braune Suppe sich wieder in den Köpfen und in den Machtapparaten breitmacht.″

Henrike Niebaum

Osnabrück
Autor:
Karl Kassenbrock, Henrike Niebaum


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