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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Auf zum letzten Gefecht
Zwischenüberschrift:
März 1918: Achte Kriegsanleihe, Fäkalien als Dünger, gehörnter Krieger auf Heimaturlaub
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Am 3. März 1918 unterzeichneten das Deutsche Reich und Russland in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag. Der Zweifrontenkrieg war damit beendet, und Deutschland konnte alle verfügbaren Kräfte zur Kriegsentscheidung an der Westfront einsetzen.

Osnabrück. Die Osnabrücker Zeitungen sind voll des Lobes für die militärischen Führer Hindenburg und Ludendorff, die den Diplomaten den Weg dorthin geebnet hätten. Gleichzeitig setzt die Propaganda-Maschinerie ein, um das Volk zur weiteren Finanzierung der Kriegführung heranzuziehen: Die achte Kriegsanleihe sollte mithelfen, dem Feind im Westen den entscheidenden letzten Hieb″ zu versetzen. Niemand klärte die Deutschen über die Risiken einer derartigen Geldanlage auf. Gedacht war das ja so, dass nach dem errungenen Sieg aus den erwarteten Reparationszahlungen die Anlagenzeichner ihr Geld mit Zins und Zinseszins locker würden erstattet bekommen können. Dass es ganz anders kam, dass die am 21. März startende deutsche Frühjahrsoffensive scheitern würde, dass Deutschland militärisch am Ende war und dass die danach einsetzende Hyperinflation die Anleihen-Rückzahlungen komplett aufzehren würde, wusste noch niemand. Die Leute glaubten der Propaganda, dass nur mithilfe ihrer letzten Ersparnisse der letzte Hieb″ sitzen würde. Das Zeichnungsergebnis von 15 Milliarden Reichsmark sollte das höchste aller insgesamt neun Kriegsanleihen werden.

Unter anderem trugen dazu Aufrufe wie dieser bei, veröffentlicht in der Osnabrücker Volkszeitung″: Die Entschuldigung Ich habe kein Geld zur Zeichnung′ kann man nicht mehr gelten lassen, seitdem jedem durch den Abschluss einer Kriegsanleihe-Versicherung die Möglichkeit gegeben ist, ohne besondere Anzahlung Kriegsanleihen zu erwerben. Die Freia″-Bremen-Hannoversche Lebensversicherungsbank zeichnet auf Wunsch für jeden, der sein Leben während der Zeichnungsfrist bei dieser Gesellschaft versichert, Kriegsanleihe in Höhe der Versicherungssumme.″ Lebensversicherer waren offensichtlich schon immer findig, wenn es darum ging, ihr Produkt mit staatlichen Programmen zu verknüpfen. Hier wurde nun auch den Menschen, die nichts mehr auf der hohen Kante hatten, was sie dem Staat hätten leihen können, ein Weg aufgezeigt, ihre vaterländische Pflicht″ zu erfüllen.

Der Magistrat organisiert kostenlose Kurse für Anfänger im Gartenbau. Sie finden an sechs Abenden von 8.30 bis 10 Uhr im Lehrsaal der Gewerblichen Fortbildungsschule Krahnstraße 55 statt. Der Lehrgang umfasst folgende Besprechungen″: Bearbeitung und Verbesserung des Gartenbodens am Beispiel der Russengärten in der Wüste, bei der Blumenhalle und im Lienesch, Beerensträucher und Obstbäume im Kleingarten, Anbau der Hackfrüchte, Anbau der Hülsenfrüchte, Einrichtung des Kleingartens und Kartoffelanbau. Außerdem werden kleine belehrende Schriften″ unentgeltlich an die Teilnehmer abgegeben.

Nicht kostenlos, aber für im Verhältnis zum Nutzen geringe 1, 45 Mark ist ein neues Gartenlehrbuch der Gärtnereien Peters in Erfurt erhältlich, das überregional beworben wird. Aus dem Inhalt: Die jährliche Fäkalmenge eines Menschen genügt, um auf einem Morgen sieben Zentner Roggenkorn zu erzeugen. Mit Millionen Zentnern Brotgetreide zu bewertende Fäkalien gehen jährlich verloren und werden durch Wasserspülanlagen in die Flussläufe geführt. Für 400 000 Salatköpfe sind nur 500 Gramm Samen erforderlich. Im Nachttopf spiegelt sich der gesundheitliche Zustand eines Menschen, in der Jauchegrube der gesunde oder ungesunde landwirtschaftliche Zustand eines Volkes. Nicht der Krieg zerstört ein Volk, sondern nur der Zustand seiner Felder ist es, der eine Nation letzten Endes zugrunde richtet oder mächtig macht. Das dreimal heilige Gesetz: Kompostiert mehr! Wie in einen landwirtschaftlichen Haushalt zur Nutzbarmachung der Küchenabfälle ein paar Schweine gehören, so ist zur Gartenwirtschaft ein Komposthaufen unerlässlich. Wie sind steiniger Boden und verqueckte Rasenränder in fruchtbares Obst- und Gemüseland schnell zu verwandeln? Das Geheimnis der großen Kartoffelerträge. Eine fruchtbare und eine unfruchtbare Sorte gleichen einem fleißigen und einem faulen Arbeiter. Ernähren muss man beide gleich, aber der fleißige schafft dabei dreimal so viel wie der faule.″

Der Vaterländische Frauenverein sammelt Altmaterial. Er bittet die Hausfrauen, darauf zu achten, dass scharfkantige Zinkabfälle, unreine Flaschen, übel riechende Lumpen, schmale Lederstreifen und schlecht behandelte Felle von der Sammlung ausgeschlossen sind. Gerade bei abgezogenen Hasen- und Kaninchenfellen komme es auf die richtige Behandlung an. Man wende das Fell, sodass die Haare innen liegen, stopfe es mit Stroh oder Papier aus und hänge es zum Trocknen auf.

Zur Abwechslung mal eine bunte Meldung″ in der Zeitung, zwischen all den ernsten und kriegswichtigen: Eine böse Überraschung erlebte eine an der Wüstenstraße wohnende Kriegerfrau, deren an der Westfront weilender Ehemann Wind davon bekommen hatte, dass es die Gattin, die teure′ in Sachen der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm. Urlaub erbitten und zurückreisen geschah schneller, als es sich die Gattin zu Hause träumen lassen konnte, und vorgestern Abend langte denn unser Kriegsmann in einer Verfassung, die einem auf die Engländer Losstürmenden nicht schlecht gestanden hätte, vor seiner Wohnung an. Es traf sich, dass drinnen gerade wieder eines jener Stelldicheine vonstattenging, die den Krieger in die Heimat getrieben hatten. Der Mann von der Front stand mit einem Male wie aus der Erde gezaubert da und fing ohne Federlesens an, seine Felddienstfähigkeit auch in heimatlicher Bude schlagend zu beweisen. Seinem Stellvertreter′ wurde so übel mitgespielt, dass er in ärztliche Behandlung genommen werden musste. Unsere Krieger verstehen eben im Felde und, wenn es sein muss, auch zu Hause keinen Spaß.″

Aus den Inseraten: Die glückliche Geburt eines kräftigen Kriegsjungen (Heinz) zeigen hocherfreut an: Heinrich Dahlmann und Frau Therese.″ (Nebenbei bemerkt: Kriegsmädchen″ kommen nicht zur Welt). – „ Julius Cantor, Hasestr. 29, kauft jeden Posten frisch geschossener oder gefangener Krähen (entweidet), frisch geschossene Rehböcke, lebende Kaninchen und geschlachtete Tauben zum Tagespreise auf. Kasse sofort nach Empfang der Ware.″ – „ Die Rackhorst′sche Buchhandlung sucht für schriftliche Kontorarbeiten auf sofort einen Herrn oder eine Dame mit guter Handschrift.″ – „ Ein Laufbursche wird für die schulfreien Nachmittagsstunden gesucht.″ – „ Junges Mädchen zum 1. April gesucht zur Erlernung der Küche, für ein kleines besseres Restaurant. Schlicht
um schlicht.″ – „ Wegen Erkrankung meines jetzigen suche ich auf sofort ein tüchtiges, braves, katholisches Mädchen auf ganze oder halbe Tage. Frau Clementine Schmidt, Bruchstr. 40.″ – „ Ein Mädchen oder ein einfaches Fräulein für Küche und′
Haus gesucht. Morgenmädchen vorhanden. Frau Robbers, Wittkoppstr. 1b.″ – „ Durchaus zuverlässige Frau oder Mädchen für kleinen Haushalt gesucht. Lohn 25–30 M. monatlich bei freier Station.″

Bildtext:
Als letzter Hieb″ war die achte Kriegsanleihe gedacht, um auch im Westen einen Siegfrieden″ zu erkämpfen. Es kam allerdings anders. Die Werbepostkarte entstammt der Sammlung historischer Bildpostkarten von Prof. Dr. Sabine Giesbrecht, Universität Osnabrück (www.bildpostkarten.uos.de).
Autor:
Joachim Dierks


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