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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Schinkels „Dorfmitte″
Zwischenüberschrift:
Pauluskirche, Gemeindeeinrichtungen und ein „Schwedenheim″ an der Ebertallee
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die beiden Luftbilder der evangelisch-lutherischen Pauluskirche zeigen eindrucksvoll, wie die Bebauung des Stadtteils Schinkel in den letzten 60 Jahren mehr und mehr in den ländlichen Bereich hineingewachsen ist.

Osnabrück. Die alte Aufnahme aus der Zeit um 1955 hat uns Luftfoto-Pionier Werner Schürmann zur Verfügung gestellt, der mit seinem Kompagnon Herbert Klenk ab den frühen 1950ern die Fotoflug GmbH″ betrieb. Zum rechten Bildrand hin erkennen wir in Streifen aufgeteiltes Grabeland″, also Gartenparzellen, die teils noch brachliegen, teils schon den Selbstversorgern Obst und Gemüse liefern. Heute ist die Bebauung entlang Ebertallee und Wesereschstraße weiter auf den Schinkelberg vorgerückt, die Kleingartenanlagen beginnen erst beiderseits der Weberstraße.

Die beiden freistehenden Häuser hinter der Kirche waren schon 1926, also noch vor dem Baubeginn der Pauluskirche, für deren Pfarrer gebaut worden. Im linken, Wesereschstraße 70, residierten die Pfarrer des Pfarrbezirks II: erst Hans Albrecht Rapp, später Brunken und Klaus Eichhofer; im rechten, Hausnummer 74, die Pfarrer des Pfarrbezirks I wie Richard Karwehl, Meyer, Weidner, Burghard Affeld und aktuell Karsten Kümmel. Nachdem es nur noch einen Pfarrbezirk und einen Pfarrer gab, räumte die Gemeinde das linke Haus und übergab es an die Stadt, die hierin 2014 die Krippe als Ableger der städtischen Kindertagesstätte Schinkel eingerichtet hat.

Seit alten Zeiten war St. Marien für das Seelenheil der lutherischen Christen in Schinkel zuständig. Es gab zwar schon seit 1889 Bestrebungen, für die wachsende Zahl zuwandernder evangelischer Industriearbeiter im ansonsten überwiegend katholischen Schinkel eine eigene Gemeinde abzuspalten, aber zunächst blieb es bei der Einrichtung eines Marien-Pfarrbezirks für den Osten der Stadt und die angrenzende Landgemeinde Schinkel. Gottesdienst wurde in der Rosenburg″ abgehalten, einem Vorstadt-Wirtshaus mit Tanzsaal. 1912 beschloss man den Bau einer Kirche an der heutigen Ebertallee, aber der Erste Weltkrieg machte einen Strich durch die Pläne. Die dynamischen Pastoren Karwehl und Rapp setzten nach dem Krieg einen Kirchenbauverein ins Werk, der mit großem Schwung Spenden sammelte. Dann kam 1923 die Inflation. Sie fraß alle Mittel auf, die für die neue Kirche gedacht waren. Alle Anstrengungen mussten noch einmal von vorne beginnen. Man dampfte den Entwurf von Architekt Lothar Gürtler etwas ein, kürzte den Turm und strich zunächst die Empore, um mit dem Bau beginnen zu können. Der Grundstein wurde am 25. März 1928 gelegt, und am 1. September 1929 zog die Gemeinde in einem feierlichen Festzug unter Vorantritt des Posaunenchors″ von der Rosenburg durch die reich geschmückte Schützenstraße zur Weihe in die fertige Pauluskirche ein.

In der Nazi-Zeit gehörten Karwehl und Rapp zu den Pastoren, die sich aus christlicher Überzeugung gegen den Nationalsozialismus wandten und aktiv in der Bekennenden Kirche tätig waren. Karwehl verweigerte 1936 den Treueeid auf Hitler. Er trat der in seinen Augen zu kompromissbereiten Kirchenleitung als führender Kopf des Osnabrücker Kreises″ mutig entgegen.

Im Bombenkrieg trugen die beiden Pfarrhäuser schwere Schäden davon. Die Kirche selbst kam glimpflicher davon. Nur″ die Fenster im Chor wurden zerstört und Ausstattungen durch Brandbomben beschädigt, während ringsherum alles in Trümmern lag. Schinkel gehörte zu den am schwersten getroffenen Stadtteilen.

Das war auch der Grund, warum die Stadt der schwedischen Kinderhilfsorganisation Rädda Barnen″ („ Rettet die Kinder″) diesen Ort vorschlug, um den zur Notlinderung versprochenen Kindergarten zu errichten. Ähnlich wie es später ein bekanntes schwedisches Möbelhaus zum Geschäftsprinzip erhob, kam die vorgefertigte Holzbaracke in Einzelteilen in Osnabrück an, einschließlich der kompletten Inneneinrichtung, Möblierung, Spielsachen und Zusammenbau-Anleitung. Sogar die Wandfläche im Eingangsflur, wo das Porträt des Thronfolgers hingehörte, war festgelegt. Es zeigte den heutigen König der Schweden Carl XVI. Gustaf noch selbst im Kindergarten-Alter.

Das in lebensbejahendem Sonnengelb″ gestrichene Schwedenheim″ galt schnell als schönster Kindergarten Osnabrücks. Die Ausstattung war aufregend bunt und anders, eben nicht vom grauen deutschen Nachkriegsmangel gekennzeichnet. Sogar eine Sauna im Keller gehörte dazu. Sie wurde allerdings nie benutzt. Offiziell aus Brennstoffmangel, wahrscheinlich aber auch wegen moralischer Bedenken. Für die Mütter gab es einen Nähraum, ausgestattet mit modernsten Nähmaschinen, in dem sie Kleidung für ihre Kleinen anfertigen konnten. Der Kindergarten war auf 260 Quadratmeter Grundfläche für 70 Kinder konzipiert, aber schon bald mit 120 Kindern überbelegt. Mit Schenkungsurkunde vom 21. September 1949 war das Schwedenheim″ der Stadt übergeben worden. Die Stifter fühlten sich aber weiterhin für das Wohlergehen der Kinder verantwortlich und schickten Kleidung, Schuhe, Spielsachen, Nahrungsmittel und manchmal sogar Schokolade.

Die städtische Kindertagesstätte Schinkel bezeichnet 1949 als ihr Gründungsjahr und bezieht sich weiterhin auf die schwedische Tradition, auch nachdem 1972/ 73 die Holzbaracke abgerissen und durch einen massiven Neubau an gleicher Stelle ersetzt wurde. Zu runden Jubiläen tanzen Kinder im Pippi-Langstrumpf-Outfit und trägt die Märchenerzählerin schwedische Volksmärchen vor. Rädda Barnen″ hatte die Stiftung mit dem Zweck versehen, bedürftigen Kindern ohne Ansehen von Religion, Rasse, Nationalität und politischer Anschauung zu helfen. Diese Sinngebung hat sich in den letzten Jahrzehnten, als die Kinderschar in Schinkel immer multikultureller wurde, in besonderer Weise erfüllt.

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Bildtexte:
Die Pauluskirche in Schinkel um 1955. Unten links mündet die Ebertallee auf den Kirchvorplatz, parallel verläuft oben die Wesereschstraße. Der Mehrfamilienhausblock an der Ebertallee ist Ergebnis des Wohnbau-Notprogramms, das die Soziale Wohnungsbau-Genossenschaft (SWG) um 1952 auflegte. Darüber ist am linken Bildrand die Holzbaracke des von der schwedischen Kinderhilfsorganisation Rädda Barnen″ gestifteten Kindergartens zu sehen.
Den zentralen Bereich des Stadtteils Schinkel stellen Pauluskirche, Ebertallee und die links außerhalb des Bildes gelegene Heilig-Kreuz-Kirche dar. Auf dem Pastor-Karwehl-Platz links unten ist immer mittwochs Wochenmarkt. An der Wesereschstraße sieht man oberhalb der Kirche neben den freistehenden Pastorenhäusern am rechten Bildrand den Komplex Wesereschstraße 76 mit Gemeindesaal, Pfarrbüro und weiteren Einrichtungen der Kirchengemeinde. An die Stelle des schwedischen Kindergartens ist die städtische Kita getreten.
Fotos:
Archiv Fotoflug GmbH Werner Schürmann, Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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