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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Kein Schlafplatz für junge Obdachlose
Zwischenüberschrift:
Versorgungslücke für 18- bis 21-Jährige
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wer mit 18 von den Eltern vor die Tür gesetzt wird und sich keine eigene Wohnung leisten kann, der muss sich auf kalte Nächte einstellen. Denn in Osnabrück gibt es derzeit keine öffentliche Übernachtungsmöglichkeit für junge Erwachsene unter 21 Jahren.

Osnabrück. Psychisch labil, von der Polizei gesucht, hoch verschuldet und ohne Schlafplatz für die Nacht so stand die 18-Jährige eines Freitagnachmittags vor Marco Brockmann. Der Streetworker ist im Rosenplatzquartier Ansprechpartner für die verschiedensten Probleme. In diesem Fall erwies sich das Banalste auch als das Kniffligste. Es ist sehr schwierig, junge Erwachsene, die akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind, irgendwo unterzubringen″, weiß der Sozialarbeiter. Hätte da ein 17-Jähriger vor ihm gestanden, er hätte seine Kollegen vom Jugendamt anrufen und um Inobhutnahme bitten können. Denn Kinder und Jugendliche werden auf Kosten der Stadt kurzfristig in Pflegefamilien oder in Wohneinrichtungen untergebracht. Mit Vollendung des 18. Lebensjahres ist diese Maßnahme ausgeschlossen. Gleichzeitig dürfen Obdachlosenunterkünfte junge Erwachsene erst ab einem Alter von 21 Jahren aufnehmen.

So schreibt es das Sozialgesetzbuch vor, aber es macht auch inhaltlich Sinn, erklärt Hans-Georg Weisleder, der den städtischen Fachbereich Jugend leitet: Es ist nicht angebracht, so junge Leute mit langjährigen Obdachlosen zusammenzubringen. Die beiden Gruppen haben ganz unterschiedliche Hilfebedarfe.″ Mit anderen Worten: Die Jungen kommen oft aus schwierigen Elternhäusern und stehen vor der Herausforderung, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Die Alten leben mitunter schon jahrelang selbstbestimmt ohne festen Wohnsitz und kämpfen nicht selten mit Drogen- oder Alkoholproblemen. Beide in derselben Einrichtung unterzubringen könnte zu Spannungen führen.

Auch deshalb gibt es in Osnabrück für junge Erwachsene zwischen 18 und 21 Jahren keine öffentliche Übernachtungsmöglichkeit. Wie viele junge Menschen deshalb unter freiem Himmel schlafen müssen, ist schwer zu beziffern. Brockmann spricht von vier bis fünf jungen Erwachsenen, die sich im Jahr 2016 wegen akuter Wohnungslosigkeit in seinem Büro am Rosenplatz gemeldet hätten. Ferdinand Flohre schätzt, dass er etwa einmal im Monat einen jungen Erwachsenen wegen seines Alters wegschicken muss. Er leitet das Laurentiushaus, eine Obdachlosenunterkunft unter Trägerschaft des Katholischen Vereins für soziale Dienste (SkM). In das Wohnheim darf er nur solche Interessenten aufnehmen, die mindestens 21 Jahre alt sind. Etwas flexibler sind seine Kollegen von der Übernachtungsstelle. Dort können Obdachlose schon ab dem 18. Lebensjahr unterkommen allerdings maximal für eine Nacht oder ein Wochenende pro Monat. Diese Begrenzung ist durch die Stadt Osnabrück vorgegeben, die das Angebot finanziert.

Zahl steigt

In niedrigschwelligen Einrichtungen wie der Übernachtungsstelle hat die Caritas am 30. Oktober 2017 eine Zählung der Wohnungslosen durchgeführt. Das Ergebnis: In Osnabrück waren 16 Personen zwischen 18 und 21 Jahren alt, verrät Christian Jäger, der Autor der Studie, vorab. Noch sind die Ergebnisse nicht veröffentlicht. Doch eins steht schon fest: Die Zahl der jungen Obdachlosen ist seit Jahren steigend, das gilt für ganz Niedersachsen.″ Viele Betroffene, glaubt Ferdinand Flohre, würden allerdings nie bei einer öffentlichen Stelle auflaufen: Es hat sich inzwischen rumgesprochen, wie schwierig es für uns ist, junge Leute unterzubringen.″

Ob nun vier oder 16 junge Erwachsene pro Jahr von Wohnungslosigkeit bedroht sind, ist Hans-Georg Weisleder prinzipiell egal. Er hat die Versorgungslücke erkannt und will dafür sorgen, dass Strukturen vorgehalten werden, um junge Volljährige aufzunehmen″. Er hat einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, der nach seinen Angaben derzeit nach einem freien Träger sucht, der eine Notunterkunft anbieten würde. Neben geeignetem Wohnraum müsste auch eine pädagogische Fachkraft eingestellt werden, die sich um die jungen Menschen kümmert. Bis zu vier Wochen, meint Weisleder, könnten die Betroffenen in der Wohnung bleiben. Wann es so weit sein könnte, darauf wollte er sich noch nicht festlegen.

Handykontakte

Also muss Marco Brockmann den jungen Wohnungslosen vorerst weiter auf seine Art helfen. Nämlich, indem er mit ihnen ihre Handykontakte durchgeht. Es ist immer am besten, wenn sie kurzfristig bei einem Freund oder einer Freundin unterkommen können″, so der Streetworker. Mit dieser Strategie hatte er auch bei der verzweifelten 18-Jährigen Erfolg. Ein anderes Mal konnte er den Arbeitgeber eines Jugendlichen überzeugen, den jungen Mann ein paar Nächte in seiner Scheune übernachten zu lassen. Manchmal haben seine Klienten etwas Geld, um sich ein Zimmer im Hostel zu leisten. Und im Sommer rät Brockmann auch schon mal zum Zelt als Schlafstatt.

Wenn die erste Unterbringung geklärt ist, stellt der Streetworker gemeinsam mit seinen Schützlingen einen Antrag auf Grundsicherung. Darauf haben sie nämlich einen Anspruch, auch wenn das nur die wenigsten wissen.″ Anschließend unterstützt er bei der Wohnungssuche und geht auch schon mal mit zum Besichtigungstermin. Diese Hilfe brauchen die Jugendlichen nach seiner Einschätzung dringend: In dem Alter ist man von so einer Krisensituation, plötzlich allein auf der Straße zu stehen, einfach überfordert.″ Und da sei es auch egal, ob der Betroffene erst 17 oder gerade 18 Jahre alt sei.

Beim Tag der sozialen Dienste haben sich Osnabrücker Sozialpädagogen über Wohnungslosigkeit informiert. Den Artikel dazu finden Sie auf noz.de/ osnabrueck

Bildtext:
Damit junge Erwachsene nicht wie hier am Hasetor in Osnabrück unter der Brücke schlafen müssen, will die Stadt für sie eine Notunterkunft einrichten.

Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Louisa Riepe


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