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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Alte Pracht im ersten Bahnhofsviertel
Zwischenüberschrift:
Hauptzollamt und Hannoverscher Bahnhof wetteiferten um schönste Rundbogenfenster
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Diese seltene Ansichtskarte nimmt zwei Gebäude am Wittekindplatz ins Visier, die die gründerzeitliche Pracht des ersten Osnabrücker Bahnhofsviertels repräsentieren. Das Hauptzollamt ist nach der Kriegszerstörung nicht wiederaufgebaut worden.

Osnabrück. Anders der Hannoversche Bahnhof. Er überstand den Bombenkrieg mit reparablen Schäden und war schon bald wieder als Dienstsitz verschiedener Bahnbehörden im Einsatz. 1855 hatte die Hannoversche Eisenbahndirektion mit ihm das Eisenbahnzeitalter in Osnabrück eingeläutet. Die Hannoversche Westbahn″ verknüpfte die westlichen Regionen des Königreichs Hannover mit der Hauptstadt. 1855 war die Strecke von Löhne bis Osnabrück fertig, ein Jahr später die Verlängerung nach Rheine.

Die Ost-West-Achse nach Hannover und später zur Reichshauptstadt Berlin war damals wichtiger als die Nord-Süd-Verbindungen, die im schmaler″ gewordenen Westdeutschland nach 1945 dominierten.

Im 19. Jahrhundert bekam Osnabrück erst 1871/ 74 eine Nord-Süd-Verbindung, also fast zwei Jahrzehnte später als die Fertigstellung der Westbahn. Die Hamburg-Venloer Bahn kreuzt die ältere Ost-West-Strecke am Klushügel. Dort errichtete man in einfacher Holzbauweise den Bremer Bahnhof. Ein Provisorium reichte, weil schon 1871 die Absicht bestand, später einen Centralbahnhof″ im Kreuzungspunkt der Bahnlinien zu errichten.

Dieser Centralbahnhof″, der heutige Hauptbahnhof, nahm 1895 den Betrieb auf. Hannoverscher und Bremer Bahnhof wurden damit als Personenbahnhöfe nicht mehr gebraucht und dienten fortan lediglich dem Güterverkehr, und das auch nur noch bis 1913, als der große neue Güterbahnhof im Fledder fertig wurde.

Auf der historischen Ansichtskarte wird der Hannoversche als Alter Bahnhof″ bezeichnet, was darauf schließen lässt, dass das Foto nach 1895 entstand, als der Bahnhof schon halbwegs in den Dornröschenschlaf entschlummert war. Im Zuge der Hochlegung der Bahnkörper wollte die Stadt ihn eigentlich abreißen lassen, um dort neue Gewerbeansiedlungen zu ermöglichen. Aber die Bahn verkaufte nicht. Sie hatte stets Verwendung für ihre diversen Ämter und Dienststellen in dem imposanten Gebäude, von der königlich-hannoverschen, später königlich-preußischen Betriebsinspektion bis hin zur DB-Generalvertretung und zum Bahnbetriebsamt für den Weser-Ems-Bereich in der Nachkriegszeit.

Dann wollte die Bahn AG schlanker werden und verkaufte das Gebäude 2004 an einen Investor aus Melle. Zehn Jahre lang passierte wenig bis gar nichts an dem Baudenkmal, bis 2014 das Eigentum an einen Unternehmer der Solarbranche aus Recke überging. Der küsste es wach″, investierte und renovierte kräftig.

Ein bunter Strauß von Mietern ist inzwischen eingezogen: eine Physiotherapie-Praxis, eine Anwaltskanzlei, ein Finanzberater, eine Vermittlungsagentur für Therapie-Begleithunde, die Stiftung Bahn-Sozialwerk und als letzter Neuzugang ein Lebensmittelgeschäft, das die Waren ökologisch korrekt ohne Verpackung feilbietet.

Unklar scheint das weitere Schicksal des Atombunkers″ unter dem parkähnlichen Vorplatz zu sein. Er war in den 1960er-Jahren auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges angelegt worden. In ihm befanden oder befinden sich Leitstellen, von denen aus im Falle eines Atomkrieges der Zugverkehr in Nordwestdeutschland koordiniert und gesteuert werden sollte.

Das Hauptzollamt auf der anderen Seite des Wittekindplatzes war fast zu schön für ein Zollamt″, wie eine frühere Bewohnerin es einmal ausdrückte. Die hohe Qualität der Neorenaissance-Architektur und die aufwendige Detailausführung waren denn auch wohl weniger der Bedeutung einer Zollverwaltung in der Provinz geschuldet als vielmehr dem prominenten Standort vis-à-vis von Osnabrücks erstem Bahnhof.

Zudem galt der Entwurf zunächst einem Hotel, dem ersten Haus am Platze. Zumindest am Bahnhofsplatz. So hieß der spätere Wittekindplatz bis 1895. Als dann der neue Zentralbahnhof eröffnete, entschied der Magistrat sich für eine Umbenennung, damit es nicht zu Missverständnissen komme. Aus Bahnhofsplatz und Bahnhofstraße wurden Wittekindplatz und Wittekindstraße.

Im Jahr 1878 übernahm das Königlich Preußische Haupt-Steuer-Amt″, das zuvor am Markt 2/ 3 untergebracht war, das ehemalige Hotelgebäude. Von da an wachten die Steueraufseher vom Bahnhofsplatz aus darüber, dass ausländische Gegenstände″ mit den entsprechenden Abgaben belegt wurden, die Stempelsteuer und die Brausteuer eingehoben wurden und bei der steuerbefreiten Haustrunkbereitung″ alles rechtens zuging.

Wer als Bahnreisender in dieser Zeit den Hannoverschen Bahnhof verließ und die kleine Grünanlage in Richtung Bahnhofsplatz durchschritt, stand vor einem Gebäude, das mit seiner ausgewogenen Fassadenstruktur wie eine noch perfekter gelungene Ergänzung des ebenfalls im Rundbogenstil errichteten Bahnhofsgebäudes wirkte. Besonders gefiel die abgeflachte Eckausbildung, die sich mit farbigen Terrakotta-Fliesen von der übrigen Sandsteinfassade abhob. Anders als so manches private Wohn- und Geschäftshaus an Möser- oder Georgstraße hatte es dieser Bau nicht nötig, mit verspielten Erkern und Türmchen aus dem Baukasten des Historismus imponieren zu wollen.

Nach Bombentreffern im Krieg standen die Außenmauern noch, aber man entschied sich gegen einen Wiederaufbau. Der Mineralölhändler Beckmann erwarb das Areal und errichtete in den 1950er-Jahren darauf eine Tankstelle in den Avia-Farben, später wurde DEA gezapft. Nach der Betriebsaufgabe traten Grundwasserprobleme auf. Solange die Sanierung nicht abgeschlossen ist, bleibt das Eckgrundstück Wittekindplatz/ Karlstraße städtebauliches Niemandsland.

Bildtexte:
Rundbogenarchitektur vom Feinsten verkörpern das Hauptzollamt (links) und der Hannoversche Bahnhof (rechts) auf dieser vermutlich um 1900 fotografierten Postkarte aus der Sammlung Helmut Riecken.
Das Königliche Hauptzollamt″ um 1918. Nach hinten rechts verläuft die Karlstraße, von links mündet die Wittekindstraße ein. Ganz rechts beginnt der Fußweg durch die kleine Grünanlage zum Hannoverschen Bahnhof. Das viergeschossige Wohnhaus hinten rechts an der Ecke zum Kurzen Gang hat den Krieg überlebt. Das Foto von Rudolf Lichtenberg jr ist erschienen in Rolf Spilker: Lichtenberg Bilder einer Stadt, Band I″.
Das Bahnhofsgebäude gibt es noch, nicht jedoch das Zollamt. Es wurde nach Kriegszerstörung nicht wieder aufgebaut. Sein Standort war etwas links außerhalb dieses Bildausschnitts. Die gleiche Perspektive wie bei der historischen Ansicht wäre heute nicht sehr fotogen, weil man überwiegend gegen die Stützmauer zur abgesenkten Alten Poststraße schauen würde.
Fotos:
Rudolf Lichtenberg jr, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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