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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wie der Protest nach Osnabrück kam
Zwischenüberschrift:
1968 in der Provinz – Buch und Ausstellung geplant
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Man muss gar nicht mal so besonders jung sein, um die 68er nur noch aus Erzählungen zu kennen.

Osnabrück. Heiko Schulze war noch ziemlich jung, als die Revolution der Jugend auch in Osnabrück Fuß fasste. Zwar konnte der Protest kein neues System erzwingen, in den Köpfen hat er aber vieles verändert mit Wirkung bis in unsere Tage. Grund genug für Schulze, gemeinsam mit Reiner Wolf ein Buch herauszugeben. Arbeitstitel: 68 in der Provinz″.

Schulze, Jahrgang 1959, hatte nach eigenen Worten im zarten Alter von neun Jahren selbstredend 1968 noch andere Dinge im Kopf als studentischen Protest und die außerparlamentarische Opposition.

Gleichwohl ließ die Politisierung des jungen Mannes im Umfeld des Ratsgymnasiums nicht lange auf sich warten. Immerhin sah die Schülerschaft dieser altehrwürdigen Osnabrücker Bildungseinrichtung sich seinerzeit noch mit Lehrkräften konfrontiert, die den Begriff konservativ″ durchaus auszufüllen wussten. Dem stemmte sich nicht nur die Schülerzeitung Rostra″ entgegen. Auch die Jugendversion des Sozialistischen Hochschulbundes (SHB), der Sozialistische Schülerbund, fasste nach und nach Fuß in der Hasestadt und trieb die Revolution in der Provinz voran.

In Osnabrück sei es ohnehin eher die Schülerschaft gewesen, die sich äußerst empfänglich für die neue politische Weltsicht in Zeiten einer Großen Koalition den Protesten anschloss. Dies wohl auch schon allein aus Mangel an Studenten, denn die Universität war zu dieser Zeit noch eine pädagogische Hochschule und in der Protestbewegung eher unterrepräsentiert. Stärker vertreten war der Kommunistische Oberschulbund, im Sinne von Oberschulen als Vorläufern der Gymnasien.

All dies und noch viel mehr wissen Schulze und Wolf zu berichten. Wolf, Historiker und der Spiritus Rector des Sammelbandes, der unter anderem auch von Autoren wie Inge Becher, Leiterin des Museums Villa Stahmer in Georgsmarienhütte, oder auch von Rainer Drewes vom Heimatverein Bramsche, mit Texten bestückt wird, ist erst 1969 geboren, aber immerhin 1968 gezeugt″, wie er sagt.

In Schulze war schnell ein Mitstreiter gefunden, der sich schon vielfach als Autor geübt hat.

Wolfs Idee ist es aufzuzeigen, welche Auswirkungen die Proteste der sogenannten 68er, die ja hauptsächlich in den Metropolen wie Berlin und Frankfurt stattfanden, auf die Provinz″ hatten. Dabei reicht ihm der Blick nach Osnabrück nicht. Wolf will das Umland in den Sammelband, der Mitte Juni erscheinen soll, einbeziehen.

Typisch sei gewesen, so Wolf, dass die Höhepunkte in Osnabrück immer mit einiger Zeitverzögerung auftraten. Aber es waren vor allem auch die lokalen Themen, die in erster Linie die Jugend auf die Palme und auf die Straße brachten, wie zum Beispiel eine Fahrpreiserhöhung bei Bussen und Bahnen.

Große Koalition, Notstandsgesetze und eine NPD, die in etlichen Landtagen vertreten war, gaben den Jugendlichen ausreichend Anlass, mit Protesten ein Umdenken in der noch jungen Bundesrepublik erzwingen zu wollen. Wenn es in Ermangelung von richtigen″ Hochschullehrern zu Beginn nicht der Muff unter den Talaren″ war, so prägte doch das persönliche Umfeld die Jugendlichen unter anderem mit einer Kneipe, in der die Haarlänge über den Einlass bestimmte. Ich bin immer mal wieder in die Peitsche′ gegangen, einfach weil es witzig war, dort immer wieder rausgeworfen zu werden″, erinnert sich Schulze, dessen progressiver Haarstil beim Wirt auf ebenso wenig Gegenliebe wie Verständnis stieß.

Und als sich Schulzes Ratsgymnasium 1970 anlässlich einer Jubiläumsfeier zum abendlichen Fackelmarsch rüstete, hatte im Schlossinnenhof bereits die Revolution Stellung bezogen, um den Zug durch die Stadt mit lautstarkem Protest zu stören. Die protestierende Jugend hatte die Rechnung aber offenbar ohne die alten Kämpen in der Ratslehrerschaft gemacht, die, unmittelbar mit Schirmen und Luftpumpen bewaffnet, zum geordneten Gegenangriff blies.

Die mangelnde Aufarbeitung der jungen deutschen Geschichte war nicht nur in den Universitäten der Metropolen zu spüren. Sie betraf ebenso die Provinz, wie eben die Große Koalition und das mit ihr einhergehende Erstarken der politischen Ränder. Parallelen zu heute dürfen gerne gezogen werden, meinen Wolf und Schulze.

All das wollen sie in ihrem Buch niederschreiben, das zudem von einer Ausstellung ergänzt werden soll (vom 12. August bis zum 30. September im Stadtgaleriecafé). Für diese suchen Wolf und Schulze noch Exponate. Wer also zum Beispiel Plakate, Bücher, Flugblätter, Polizeihelme oder Schlagstöcke aus dieser Zeit in seinem Fundus hat, ist aufgerufen, sich bei Reiner Wolf unter der E-Mail-Adresse rwolf@ uos.de zu melden.

Bildtext:
Wie war das 1968 in der Provinz? Heiko Schulze (links) und Reiner Wolf gehen der Frage nach, wie sich die Studentenproteste in Osnabrück und Umgebung widerspiegelten.
Foto:
Jörn Martens
Autor:
Dietmar Kröger


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