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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Vergangenheit hin oder her″
Zwischenüberschrift:
Viele Anlieger der Carl-Diem-Straße wollen Straßennamen behalten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Für eine Umbenennung der Carl-Diem-Straße hat sich der Rat der Stadt ausgesprochen. Die Anwohner der betroffenen Straße sind teilweise anderer Meinung, wie nun bei einer Informationsveranstaltung deutlich wurde.

Osnabrück. Christine Grewe vom Büro für Friedenskultur erklärte zu Beginn kurz die Straßenhistorie: 1967, fünf Jahre nach Diems Tod in Köln, benannte der Rat die Straße Am Schwanenbach″ in Carl-Diem-Straße″ um. Ich vermute, das stand im Zusammenhang mit der Ansiedlung des OSC.″ 2002 und 2012 gab es bereits Initiativen, die Straße umzubenennen. Das scheiterte jedes Mal an der Ablehnung mehrerer Anwohner.

2012 erfolgte aber auch ein Auftrag des Rates an die Verwaltung, Straßen und Plätze in Osnabrück auf bedenkliche Namensgeber abzuklopfen. Eingesetzt wurde ein Arbeitskreis, dem Vereine und Initiativen aus dem Bereich Erinnerungskultur, Schulen und die Universität, sowie Kirchen und Gewerkschaften angehören. Der Arbeitskreis identifizierte schließlich neben den Osnabrückern Giesbert Bergerhoff (Atter) und Heinrich Röper (Schölerberg) auch den in Würzburg geborenen Carl Diem als einen Mann, der aktiv und freiwillig im Dienst des Nationalsozialismus gestanden habe und somit als Namenspatron ungeeignet erscheint.

Was hat Diem getan? Das städtische Büro für Friedenskultur bat den Sporthistoriker Lorenz Peiffer aus Hannover um Aufklärung. Carl Diem war seinen Recherchen zufolge ein Mann gewesen, der zeitlebens mit dem Sport verbunden war. 1882 geboren, gründete Diem mit 17 Jahren einen Sportverein. Es folgte noch vor dem Ersten Weltkrieg ein führender Posten beim Reichsausschuss für Olympische Spiele. Diem gründete das Deutsche Sportabzeichen und initiierte die Reichsjugendwettkämpfe, den Vorläufer der heutigen Bundesjugendspiele, zählte Lorenz Peiffer in der Aula des Gymnasiums In der Wüste″ auf.

Zur Zeit der Weimarer Republik war Diem dann Missionschef der deutschen Olympiamannschaft für die Spiele in Amsterdam und Los Angeles. 1933 wird er als Prorektor der Berliner Hochschule für Leibesübungen entlassen″, so Pfeiffer. Zuvor habe es vom nationalsozialistischen Propagandablatt Völkischer Beobachter″ zahlreiche Angriffe gegen Diem gegeben. Ein jüdischer Großvater seiner Ehefrau war der Grund für die Anfeindungen.

Die Vorwürfe wurden gestoppt, und Diem entwickelte Eigeninitiative. Er bewarb sich um das Amt des Reichssportkommissars. Diem wurde zwar nicht genommen, aber eingebunden, indem er zum Generalsekretär des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin avancierte.

Darüber hinaus wurde er publizistisch tätig, im Völkischen Beobachter″ und im Reichssportblatt″. Darin umjubelte er etwa den Sturmlauf″ der Wehrmacht durch Frankreich. Und er hielt 1945 in Berlin, knapp zwei Monate vor der Befreiung, eine Durchhalterede vor Hitlerjugend und Volkssturm″. Diem rief dabei zum finalen Opfergang für Führer und Vaterland auf, zitierte der Historiker.

Nach dem Krieg stellte Diem ehemaligen NS-Funktionären und - Sympathisanten zahlreiche Gutachten (sogenannte Persilscheine) aus. 1947 wurde er erster Direktor der Sporthochschule in Köln, später Sportreferent im Bundesinnenministerium.

Das Resümee von Sporthistoriker Peiffer: Diem war kein Mitglied der NSDAP und kein antisemitischer Hetzer. Aber er hat sich sehr klar gegen Juden geäußert und von Juden distanziert.″ Er sei zum Mittäter geworden, indem er bei der Umwandlung des gesellschaftlichen Systems 1933/ 34 mitgeholfen und dazu beigetragen habe, den Sport dem NS-Regime nutzbar zu machen, so Peiffer weiter. Und: In der Phase der Radikalisierung des Systems, durch die Millionen Menschen ihr Leben verloren, habe Carl Diem das Nazi-Regime gestützt und stabilisiert.

Einwand aus dem Kreis der knapp 40 Veranstaltungsteilnehmer: Was hätte Diem denn damals anders machen sollen? Wir können nicht immer mit einer Zeitgebundenheit argumentieren und fragen, was hätten denn wir in einer solchen Zeit gemacht″, antwortete Lorenz Peiffer darauf. Dann müssen Sie sich bitte auch fragen: Was haben die Leute gemacht, die Widerstand gegen die Nazis geleistet haben?

Andere Besucher zeigten sich resistent gegen die historische Argumentation. Vergangenheit hin oder her: Damit müssen wir leben. Ich wohne seit 35 Jahren in der Straße und will keine Umbenennung. Mir tut das weh, denn ich bin mit diesem Namen emotional verbunden. Aber nicht mit Carl Diem, denn der interessiert mich nicht die Bohne″, sagte ein Mann unter Beifall.

In der Minderheit waren die Befürworter einer Umbenennung. Damit lässt sich verdeckter Rassismus beseitigen″, lautete etwa eine Meinung.

Eine nicht repräsentative Abstimmung ergab: Die Mehrheit lehnt die Änderung des Namens ab. Konsens herrschte dafür bei diesem Wunsch: Sollte es zu einer Umbenennung kommen, sollte bitte auf einen Personennamen verzichtet werden. Ähnlich hatten sich zuletzt auch schon die Anlieger des Heinrich-Röper-Wegs geäußert. Argumente, dass die Umbenennung Geld und Lauferei beschere, konnte die Stadtverwaltung teilweise entkräften. Die notwendigen Änderungen in Personalausweis und Fahrzeugpapieren würden kostenlos durchgeführt.

Wie geht es nun weiter? Stadtrat Wolfgang Beckermann wies auf das Bürgerforum Kalkhügel/ Wüste am Mittwoch, 8. November, hin, das ab 19.30 Uhr ebenfalls im Gymnasium In der Wüste″ stattfindet. Dort könnten Namensvorschläge gesammelt werden. Anfang 2018 sollen dann alle Ergebnisse mit Alternativvorschlägen an den Kulturausschuss gehen.

Bildtext:
Carl Diem galt als herausragende Persönlichkeit des deutschen Sports 1968 gab die Deutsche Bundespost zu seinen Ehren eine Sonderbriefmarke heraus. Die Nazi-Vergangenheit des Funktionärs war da noch kein Thema.

Foto:
imago/ imagebroker
Autor:
Stefan Buchholz


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