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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Jahreswechsel ohne Punsch und Grog
Zwischenüberschrift:
Januar 1918: Empörung am Bahnsteig, Preissturz im Schleichhandel, Kampf dem Tripper
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Zum letzten Mal im Kaiserreich läuteten die wenigen den Osnabrücker Kirchen verbliebenen Glocken am 1. Januar 1918 das neue Jahr ein. Kriegsmüdigkeit und Mangel allerorten ließen aber keine Feierstimmung aufkommen.

Osnabrück. Die Neujahrsnacht verlief ruhig, meldet denn auch das Osnabrücker Tageblatt″. Die meisten Gasthäuser hätten bereits um 11 Uhr abends geschlossen, ganz so, wie es die Polizeistunde an normalen Tagen gebot. Nur wenige unter ihnen machten von der an Silvester auf 12 Uhr verlängerten Sperrfrist Gebrauch. Die Aussichten auf Punsch oder Grog, mit denen sonst Sylvester begangen zu werden pflegt, waren ja auch angesichts des Mangels an den bekannten Grundstoffen gar nicht zu reden von den Preisen so wenig verlockend, daß es die Menschen vorzogen, sich zuhause an irgendeinem warmen Getränk zu ergötzen oder sich in Morpheus′ Armen vom alten ins neue Jahr hinübertragen zu lassen″, ist in der Zeitung zu lesen. Auch auf den Straßen war um Mitternacht nichts los: Die Prosit-Neujahr-Rufe erklangen ziemlich spärlich in der Winternacht.″

Sängerin an die Front

Zur Aufmunterung der Soldaten ist erstmals eine bewährte Kraft aus dem hiesigen Theater″ an die Front gereist, die Sängerin Hedwig Rode. Sie trat in Lazaretten und Soldatenheimen im Abschnitt Cambrai teilweise unter Geschützdonner″ auf. Männliche Gesangssolisten aus Osnabrück seien schon häufiger zur Erbauung und geistigen Erholung″ der Feldgrauen im Einsatz gewesen, aber mit Fräulein Rode habe erstmals eine Frau die Reisestrapazen und Gefahren auf sich genommen.

Empörung in Eversburg

Zahlreiche Eversburger Hilfsdienstpflichtige, Gewerbetreibende, junge Mädchen, Schüler und andere müssen mal wieder eine schmerzliche Erfahrung machen. Sie wollen mit dem Halb-acht-Zug zur Stadt. Sie kommen in dem Augenblick in die Bahnhofshalle, als der Zug gerade einläuft. Hier wird ihnen, obwohl alle mit Fahrkarten versehen sind, die Tür zum Bahnsteig vor der Nase zugeschlossen. Sie dürfen nun durch das Fenster den noch etwa zwei Minuten lang haltenden Zug betrachten, den sie mit wenigen Schritten hätten erreichen können. Das Tageblatt″ ergreift Partei: Man war mit Recht allgemein empört über ein solches, wenig rücksichtsvolles Verfahren dem reisenden Publikum gegenüber. Jeder weiß, daß besonders die Oldenburger Züge fast mit regelmäßiger Verspätung verkehren. Wenn nun mal ein Zug pünktlich einläuft, so ist durch diese Tatsache noch lange nicht ein so schneidiges Verfahren gerechtfertigt. Auch würde der Stationsaufenthalt des Zuges durch diese Spätkommenden nicht verlängert worden sein, da er wegen Post- und Gepäckabfertigung noch halten mußte.″

Krise im Schattenhandel

Aus den östlichen Landesteilen wird eine Entwicklung berichtet, die sich vielleicht auch bald schon in Osnabrück auswirken könnte: Die Preise im Schleichhandel″ (illegale Geschäfte unter Umgehung von gesetzlichen Beschränkungen, Kontingentierungen, Meldepflichten, Preisverordnungen) und teilweise auch im offenen Handel brechen ein. So sinken etwa die Phantasiepreise″ für Gänse von 6 Mark das Pfund auf nur noch 4 Mark, Tee von 30 Mark das Pfund auf 15 Mark. Preisstürze werden auch bei Pelzwaren beobachtet. Als Folge des Waffenstillstandes an der Ostfront (15. Dezember 1917) und der angelaufenen Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk macht sich sowohl in Polen als auch in Oberschlesien ein bedeutendes Sinken der Preise bemerkbar. Die Angst vor der Wiederaufnahme des Handelsverkehrs mit Russland wirke entmutigend auf den Wucher und den Schleichhandel, vermutet die Zeitung. Rotkohl, Weißkohl und Obst sind plötzlich wieder zu haben. Das gilt ebenso für Maschinengarn, Schuhsenkel und Seife. In Warschau taucht bereits wieder gute Schokolade auf, die nicht mehr 170 deutsche Reichsmark das Kilo kostet, sondern nur noch 100. Fieberhaft sind die geheimen Händler bestrebt, größere gehortete Bestände zu veräußern.″

Der bevorstehende Separatfrieden mit Russland hat auch schon in Osnabrück eine direkte Auswirkung: Auf höheren Befehl hin wird den im Offiziersgefangenenlager der Artilleriekaserne befindlichen russischen Offizieren von jetzt ab der Besuch des Stadttheaters gestattet. Jeglicher persönlicher Verkehr mit dem sonstigen Publikum ist ihnen aber verboten. Der Lagerkommandant bittet das Publikum, auch seinerseits jegliche Annäherung an die Offiziere zu vermeiden.

Abgestumpft

Als heutiger Leser gewinnt man den Eindruck, dass die enormen Opferzahlen an den Fronten die Öffentlichkeit auch gegenüber zivilen Opfern abstumpfen lassen. Fast jede Woche ist von tödlichen Unfällen im Eisenbahnverkehr zu lesen, die anscheinend schicksalhaft hingenommen werden, ohne dass den Ursachen oder möglichen vorbeugenden Maßnahmen zur künftigen Vermeidung nachgegangen wird.

So ist ein Zugzusammenstoß in der Pfalz zwischen Homburg und Kaiserslautern mit 30 Toten und mehr als 100 Verletzten dem Osnabrücker Tageblatt″ einspaltig fünf Zeilen wert. Der Schaden ist bedeutend″, heißt es lapidar.

Ausführlich wird andererseits die häufig mangelhafte Bezettelung″ der Eisenbahngüterwagen beklagt. Wagenumlauf und glatte Betriebsabwicklung würden häufig durch unanbringliche″ Wagen sehr erschwert, hervorgerufen durch schlechte Anbringung der Beklebezettel seitens der Absender. Ursache: der dunkle Klebstoff, der nicht wetterfest ist. Die Eisenbahn verlangt daher die Anwendung des besser geeigneten weißen Klebstoffs. Wagen, bei denen dunkler Klebstoff verwendet wurde, können zukünftig zurückgewiesen werden. Auf jeden Fall sollte man die Zettel mit Rotstift beschreiben, weil die rote Schrift beim Durchschlagen des Kleisters noch am längsten lesbar bleibt. Ferner verlangt die Eisenbahn die Anbringung von Anhängeschildern mittels Draht an den Seitentüren oder Seitenrungen, auf dem die Versand- und die Empfangsstation sowie die Namen von Versender und Empfänger vermerkt sind.

Peinliches Thema

Mit offenem Visier gegen die Geschlechtskrankheiten: Mitten im Kriegsgetümmel haben die deutschen Landesversicherungsanstalten mobil gemacht gegen einen Feind, der, während der langen Kriegsdauer mehr und mehr erstarkend, am Marke unseres Volkes schleichend nagt, dessen Unschädlichmachung aber das Wohl des Erkrankten selbst, das Wohl seiner Familie und des ganzen Volkes, wie auch die Sorge um unseren Nachwuchs gebieterisch erheischt.″ So leitet das Tageblatt″ einen Beitrag ein, der falscher Scham entgegenwirken soll. Im ganzen Reich, und so auch in Osnabrück, sind Beratungsstellen eingerichtet worden. Behandlungen sind kostenlos und streng vertraulich.

Der tiefe Ernst der Zeit und die Tatsache, dass die erwähnten Erkrankungen durch ihre unheimliche, lang anhaltende Ansteckungsfähigkeit mehr und mehr an Boden gewinnen, machen es zur vaterländischen Pflicht eines jeden Mannes und einer jeden Frau, mit der landläufigen Sitte zu brechen, schon beim allgemeinen Erwähnen der Geschlechtskrankheiten verletzt, in verkehrter Prüderie sich in eisige Unnahbarkeit zu hüllen. Der schwere Weltkrieg zwingt, mit veralteten Anschauungen aufzuräumen und den Mut zu finden, sich verständnisvoll über die drohenden Gefahren zu unterrichten. Nur ein aufgeklärtes, willensstarkes Volk, das diesen schleichenden Feind in seiner ganzen Furchtbarkeit erkennt, kann sich gegen ihn schützen. Mag er an seiner Krankheit schuldig oder nicht schuldig sein, ein jeder hat Anspruch auf Hülfe.″

Die Stadtgeschichte im Blick: Lesen Sie mehr auf www.noz.de / historisch-os

Bildtexte:
Der Eversburger Bahnhof, wie ihn der Reisende in der Kaiserzeit vom Gleis aus wahrnahm.
Am Eversburger Bahnhof halten längst keine Züge mehr. Dafür kann man dort Fisch essen.
Fotos:
Sammlung Lothar Hülsmann, Archiv/ David Ebener
Autor:
Joachim Dierks


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