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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Hochspannung: Spielplatz verlegt
 
Spielplatz verlegt, Häuser bleiben
Zwischenüberschrift:
380-kV-Leitung: Stadt sieht Handlungsbedarf bei Kindern, nicht bei der Wohnbebauung
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. In Hellern verlegt die Stadt einen Spielplatz, um Kinder vor dem Elektrosmog der 380-kV-Hochspannungsleitung zu bewahren. Aber was ist mit den Kindern, die direkt an der Leitung wohnen und permanent der Strahlung ausgesetzt sind?

In Hellern wird ein Kinderspielplatz verlegt, weil er unter der Hochspannungsleitung liegt, die auf 380 Kilovolt aufgerüstet wurde. Dass ganz in der Nähe ein Wohnhaus unter dieser Leitung steht, ist für die Stadt kein Grund zu intervenieren. Ein Baubiologe sieht das kritisch.

Osnabrück. Der Anstoß zur Verlagerung des Spielplatzes kommt aus dem Fachbereich Umwelt und Klimaschutz. Spielende Kinder sollten möglichst nicht der elektromagnetischen Strahlung ausgesetzt werden, sagt die zuständige Mitarbeiterin Wiebke Holste und beruft sich auf einen Beschluss, den der damalige Ausschuss für Umwelt und Gesundheit im Oktober 1993 gefasst hat.

Darin heißt es, künftig solle bei der Neuaufstellung oder Änderung von Bebauungsplänen eine Unterbauung von Hochspannungsfreileitungen mit mehr als 110 kV unterbunden werden. Zudem sei ein Schutzstreifen von jeweils 50 Metern (bezogen auf die Trassenmitte) von sensibler Nutzung wie Kindergärten, Schulen, Wohnbebauung, Kinderspielplätzen etc.″ frei zu halten.

1993 beschlossen

Der Spielplatz an der Klaus-Stürmer-Straße wird zwar schon seit Jahrzehnten von der Hochspannungsleitung Westerkappeln–Lüstringen überragt, nach der Umrüstung auf 380 kV sehen die Fachleute aus dem Umweltressort jedoch einen größeren Handlungsbedarf. In Osnabrück würden drei weitere Spielplätze und zwei Bolzplätze unter Hochspannungsleitungen überragt, vermerkt Wiebke Holste vom Fachbereich Umwelt und Klimaschutz. Aber nicht alle könnten problemlos verlegt werden, weil es an Ersatzflächen mangele. In Hellern habe sich jedoch eine Vorbehaltsfläche an der Straße Zum Rott″angeboten. Noch im Frühjahr, so kündigt Katrin Hofmann vom Osnabrücker Servicebetrieb (OSB) an, sollen die Kletterburg, das Mini-Karussell, der Basketballkorb und die Reckstangen am neuen Standort aufgestellt werden.

Für den Beschluss, den der Gesundheitsausschuss vor 25 Jahren fasste, gab es einen konkreten Anlass. Am Hörner Weg hatte die Stadt kurz zuvor den Bau eines Wohnhauses genehmigt, obwohl ein großer Teil davon direkt unter der Freileitung steht. Das Gebäude mit mehreren Wohnungen wurde dennoch errichtet und 1994 fertiggestellt. Andere Wohnhäuser in Hellern sind nur ein paar Schritte von der Trasse entfernt. Die empfohlenen 50 Meter Sicherheitsabstand werden an vielen Stellen unterschritten.

Dass die Leitung den Menschen in ihren Wohnräumen so nahe kommt, war für die Behörden kein Hindernis, die Umbeseilung der Hochspannungstrasse von 220 auf 380 kV zu genehmigen. Wir bauen unsere Leitungen rechtssicher″, sagt Michael Weber, Pressesprecher beim Netzbetreiber Amprion. Er kündigt an, dass die mit leistungsfähigeren Kabeln versehene Trasse zur Jahresmitte in Betrieb gehen werde.

WHO ist vorsichtig

Ob sich damit die elektromagnetischen Immissionen dann erhöhen werden, ist nicht unbedingt sicher. Der Baubiologe Wolfgang Maes aus Neuss weist darauf hin, dass die Feldimmissionen nicht von der Netzspannung, sondern von der Stromstärke abhängig seien.

Nicht selten komme es zu Kompensationseffekten, weil sich die Felder durch die geometrische Anordnung der Leitungen teilweise neutralisieren würden. Schon mehrmals habe er erlebt, dass eine Leitung aufgerüstet worden sei, ohne dass sich die Feldstärken erhöht hätten, berichtet Maes, fügt aber hinzu: Es kann aber auch andersherum sein!

Im Planfeststellungsverfahren wurden die magnetischen Feldstärken der Leitung zwischen Westerkappeln und Lüstringen an ungünstigen Punkten mit bis zu 18, 5 Mikrotesla (µT) angegeben. Das seien rechnerische Werte, die wahrscheinlich deutlich unterschritten würden, meint Maes. Zum Grenzwert von 100 Mikrotesla, den die Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchV) setzt, bleibt also noch Luft nach oben. Kein Grund zur Beruhigung, findet allerdings der Baubiologe. Nach seiner Ansicht müsste der Bund diesen Grenzwert drastisch senken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sehe ein erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern schon ab 0, 2 Mikrotesla. Hinter dieser Empfehlung stünden nicht sensible Ökos, sondern handfeste Wissenschaftler.

Maes hält es für ziemlich unbedenklich, wenn sich Kinder zum Spielen für begrenzte Zeit unter einer Hochspannungsleitung aufhalten. Kritisch könne es jedoch sein, wenn Menschen in unmittelbarer Nähe einer solchen Leitung wohnten, sich also dauerhaft der elektromagnetischen Strahlung aussetzten. Gleichwohl komme es auf die konkrete Situation an und nicht auf Berechnungen. Deshalb empfehle es sich, die magnetische Feldstärke an Ort und Stelle zu messen.

Bildtexte:
Direkt unter der 380-kV-Leitung steht dieses Wohnhaus in Hellern. Andere Gebäude kommen der Trasse ebenfalls sehr nah. Ist das gefährlich? Darüber gehen die Meinungen auseinander.
Der Spielplatz an der Klaus-Stürmer-Straße in Hellern soll verlegt werden, weil er von der 380-kV-Leitung überragt wird.
Fotos:
Jörn Martens

Kommentar
400 Meter? Zum Lachen

In Hellern verlegt die Stadt einen Spielplatz, damit Kinder nicht der elektromagnetischen Strahlung der neuen 380-kV-Leitung ausgesetzt werden. Das ist gut gemeint, aber die Kinder, die in den Wohnhäusern direkt an der Trasse wohnen, hätten die Fürsorge wohl nötiger. Denn sie sind den Immissionen ständig ausgesetzt. Aber für dieses Problem ist kurioserweise niemand zuständig.

Es erscheint anachronistisch, dass die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und die Grenzwerte der Bundesimmissionsschutzverordnung so weit auseinanderliegen. Dahinter steckt der alte Grundsatz, dass Energieanlagen privilegierte Vorhaben sind. Es wird Zeit, solche Prinzipien auf den Prüfstand zu stellen.

Dass die Dinge in Bewegung sind, zeigt das Beispiel Voxtrup, wo die Hochspannungsleitung unter der Erde verlegt wird. Aber auch in Hellern sind die Abstände zu den Häusern extrem kurz. Die immer wieder zitierte 400-Meter-Distanz wird da zur Lachnummer. Es gäbe gute Gründe, auch in Hellern ein Erdkabel zu bauen. Aber offensichtlich war der politische Druck nicht groß genug.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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