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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Jungen und Mädchen streng getrennt
Zwischenüberschrift:
Aus der evangelischen Volksschule wurde 1954 die Handelslehranstalt am Pottgraben
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Gegenüber vom Pottgrabenbad öffnete 1896 die Pottgrabenschule ihre Pforten. Aus der allgemeinbildenden evangelischen Volksschule wurde nach Zerstörung und Wiederaufbau die Städtische Handelslehranstalt.

Osnabrück. Die auch als Mittelstädter Volksschule″ oder Volksschule III″ bezeichnete Pottgrabenschule ist genau wie die Neustädter Volksschule an der Johannismauer (1876), die Altstädter Volksschule am Natruper Tor (1884), die Volksschule IV am Schützenwall (1902) und die Volksschule V an der Teutoburger Straße (1907) ein Ergebnis der Neuordnung des evangelischen Volks- und Bürgerschulwesens durch Bürgermeister Johannes Miquel. Miquel sorgte für die Aufhebung der alten Kirchspielschulen und leitete die kommunale Trägerschaft ein.

Die Pottgrabenschule ist ein dreigeschossiger, typisch preußischer Schulbau. Die durch zwei Mittelrisalite mit Ziergiebeln gegliederte Fassade lässt an die preußischen Tugenden Ordnung und Sparsamkeit denken. Sparsam und umso wirkungsvoller ist architektonischer Zierrat eingesetzt: Neben den gestalteten Fenstereinfassungen fällt das von konsolenartigen Kragsteinen gestützte Traufgesims auf. In Mark und Pfennig machte sich Sparsamkeit auch bei der Endabrechnung des Bauwerks bemerkbar: Der bewilligte Kostenrahmen von 170 000 Mark wurde nicht ausgeschöpft, was wir heute nur mit ungläubigem Staunen quittieren können. Die Schule war nach einer Bauzeit von nicht einmal 15 Monaten fertig und kostete die Stadt exakt 165 016, 44 Mark.

Es gab zwei Pausenhöfe, einen für Jungen und einen für Mädchen, die durch eine Mauer getrennt waren. Auch der Unterricht lief getrennt ab. Die typische Klassenstärke lag bei 60 Kindern.

Von außen kam manchmal störender Lärm: Marmorwerk und Baustoffhandel Louis Steinhauer umzingelten die Schule förmlich mit ihren verschiedenen Betriebsteilen am Pottgraben, an der Bischofsstraße und an der Pfaffenstraße. 1908 wurde der Firma förmlich untersagt, an Schultagen zwischen 8 und 11 Uhr Eisenträger auf- und abzuladen oder zu bearbeiten.

Noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs ergänzte eine doppelstöckige Turnhalle mit der Giebelseite zur Bischofsstraße hin den Schulkomplex. Sie ermöglichte es, in den getrennten Stockwerken Jungen und Mädchen gleichzeitig zu unterrichten. Auch ein Hausmeister-Wohnhaus an der Gartenstraße (seit 1972: Karl-Bücher-Straße) kam hinzu. In der NS-Zeit änderte die Schule ihren Namen. Sie hieß jetzt Niedersachsenschule, was wohl mit der geografischen Nähe zu Niedersachsenstraße und Niedersachsenplatz zusammenhing.

Die Turnhalle spielte eine traurige Rolle: Mitte November 1941 erhielten 40 bis 50 Osnabrücker Juden die Nachricht, sich am 13. Dezember zur Evakuierung″ nach Riga bereitzuhalten. Am 11. Dezember wurde ihr Gepäck abgeholt. Einen Tag später brachte sie die Gestapo in die Turnhalle, wo bereits 477 weitere aus dem gesamten Gestapobezirk mit Omnibussen Herangekarrte versammelt waren. Die Pottgrabenschule war aus gutem Grund als Sammelplatz ausgewählt worden. Von dort war es nur ein kurzer Marsch zum Bahnhof, sodass die Deportationen kaum öffentlich auffielen. Was die Osnabrücker Bevölkerung dennoch davon mitbekam, ist unklar. Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel am Schulgebäude an dieses Ereignis.

1944 erlitten Schule und Turnhalle Bombentreffer. Der Wiederaufbau in vereinfachter Architektur, aber alten Proportionen zog sich bis 1953/ 54 hin. Zu dem Zeitpunkt waren Räume für Volksschulklassen nicht das drängendste Problem der Stadt. Wichtiger war Platz für die Kaufmännische Berufsschule, nachdem deren Domizil in der vormaligen Staatlichen Aufbauschule Brinkstraße 17 ebenfalls im Krieg vernichtet worden war. So kam es, dass 1954 die Städtischen Handelslehranstalten am Pottgraben einzogen.

Der rasante Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre brachte es mit sich, dass immer mehr Betriebe immer mehr Lehrlinge einstellten, zugleich die Berufsbilder sich ausdifferenzierten und die Berufsausbildung in Theorie und Praxis anspruchsvoller wurde. So ist die Geschichte der Berufsschule am Pottgraben eine Geschichte der immerwährenden Raumnot, die auch durch die Erweiterungsbauten von 1964 entlang der Gartenstraße und 1981 sowie 1991 entlang der Bischofsstraße stets nur vorübergehend gelindert wurde.

1971 erlangte die Städtische Handelslehranstalt am Pottgraben, die zuvor mit dem Standort Schölerberg eine organisatorische Einheit gebildet hatte, ihre Eigenständigkeit. Heute haben die Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabrück am Pottgraben″, so der aktuelle Name, mehr als 4000 Schüler.

Bildtexte:
Die evangelische Volksschule am Pottgraben im Jahr 1929. Vier gesetzte Herren, vielleicht Mitglieder des Lehrerkollegiums, genießen die wärmende Mittagssonne. Am linken Bildrand sind die beiden Dachtürmchen der 1913 ergänzten Turnhalle zu erkennen.
Im Wiederaufbau vereinfacht und danach mehrfach modernisiert, lässt das heutige Stammhaus der BBS am Pottgraben dennoch die alten Proportionen erkennen.
Fotos:
Archiv Medienzentrum Osnabrück, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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