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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Fleißarbeit auf 221 Seiten
Zwischenüberschrift:
„Göttinger Koffer″ des Osnabrücker Rektors Hermes fasziniert Mathe-Enthusiasten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Nahezu jeder Mathematik-Student hört in der Algebra-Vorlesung irgendwann vom legendären Göttinger Koffer″. Dieser beinhaltet die Fleißarbeit des Lehrers Johann Gustav Hermes, in den letzten Jahren seines Berufslebens Rektor des Osnabrücker Realgymnasiums.

Osnabrück/ Göttingen. Das Mathematische Institut der Georg-August-Universität Göttingen steht nicht auf der Liste der Top-Sehenswürdigkeiten der südniedersächsischen Universitätsstadt. Trotzdem kommen regelmäßig Touristen aus aller Welt in das 1929 erbaute Gebäude in der Bunsenstraße.

Die meisten interessieren sich allerdings nicht so sehr für die besondere Architektur, sondern für ein ganz spezielles Objekt. Sie möchten einen mehr als 100 Jahre alten Koffer sehen, der in der Bibliothek aufbewahrt wird und inzwischen international bekannt ist.

Die Geschichte des Göttinger Koffers″ ist kurios und gleichzeitig so faszinierend, dass sogar ein buddhistischer Mönch aus Indien nach Göttingen pilgerte, um den Koffer zu sehen.

Darin befindet sich ein handgeschriebenes Werk eines Mathematik-Enthusiasten, der mehr als zehn Jahre lang darüber gegrübelt hat, wie man mit Zirkel und Lineal ein regelmäßiges 65 537-Eck konstruieren kann.

Verfasser dieser Fleißarbeit war der aus Königsberg stammende Gymnasiallehrer Johann Gustav Hermes (1846–1912). Dieser hatte zunächst in seiner ostpreußischen Heimatstadt Mathematik studiert und war dann in den Schuldienst gegangen. Später wurde er Professor am Gymnasium in Lingen, 1899 Direktor am Realgymnasium Osnabrück (das heutige Ema-Gymnasium). Ende 1906 setzte er sich zur Ruhe.

In seiner Freizeit widmete sich Hermes der höheren Mathematik. 1879 hatte er über ein Problem der Kreisteilung promoviert, nach dem Erwerb des Doktortitels machte er sich an sein Hauptwerk über das 65 537-Eck.

Warum aber geht jemand jahrelang der Frage nach, wie man die Kreislinie in 65 537 gleiche Teile zerlegen kann? Hier kommt Carl Friedrich Gauß ins Spiel. Der große Denker hatte 1796 ein jahrtausendealtes Problem der Mathematik gelöst, nämlich die Frage, welche regelmäßigen Vielecke (Polygone) man nur mit Zirkel und Lineal konstruieren kann.

Sehr vereinfacht gesagt, ist dies immer dann möglich, wenn die Zahl der Ecken gleich einem Produkt bestimmter Primzahlen ist. Von diesen sogenannten Fermat′schen Primzahlen sind nur fünf bekannt: 3, 5, 17, 257 und eben 65 537. Gauß hatte bewiesen, dass eine Konstruktion eines 65 537-Ecks theoretisch möglich ist. Und Hermes wollte zeigen, wie es geht.

Zehn Jahre lang tüftelte er daran herum, stellte ungezählte Berechnungen an, fertigte jede Menge Tabellen und schrieb nach und nach 221 großformatige Blätter voll. 1889 hatte er sein Werk vollendet. Er ließ es binden, packte es in einen eigens angefertigten Holzkoffer, fuhr nach Göttingen und lieferte seine Fleißarbeit ab.

Dort interessierte man sich allerdings nicht sonderlich für den Inhalt des mit Stoff ausgeschlagenen Koffers mit dem Schriftzug J. Hermes″. Hermes durfte zwar noch eine 17-seitige Zusammenfassung in den Nachrichten der Akademie der Wissenschaften veröffentlichen, diese fand allerdings in der Fachwelt keinerlei Resonanz.

Das Projekt war im Grunde eine Sackgasse, denn es brachte niemanden weiter″, sagt der Göttinger Mathematik-Professor Jörg Brüdern. Jeder wusste, dass man so etwas machen kann, es hat nur keiner gemacht. Es gibt in der Mathematik nützlichere Dinge zu tun.″

Warum aber interessieren sich dann so viele Menschen für den Göttinger Koffer″? Von dem Konvolut gehe eine gewisse Aura″ aus, meint Brüdern. Die mit Feder und Tinte beschriebenen Blätter mit all den filigranen Tabellen, Konstruktionszeichnungen und Anmerkungen muten wie ein überaus ästhetisches Gesamtkunstwerk an. Kein Wunder, dass manchem beim Betrachten der Sysiphos-Mythos in den Sinn kommt.

Als Hermes seine Direktorenstelle in Osnabrück antrat, beendete er seine Rede mit dem Satz: Geduld ist die Pforte der Freude.″ Man kann sich Hermes also durchaus als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Am Mathematischen Institut hat man allerdings ein Problem: Der Göttinger Koffer″ muss dringend restauriert werden. Das ist sehr aufwendig und teuer″, sagt Kastendieck. Um die mathematische Rarität auch künftig Besuchern aus aller Welt zeigen zu können, hofft das Institut deshalb auf Spenden.

Bildtexte:
Den legendären Göttinger Koffer″ zeigen Professor Jörg Brüdern vom Mathematischen Institut der Universität Göttingen (rechts) und Bibliotheksleiter Philipp Kastendieck. Johann Gustav Hermes hat den Koffer extra für seine mathematische Fleißarbeit anfertigen lassen.
Das kuriose Werk umfasst 221 großformatige mit Tinte und Feder beschriebene Seiten. Heute muten die handgeschriebenen Tabellen, Berechnungen, Konstruktionszeichnungen und Erläuterungen wie ein Gesamtkunstwerk an.
Fotos:
Heidi Niemann
Autor:
Heidi Niemann


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