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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Immer mehr Nutrias in der Stadt
 
Bitte nicht füttern!
Zwischenüberschrift:
Werden Nutrias in Osnabrück zur Plage? – Population wächst stark
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Die Population von Nutrias wächst landesweit ein Trend, der auch an Osnabrück nicht vorbeigeht. Die aus Südamerika stammenden Pelztiere tauchen nicht nur an Flüssen und Regenrückhaltebecken, sondern auch in der Osnabrücker Innenstadt auf, berichtet Jagdaufseher Reinhold Rethschulte, der immer häufiger zum Nutria-Einsatz gerufen wird. Im Nettetal werden die wilden Tiere von Spaziergängern gefüttert. Das ist nicht erlaubt″, betont Rethschulte. Je größer der Bestand wird, desto drängender wird die Frage: Wie soll es weitergehen? Während die Jägerschaften die Tiere intensiver bejagen wollen, sieht der Naturschutzbund darin keine Lösung. Der Unterhaltungsverband Hase-Bever zahlt im aktuellen Jagdjahr erstmals eine Schwanz-Prämie für jede erlegte Nutria.

Nutrias breiten sich auch in Osnabrück rasant aus. Die Tiere unterhöhlen Böschungen von Hase, Nette und Düte. Während manche Spaziergänger die Wildtiere füttern und streicheln, wollen Jäger ihnen verstärkt an den Kragen.

Osnabrück. Tatort Nettetal. Wer einen Spaziergang durchs Feuchtbiotop hinter dem Nettebad macht, entdeckt die aus Südamerika stammenden Nutrias, die durchs Dickicht klettern, wie Biber durchs Wasser gleiten oder sich von Spaziergängern klein geschnittene Möhren anreichen lassen. Renate Grünebaum steht an der Nette und ruft: Blondie, komm! Eine Biberratte wackelt auf sie zu. Sie ist so drollig″, findet sie und streichelt dem pelzigen Tier mit gelben Fangzähnen über den Kopf. Eine alltägliche Szene an der Nette. Eine, die Jägern wie Naturschützern überhaupt nicht gefällt.

Es ist ausdrücklich verboten, wilde Tiere zu füttern″, betont der städtische Jagdaufseher Reinhold Rethschulte, der sich um Wildtiere in den befriedeten Bezirken der Stadt kümmert und im Nettetal schon 20 Nutrias gezählt hat. Wer sie füttere, könne nicht nur den Biberratten schaden, sondern mit Essensresten Ratten anlocken. An zwei Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet sei säckeweise Futter ausgekippt worden, ergänzt Ordnungsamtsleiter Jürgen Wiethäuper die falsche Fürsorge″. Schilder, die das Entenfüttern verbieten, hat das Amt längst platziert. Solche für Nutrias gibt es nicht. Auch der Nabu-Vorsitzende Andreas Peters lehnt das Füttern entschieden ab: Es handelt sich um Wildtiere, und das sollten sie auch bleiben.″

Nutrias werden schnell zutraulich, aber ebenso schnell fordernd, wenn keine Möhre gereicht wird. Immer häufiger wird Rethschulte in Osnabrück zum Nutria-Einsatz gerufen. Eltern mit Kleinkind fühlten sich an einem Regenrückhaltebecken in der Dodesheide von einer bettelnden Biberratte bedroht. Zwar seien die Nagetiere in der Regel friedlich, aber: Ich habe schon erlebt, wie eine verletzte Nutria einem Hund den Vorderlauf abgebissen hat″, erzählt er, samt Knochen.″ Je zutraulicher die Tiere werden, desto häufiger trifft man Irrläufer: Eine kranke Nutria habe sich an den Haarmannsbrunnen verirrt, eine andere steppte durch die Werkhalle von VW.

Nutrias gelten in Deutschland als etabliert, sind aus der heimischen Fauna nicht mehr wegzudenken, sagt der Nabu. Nutrias können zur Plage werden″, warnt Kreisjägermeister Jürgen Lambrecht. Ob an Flüssen oder Teichen, in Hellern oder Sutthausen überall in Gewässernähe tauchen sie auf. Zuletzt haben sie sich extrem vermehrt. Das belegen nicht nur stichprobenartige Zählungen des Aufsehers, sondern auch die Jagdberichte: 2016/ 17 wurden in den Revieren der Stadt Osnabrück 79 Nutrias getötet, im Jagdjahr 2017/ 18 waren es 130 Tiere. Landesweit verdoppelte sich die Zahl der erlegten Nutrias zuletzt. Indizien für eine Invasion, die Jäger beunruhigt.

Denn die Tiere kennen nicht nur die Schmusenummer an Land: Nutrias wühlen. Sie graben sich durch Böschungen, fressen sich durch Mais- und Getreidefelder, lassen in den Niederlanden Deiche absacken. In erster Linie richten sie wirtschaftliche Schäden an, sagt der Nabu, räumt aber ein, dass Nutrias Uferröhrichte und die in ihnen beheimateten Arten schädigen. Mit Landschaftsschäden an Flüssen durch die Biberratte hat Ulrich Schierhold, Geschäftsführer vom Unterhaltungsverband Hase-Bever, regelmäßig zu tun. Stärker als Osnabrück seien Gewässerufer im Südkreis betroffen. Wir sind nicht eingerichtet auf diese Tiere″, erklärt Schierhold. Was momentan passiert, liegt im ökologischen Grenzbereich.″

In Niedersachsen soll künftig ein Nutria-Erlass, abgestimmt zwischen Landwirtschafts- und Umweltministerium, die Bekämpfung der Nagetiere regeln. Generell gilt: Nutrias dürfen in unserem Bundesland gejagt werden. Die Tiere werden in der Regel mit Lebendfallen gefangen und dann getötet. Auch eine Option für die befriedeten Bezirke der Stadt, wo die Jagd normalerweise ruht? Wir müssen der Population doch irgendwie Einhalt gebieten″, findet Rethschulte, der dringenden Handlungsbedarf sieht. Der Nabu hingegen bezweifelt, dass eine reguläre Bejagung die Ausbreitung oder die bisher erreichte Populationsdichte verringern kann.

Fest steht: Niemand hat jahrelange Erfahrung mit Nutrias in Masse. Wir müssen die Entwicklung sehr genau beobachten″, sagt Ordnungsamtsleiter Wiethäuper. Natürliche Feinde kämen kaum infrage, niemand wisse, welche Folgen für die Natur die Ausbreitung langfristig habe. Wie groß das Nutria-Problem sei, könne quantitativ noch nicht gefasst werden, so Wiethäuper. Der Unterhaltungsverband Hase-Bever hat mit den Jägerschaften in Stadt und Landkreis Osnabrück eine Abmachung getroffen: Erstmals zahlt der Verband im Jagdjahr 2017/ 2018 eine Schwanz-Prämie für Nutrias für jedes erlegte Tier gibt es vom Verband sechs Euro.

Mehr Bilder von Nutrias in Osnabrück auf www.noz.de

Bildtext:
Ein Häppchen für Blondie... Im Nettetal füttern Spaziergänger regelmäßig Nutrias. Füttern ist verboten und schadet den Tieren, betont Jagdaufseher Reinhold Rethschulte.
Foto:
Jörn Martens

Nutria

Die Nutria, auch Biberratte oder Sumpfbiber genannt, stammt aus Südamerika und ist vor rund hundert Jahren nach Deutschland geholt worden wegen ihres Pelzes. Sie hat sich vor allem aufgrund der milden Winter extrem ausgebreitet. Die EU hat sie auf die Liste der invasiven Arten gesetzt. Die Pflanzenfresser werden bis zu 15 Kilo schwer und 70 Zentimeter lang. Dreimal im Jahr können sie sechs bis acht Junge werfen, die nach fünf Monaten geschlechtsreif sind. Nutrias kann man essen. In den Niederlanden wandern sie als Wasserkaninchen auf die Speisekarte. Bei erlegten Tieren muss vor dem Verzehr die Trichinenbelastung untersucht werden.

Kommentar
Kein Schmusekurs

Achtung, diese Debatte ist eine unangenehme. Denn Nutrias haben in unseren Breiten nicht nur eine ökologische Nische, sondern auch Freunde gefunden. Die mümmelnden Tiere verkumpeln sich schnell und fressen Osnabrückern aus der Hand. Ein besorgniserregender Schmusekurs, der nicht nur Mensch und Wildtier schadet, sondern auch die überfällige Debatte über eine intensivere Jagd auf die Tiere erschwert. Wie geht man mit der possierlichen Biberratte um, die sich immer häufiger als Plagegeist entpuppt? Viel weiter als unsere Nachbarn kann man bei der Antwort nicht auseinanderliegen: Während die Niederländer wegen millionenschwerer Schäden an ihren Deichen im Zeichen des Hochwasserschutzes die Nutrias als Schädling komplett vernichten wollen, unterliegen die Tiere in Nordrhein-Westfalen nicht einmal dem Jagdrecht. Doch auch dort werden über Ausnahmeregelungen inzwischen jährlich Tausende Tiere erlegt um heimische Arten zu schützen, wasser- oder landwirtschaftliche Schäden abzuwenden.

Will man den Bestand auch bei uns ernsthaft reduzieren, führt an einem guten, übergreifenden Nutria-Management kein Weg vorbei. Denn die Pelztiere machen anders als unsere Gesetze an den Grenzen nicht halt.
Autor:
Anne Spielmeyer


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