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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Verbraucher hat Macht
 
Das Billigfleisch und die Bildung
Zwischenüberschrift:
NOZ-Agenda: Experten diskutieren über Essgewohnheiten, Kaufverhalten und Tierwohl
 
NOZ-Agenda zur Ernährung: Sterne-Koch kritisiert scheinheiliges Einkaufsverhalten
Artikel:
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Originaltext:
Das Thema Essen wird leidenschaftlich diskutiert auch auf dem hochkarätigen Podium der NOZ-Agenda Essen & Empörung″. Es geht um die Macht des Verbrauchers, Essgewohnheiten und Tierwohl.

Osnabrück. Die deutschen Essgewohnheiten lassen mich verzweifeln.″ Mit dieser Einschätzung stand Drei-Sterne-Koch Thomas Bühner am Donnerstagabend bei der Podiumsdiskussion unter der Überschrift Essen & Empörung″ nicht alleine da. Auf einen gemeinsamen Nenner konnten sich Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne), der Berliner McDonald′s-Systemgastronom Oliver Mix und Bernhard Krüsken als Generalsekretär des Bauernverbands einigen: Die Gesellschaft hat vergessen, unsere Lebensmittel in ihrer Gänze zu verwerten.

Eine wichtige Rolle spielte für Mix unter anderem das veränderte Essverhalten und die Tatsache, dass das Essen seine soziale Komponente zu m Teil eingebüßt hat. Darin stimmten Sterne-Koch und Systemgastronom überein. Es muss schnell gehen, und dann wird das gegessen, was schmeckt, und nicht, was lange dauert. Nicht umsonst boomt der Lieferservice″, so Mix. Insgesamt sah Bauernvertreter Krüsken jedoch ein Licht am Horizont. In den vergangenen Jahren hat es eine Entwicklung gegeben: Der Verbraucher zeigt zunehmend Interesse, das müssen wir ausbauen.″

Der Verbraucher als solcher war ein großer Schwerpunkt der Diskussion: sowohl seine Macht, durch bewusste Kaufentscheidungen Tierschutz und Landwirtschaft zu beeinflussen, als auch seine Bereitschaft, für gute Produkte einen entsprechenden Preis zu zahlen. Dass wir uns gutes Essen nicht mehr leisten können, kann ich nicht mehr hören″, betonte Christian Meyer auf die Frage von NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke, wie der Verbraucher von höheren Lebensmittelpreisen überzeugt werden könnte. Dass gutes Essen nicht teuer sein muss, betonte auch Sterne-Koch Bühner. Speckpfannkuchen ist etwas Tolles.″ Auch gegen Fleisch hatte er nichts einzuwenden aber alles in Maßen, dafür von guter Qualität.

Einig waren sich die Diskutanten in einem Punkt: Angeboten wird, was der Kunde nachfragt ob ein Veggie-Burger bei McDonald′s oder Fleisch aus nachverfolgbarer Haltung im Supermarkt. Sorge machte allen Beteiligten allerdings die zunehmende Macht der Lebensmittelkonzerne, die immer mehr selbst produzieren und so selbst zu einer Macht werden, die Rahmenbedingungen beeinflusst.

Eine Lanze brach Bauernvertreter Krüsken dann noch für McDonald′s: in Sachen Fleischherkunft. Die sind da sehr anspruchsvoll und der größte Abnehmer von Rindfleisch.″ Dazu ergänzte Oliver Mix: Im Rahmen des Systems, in dem wir uns bewegen, machen wir viel. Dass wir uns an Initiativen wie Tierwohl nicht beteiligen, hängt auch damit zusammen, dass diese oftmals die Mengen nicht hergeben, die wir benötigen.″

Im fünften Teil der Faktenserie über Ernährung beleuchten wir in der heutigen Ausgabe den Bereich Obst und Gemüse. Wussten Sie etwa, dass in Deutschland rund 1000 verschiedene Apfelsorten angebaut werden? Die Lieblingssorte hierzulande ist aber eindeutig Elstar.

Ein Raunen ging durchs Publikum als die Bilder von verletzten und toten Tieren zu sehen waren. Heimlich aufgezeichnet von Tierrechtlern in Ställen irgendwo in Deutschland und jetzt bei der NOZ-Agenda-Veranstaltung Essen & Empörung″ zu sehen.

Osnabrück. Bernhard Krüsken, Generalsekretär beim Deutschen Bauernverband, hatte Mühe den Berufsstand angesichts der Bilder zu verteidigen. Er warf den Tierrechtlern die Gruppendiskriminierung″ der Landwirtschaft und eine Gaffermentalität″ vor. Statt dokumentierte Missstände den zuständigen Behörden zu melden, würden Tierrechtler immer weiter in Ställe einbrechen und heimlich filmen. Eben bis genug Material da sei, um es an Fernsehsender zu verkaufen.

Teile der Besucher der Veranstaltung im NOZ-Medienzentrum quittierten die Aussagen mit Buhrufen. Andere unterstützten den Verbandsvertreter. Er versicherte: Es gibt wesentlich mehr Betriebe mit Tierhaltung, die ihre Türen für Besucher öffnen, als Betriebe, die sich einschließen.″

Die Aufregung war ein Spiegelbild der Debatte, die sich in den vergangenen Monaten fast wöchentlich in Deutschland wiederholt hat. Bilder aus Ställen flimmerten über die Bildschirme, Verbraucher empörten sich über Zustände in Ställen. Die Tierwohl-Debatte wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Diskussion um unsere Ernährung so auch auf der NOZ-Bühne. Denn wie und was wir essen und die Tatsache wie Tiere gehalten werden, hängt eng miteinander zusammen.

Wenn ich so etwas sehe″, sagte der Osnabrücker Drei-Sterne-Koch Thomas Bühner unter Verweis auf die Stallaufnahmen, hätte ich keine Lust, Fleisch zu essen.″ Er kritisierte eine gewisse Scheinheiligkeit″ der Verbraucher, die sich zwar empörten, im Supermarkt dann aber doch zum Angebot griffen. Sein Appell: Essen Sie weniger Fleisch, suchen Sie es besser aus.″

Verbandsvertreter Krüsken versicherte, Bauern seien hochflexibel, was gesellschaftliche Ansprüche an Lebensmittelproduktion angehe und könnten sich anpassen. Das brauche aber Zeit und gegebenenfalls auch Unterstützung. Er warnte davor, dass die Politik einfach eine vermeintlich bessere Tierhaltung per Gesetz vorgibt. Wenn der Staat etwas macht, geht es schief.″

Er wies Ausführungen von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) zurück, der eine grundlegend bessere Tierhaltung forderte. Sie muss sich mehr an den Bedürfnissen der Tiere orientieren″, so der Politiker.

Krüsken mahnte zu mehr Realismus. Würde man beispielsweise der Sau mehr Bewegungsfreiraum im Stall einräumen, hätte das jedes Jahr Hunderttausende tote Ferkel zur Folge erdrückt von den Muttertieren. Es gibt keine einfachen Lösungen″, so Krüsken, der warnte: Deutschland dürfe nicht Experimentierfeld für die Tierhaltung werden, das wäre deren Ende. Was hier in den Supermarktregalen liegt, sollte auch hierzulande produziert worden sein″, sagte er unter Beifall.

Wie aber Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen? Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass bessere Aufklärung der Verbraucher her müsse. Agrarminister Meyer (Grüne) etwa kritisierte die falschen Werbeversprechungen von glücklichen Tieren. Falsche Ernährungsbildung fange aber bereits in Kindergärten und Schulen an. Da kommt in den Kantinen doch häufig nur das Billigste auf den Tisch″, so der Minister. Es müsse in Lehranstalten mehr selbst gekocht werden.

Profikoch Bühner brachte seine Verzweiflung zum Ausdruck: Es standen niemals mehr Lebensmittel zur Verfügung. Aber wir nutzen nur einen kleinen Teil.″ Nämlich denjenigen, den die Supermärkte uns vorschrieben.

McDonalds-Filialbetreiber Oliver Mix machte sich wenig Hoffnungen, dass ein Umdenken kurzfristig zu erreichen sei. Der Verbraucher müsse erst verstehen, was genau er eigentlich wolle. Und bis das so weit ist, wird wohl mindestens noch eine Generation dauern.″

Bildtexte:
Auf dem Podium der NOZ-Agenda zum Thema Essen & Empörung″ diskutierten (von links) Thomas Bühner (Spitzenkoch, La Vie″), Christian Meyer (Landwirtschaftsminister in Niedersachsen), Bernhard Krüsken (Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands) und Oliver Mix (Gastronomieunternehmer, Filialbetreiber McDonald′s). Die Moderation übernahm Ralf Geisenhanslüke (Chefredakteur NOZ/ Bildmitte).

" Einen Stoffkreislauf zu schaffen, das ist auch Ziel der Landwirtschaft. Wir haben jedoch verlernt, alle Bestandteile eines Tieres zu verwerten und damit Wertschöpung abzuschöpfen". Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Bauernverbandes.

" Wir kaufen die teuersten Grills und legen das billigste Fleisch darauf. In anderen Ländern wie Frankreich ist es genau anders herum. Umdenken müssen wir lernen." Christian Meyer, Landwirtschaftsminister Niedersachsen.

" Ein Lebensmittel ist ein Mittel zum Leben. Und das Essen sit nicht nur Sattmacher, sondern hat auch eine soziale und gesundheitliche Funktion. Das wird oft vergessen." Thomas Bühner, Drei Sterne Koch.

" Die Bio-Burger-Aktion hat McDonald ´s zehn Millionen Dollar gekostet. Aber dadurch haben wir gezeigt, dass auch die Systemgastronomie das kann, wenn sie es will." Oliver Mix, Systemgastronom.

Fotos:
Michael Gründel,
Autor:
Dirk Fisser, Nina Kallmeier


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