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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Adventslichter in einer dunklen Zeit
Zwischenüberschrift:
Dielingerstraße im Dezember 1953
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im Dezember 1953 waren die Trümmer des Bombenkriegs beiseitegeräumt, und das Leben lief wieder in einigermaßen geregelten Bahnen. Doch das Wirtschaftswunder ließ noch auf sich warten.

Osnabrück. Dieser Blick in die Dielingerstraße zeigt notbehelfsmäßig wiederaufgebaute Fassaden, äußerst zurückhaltende Reklame und darüber schlichte, tannengeschmückte Lichterketten, die bei allen Entbehrungen umso größere Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest ausstrahlten.

Das Licht der nackten Glühbirnen erwärmte die Herzen und stimmte optimistisch, so der Eindruck dieser Straßenszene, es brauchte nicht die figürlichen Märchendarstellungen der 1970er-Jahre oder die ausgefeilten Beleuchtungskonzepte unserer Tage, um die Menschen auf das Fest einzustimmen. Das Licht an sich wurde geschätzt was nach den vielen Jahren des Verdunklungszwangs während des Bombenkriegs und der anschließenden Elektrizitätsbewirtschaftung verständlich erscheinen mag.

Das Kriegs- wie auch das Nachkriegsdeutschland waren dunkel gewesen. Schaufensterbeleuchtungen und Lichtreklamen aller Art blieben nach dem Krieg zunächst verboten. Der Tagesstromverbrauch war auf 500 Watt je Zähler begrenzt, für jede im Haushalt lebende Person gab es 50 Watt obendrauf. Vor dem Krieg 1939 wurden die Straßen der Stadt durch 1716 Gaslaternen und 725 elektrische Bogenlampen erhellt. Anfang 1948 waren erst 110 Lampen wieder in Betrieb.

Auf der linken Seite sehen wir, angeschnitten, das Haus Nr. 16 mit dem Konfitürengeschäft von Minna Frank. Neben der Eszet″-Schokoladen-Werbung lockt das aus acht Einzelscheiben bestehende Schaufenster″ mit seinen süßen Auslagen.

Es folgt mit Nr. 15 ein unverputzter Hausgiebel typisches Beispiel eines Bauwerks, das aus wiederverwendeten Backsteinen hochgezogen worden war. Die amtlichen Baustoffzuteilungen reichten bei Weitem nicht aus, um all die notwendigen Reparaturen und Neubauten von Wohnraum zu versorgen.

Im Zuge der Enttrümmerung hatten Osnabrücker Trümmerfrauen und - männer 1, 8 Millionen Ziegelsteine geborgen und gepickt″, also von Mörtelresten befreit, um ein von der Not diktiertes Recycling zu ermöglichen. Die Ziegelsteine wurden in einer Personenkette von Hand zu Hand aus den Ruinen an den Straßenrand weitergereicht, dann mit einem Maurer- oder Putzhammer abgeklopft und aufgeschichtet. Die Vorgabe lautete: 16 Stück in einer Fläche (4 mal 4), jeweils zwölf Schichten übereinander und abschließend ein Mittelhäufchen von acht Stück, sodass sich standsichere Stapel von 200 Steinen ergaben, die eine übersichtliche Abrechnung der Leistung ermöglichten.

Der Krieg hatte die Dielingerstraße weitgehend geschont. So lässt denn auch das Foto von 1953 keine größeren Baulücken erkennen. Die gewachsene kleinteilige Parzellierung und die Nutzungen hatten großenteils den Krieg überdauert.

Schon immer war die Dielingerstraße eine Straße der Handwerker und Kleingewerbetreibender gewesen. Das Adressbuch 1952/ 53 spiegelt die vertretenen Branchen wider. Da waren der Schlosser (Bernhard Kreye), der Buchhändler (Bruno Hanckel), die Autosattlerei und Polsterei (Josef Neumann) und der Kohlengroßhandel. Aber auch der Adressbuch-Verlag (Ludwig Schmidt), die Böttcherei (Johannes Hellmann), der Bildhauer (Fritz Szalinski), der Bauklempner, der Uhrmacher und das Tabakwarengeschäft. Ebenso wenig fehlten Schuhmacher, Lithograf, Schneidermeister, Blumenbinder, Linoleum-Großhändler, Maler, Bestatter, Fleischermeister, Korsetthaus, Feintäschner und eine Reparaturwerkstatt für Kinderwagen ja, es wurde repariert und nicht weggeworfen.

Die reichlich vorhandenen Altbauten und der schnelle, kleinräumige Wiederaufbau auf dem alten Grundriss sollten die Stadtväter später vor große Probleme stellen. Die vielfach minderwertige Bausubstanz konnte die wachsenden Ansprüche an Wohnqualität und an zeitgemäße Einzelhandelsflächen nicht erfüllen. Außerdem wurde die Verkehrsführung mit der beginnenden Massenmotorisierung zunehmend schwieriger. Weil Heger Straße und Marienstraße als westliche Zufahrten in die Innenstadt tabu waren, rückte die Dielingerstraße in den Blick der Verkehrsplaner.

Zu Beginn der 1970er-Jahre startete die Stadt ein Flächensanierungsprogramm, dem im Westabschnitt die südliche Bebauung der Dielingerstraße zum Opfer fiel und im östlichen Abschnitt die nördliche Häuserreihe. Die alte, enge Gassenführung war nicht mehr wiederzuerkennen. Der Autoverkehr sollte über die neue vier- bis fünfspurige Erschließungsstraße in die Innenstadt und zu einer Tiefgarage rollen. Das rief heftige Bürgerproteste hervor, die in Hausbesetzungen gipfelten. Aber die breite Verkehrsschneise für die neue Dielingerstraße und die Lortzingstraße war geschlagen und nicht mehr rückgängig zu machen. Sie wird heute überwiegend als Bausünde empfunden.

Bildtext:
Dies ist nicht die ganze neue″ Dielingerstraße, sondern nur die nördliche der stadtautobahnmäßig geteilten Fahrbahnen.

Die Dielingerstraße, vom Wall aus betrachtet, mit adventlicher Beleuchtung im Dezember 1953.

Foto:
Joachim Dierks, Hugo Mittelberg
Autor:
Joachim Dierks


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