User Online: 1 | Timeout: 22:16Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Neues Leben am Hafen
Zwischenüberschrift:
In Osnabrück entsteht mit der „Keimzelle″ eine neue Kulturszene
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
1933 als Heereslager gebaut, später Wache der britischen Militärpolizei, nun ein bunter Ort: Am Hafen entsteht in direkter Nachbarschaft zu den alten Speichern ein neuer Raum. Jetzt mit einer schöneren Nutzung″, sagt Marcia Bielkine. Der Kulturverein Petersburg baut dort eine neue Keimzelle″ auf.

Osnabrück. Im Veranstaltungsraum ist es an einem Vormittag im November dunkler als draußen und kaum wärmer. Die Keimzelle mit ihren 250 Quadratmetern in der Straße Am Speicher 9 verfügt weder über Strom noch Wasser, Gas oder Internet. Bielkine und Kai Sandersfeld führen durch die Keimzelle. Das ist der vorläufige Name des Kulturraums. Im Veranstaltungsraum mit ein paar alten Sofas und Möbeln aus Paletten steht eine kleine Heizung, die mit einem Generator betrieben werden kann. Das Wasser für Tee und Kaffee kommt aus Kanistern.

Was ist die Keimzelle? Der Güterbahnhof ist zwar ein Teil von uns″, sagt Sandersfeld. Die Keimzelle sei aber nicht einfach eine Petersburg am Hafen″, ergänzt der 28-Jährige, der im Vorstand des Kulturvereins Petersburg sitzt. Man sei zwar vernetzt, und es gebe Überschneidungen. Vielmehr sei die Keimzelle aber ein weiterer nicht kommerzieller Kulturraum. Ein neuer Ort, wo man sich entfalten und ausprobieren kann″, sagt Bielkine.

Die Probleme mit der 3G-Group am Güterbahnhof sind bekannt, langfristig ist keine kulturelle Nutzung am Güterbahnhof erlaubt, Platz war dort inzwischen eh zu wenig. Bereits vor vier Jahren hatte die Stadt dem Kulturverein das Gebäude am alten Industriehafen angeboten; doch wegen der Entfernung zum Zentrum war der Verein anfangs nicht sehr angetan von der Idee. Wir wollten lange nicht herkommen″, bestätigt Bielkine.

Der Verein habe aber stets mit der Stadt in Kontakt gestanden und letztlich vermittelt. Wir sind mit den Räumen sehr zufrieden. Das Haus und die Atmosphäre sind toll, und wir sind glücklich, wieder einen Ort zu haben. Da nimmt man einen weiteren Weg gerne in Kauf″, sagt die 31-Jährige.

Dankbar sind Sandersfeld und Bielkine für die Unterstützung der Stadt bei der Realisierung der Keimzelle. Frank Otte (Stadtbaurat) und Patricia Mersinger (Leiterin des Fachbereiches Kultur) unterstützen uns seit Jahren″, sagt die 31-Jährige.

Die Aktivitäten in der Keimzelle sind noch überschaubar. Die geplanten Umbauten sind noch nicht vollzogen, und überdies ist es dort derzeit eiskalt.

Im Aufenthaltsraum besprechen die etwa 20 Aktiven regelmäßig ihre Ideen und geplanten Aktivitäten. Etwa den Hafen-Schnack dem Treffen zum Spinnen, Kennenlernen und Vernetzen″, wie auf der Homepage des Freiraums Petersburg steht. Geplant ist unter anderem eine offene Werkstatt in der Garage im Haus, einige Werkzeuge haben die Aktiven schon. Dort soll später jedermann werkeln oder sein Rad reparieren können. Ein bisschen sind wir schon am Werkeln auch ohne Strom″, sagt Sandersfeld.

Geplant ist ferner ein offenes Atelier, in dem Workshops stattfinden sollen – „ auch für Menschen, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten″, sagt Sandersfeld. Töpfern und Zeichnen zum Beispiel. Viele kommen mit Ideen zu uns″, sagt Bielkine. Kindergruppen, Yoga, Tanzveranstaltungen et cetera.

Willkommen ist in der Keimzelle jeder, versichern die beiden. Fast jeder. Denn auch ein Freiraum hat Grenzen″, sagt Sandersfeld. Platz für Diskriminierung ist hier nicht″, ergänzt Bielkine. Bislang seien die Aktiven zwischen 1 und über 50 Jahre alt, der Kern zwischen 20 und 30.

2013 hatte die Stadt Teile des ehemaligen Kasernengeländes gekauft und das Gebäude mit der Turmuhr wiederum an die Deutsche Rockmusik-Stiftung veräußert. Das niedersächsische Kulturministerium griff der Stiftung beim Kauf mit 232 000 Euro unter die Arme. Die Stiftung vermietet nun einen Teil des Gebäudes an die Keimzelle. Im hinteren Teil entstehen 13 Proberäume. Die sind nötig, da der Pachtvertrag des Proberaumzentrums am Güterbahnhof Ende 2018 ausläuft.

Wie finanziert die Keimzelle ihren Teil des Hauses? Seit dem 1. August hat der Kulturverein Petersburg einen unbefristeten Mietvertrag mit der Deutschen Rockmusik-Stiftung. Das meiste Geld erhält der Verein von der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur (LAGS), die Differenz von den Mitgliedern. Die LAGS-Förderung läuft drei Jahre. Danach soll sich die Keimzelle durch etwa Vermietungen für Veranstaltungen und Seminare selbst tragen, vor allem aber durch Mitgliedsbeiträge. Egal wie, Hauptsache bunt durchmischt und weiterhin basisdemokratisch″, sagt Sandersfeld.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das Gebäude bereitet der Gruppe Probleme. Es wurde Bielkine zufolge 1933 als Heereslager gebaut. Bis zum Abzug der Briten war dort die Militärpolizei untergebracht. Heute steht es innen und außen unter Denkmalschutz, was Umbauten und Renovierungen erschwert. Wie sollen wir neue Leitungen im Bad verlegen, wenn wir die Fliesen nicht entfernen dürfen″, fragt sich Sandersfeld. Dabei brauche das Haus neue Anschlüsse, und Leitungen, neue Sanitäranlagen, einige Wände sollen weichen. Zuversichtlich ist er dennoch.

Sandersfeld und Bielkine hoffen, dass die Stadtwerke die Versorgungsleitungen möglichst zeitnah erneuern. Ursprünglich sollten diese bereits im Herbst neu verlegt werden. Nun werde es wohl eher der Sommer, sagt Sandersfeld. Die fehlende Erschließung erschwere die Arbeit und kreative Entwicklung des Raumes″, sagt Sandersfeld. Aber der Ausblick hält uns warm.″

Die Stadtwerke können die Hausanschlüsse noch nicht verlegen, da das Gelände noch nicht von der Stadt erschlossen ist, heißt es auf Anfrage bei den Stadtwerken.

Wie ist der Ausblick? Ein Treffpunkt mit vielen Leuten und Gruppen, unabhängig, auch finanziell, bunt durchmischt, basisdemokratisch″, sagt Sandersfeld. Er spinnt sein Utopia bereits weiter: Vielleicht haben wir ja irgendwann mal auch den Speicher″, sagt er, während sein Blick auf das Bauwerk gegenüber fällt. Vorerst sind die Wünsche bescheiden: Strom, Wasser und Gas wären toll.″

Bildtext:
Für Kinder gibt es in der Keimzelle ein Bällebad. Sichtlich wohl fühlen sich darin aber auch Marcia Bielkine (31) und Kai Sandersfeld (28), die sich in und für die Keimzelle engagieren.

Das Gebäude der Keimzelle.

Blick ins Innere der Keimzelle: das Plenum.

Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Jörg Sanders


Anfang der Liste Ende der Liste