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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Abbiegeassistenten retten Leben
 
Leben retten ab 1000 Euro
Zwischenüberschrift:
Eine Fahrt im Lkw durch Osnabrück – Abbiegeassistenten warnen vor Radfahrern im toten Winkel
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück. Immer wieder sterben Radfahrer in Osnabrück unter abbiegenden Lkw. Dabei zeigt eine Fahrt in einem Lastwagen mit Abbiegeassistent: Mit moderner Technik ließen sich wohl die meisten solcher Abbiegeunfälle vermeiden.

An dieser Kreuzung geriet Mitte Oktober eine Radfahrerin unter einen abbiegenden Lkw. Sie starb Stunden später. Fahrtrainer Osuna versteht nicht, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Fotos: Michael Gründel

Fahrschullehrer und Fahrtrainer Juan Alfonso Osuna y Luna.

Den toten Winkel im Blick dank einer Kamera.

Nach dem Tod einer 71-jährigen Radfahrerin in Osnabrück-Hellern ist die Debatte um die Sicherheit der Radfahrer und den Lkw-Verkehr in der Stadt erneut voll entbrannt. Dabei ist eine Lösung so einfach, wie die Fahrt in einem Lkw zeigt, die die Spedition Heinrich Koch unserer Redaktion ermöglichte.

Osnabrück. Juan Alfonso Osuna y Luna ist seit knapp fünf Jahren Fahrschullehrer und Fahrtrainer bei Heinrich Koch Internationale Spedition. Er manövriert seinen langen Lkw an einem Vormittag durch die enge Stadt wie andere ihren Kleinwagen. Keine schnellen Bewegungen, kein hektisches Umschauen, völlig entspannte Gesichtszüge: Ruhig und gelassen sitzt Osuna hinter dem Steuer seines Fahrschul-Lkw.

Dabei ist es im Stadtdschungel gar nicht so einfach, die Ruhe zu bewahren. Autofahrer wechseln spontan die Spur, ohne zu blinken. Ein Rollerfahrer überholt Osuna an einer Ampel rechts auf dem roten Radweg. Die Straße selbst ist kaum breiter als sein 2, 55 Meter breiter Gliederzug.

Auf dem Wall wird deutlich: Die Radwege sind viel zu schmal. Osuna fährt zwar sehr langsam, zwischen den Radfahrern, die er überholt, und seinem Lkw bleibt aber nicht viel Platz. Erst recht nicht, wenn er wegen des dichten Verkehrs nicht auf die linke Spur ausweichen kann.

Sechs Außenspiegel sind für Lkw vorgeschrieben. Die beim Abbiegen allesamt im Auge zu haben, ist ein schwieriges Unterfangen. Hinzu kommen Verkehrsspiegel an vielen Kreuzungen Osnabrücks, die Abbiegeunfälle verhindern sollen. Und eben der Verkehr.

Doch selbst beim Abbiegen bleibt der Routinier völlig gelassen. Angst? Nein, die habe ich nicht″, sagt Osuna. Als aufmerksamer Fahrer müsse er keine Angst haben, einen Radfahrer zu übersehen und zu überfahren.

Dabei haben Lkw einen großen toten Winkel. Ob womöglich aufgrund unaufmerksamer Fahrer oder eben jenes Winkels: Immer wieder sterben Radfahrer auf Osnabrücks Straßen unter Lkw. Zuletzt war am 16. Oktober eine 71-jährige Fahrradfahrerin an der Kreuzung Lengericher Landstraße und An der Blankenburg unter einen abbiegenden Lkw geraten und Stunden später gestorben. Seit 2014 kamen auf den Straßen Osnabrücks acht Fußgänger und Radfahrer mit Unfällen ums Leben zumeist beim Abbiegen der schweren Gefährte.

Osuna befürchtet nicht, dass seinen Kollegen und ihm ein solcher Unfall passieren könnte. Fast allen helfen Abbiegeassistenten, die vor Radfahrern und anderen Objekten im toten Winkel warnen.

Osuna nähert sich auf dem Johannistorwall der Todeskreuzung, an der in den vergangenen Jahren drei Radfahrer unter abbiegenden Lkw starben. Die Stadt änderte dort die Verkehrsführung und Ampelschaltung. Es gibt nun eine Spur für Geradeausfahrer und eine für Abbieger. Geradeaus fahrende Radfahrer haben nicht mehr gleichzeitig Grün mit dem nach rechts abbiegenden Verkehr.

Doch nicht diese Maßnahmen seien entscheidend gewesen, sagt Osuna. Vielmehr habe die Verlegung des Radwegs direkt an die Straße vor der Kreuzung für mehr Sicherheit gesorgt. Nun sehe ich die Radfahrer früh.″ Zuvor hatte der Radweg hinter den parkenden Autos entlang geführt, erst spät konnten Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer sie sehen.

Osuna biegt gefahrlos in die Kommenderiestraße ab. Doch ganz so sorglos scheint Osuna nicht zu sein. Die Fragen des Richters hat man doch im Kopf.″ Denn er weiß: Mit einem Vierzigtonner durch die Stadt das ist ein heikles Spiel.″ Mit den Assistenzsystemen im Lkw fühle er sich wohler.

Einige Kilometer und einige enge Straßen weiter: Osuna steht an einer Ampel am Altstadtbahnhof. Rechts halb vor seinem Scania hält eine Radfahrerin. Sie verschwindet komplett im toten Winkel. Aber Radfahrer fallen ja nicht vom Himmel.″ Osuna habe die Frau im Spiegel kommen sehen. Hätte ich aber nicht gewusst, dass sie da ist, hätte ich sie auch nicht gesehen″, sagt er, als er losfährt. In diesem Fall nicht weiter schlimm, da ohnehin beide geradeaus fahren.

Toten Winkel im Blick

Und selbst wenn: Wäre Osuna abgebogen, hätte er die Radfahrerin sehen können: auf einem kleinen Monitor vor ihm. Sein Scania hat außen eine Kamera über der Beifahrertür. Sobald dieser den Blinker nach rechts setzt, wird sie aktiviert. Zwei Sekunden später ist der Bereich neben dem Lkw auf dem Monitor zu sehen. So groß wie ein Tennisfeld″, sagt Osuna. Ganz so groß ist der sichtbare Bereich zwar nicht, aber er zeigt auf einen Blick wesentlich mehr als die vielen Spiegel vor allem Radfahrer. Vorher hatte ich einen großen Bereich einfach nicht im Blick″, sagt Osuna. Die Rückmeldungen der Koch-Fahrer seien durchweg gut. Und auch ich find′s klasse.″

Rund 1000 Euro koste dieses System, sagt Ulrich Hoefner, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Osnabrück-Emsland im Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN), nach der Fahrt durch Osnabrück.

Je nach System und Ausstattung kostet es Speditionen 1000 bis 6000 Euro netto pro Lkw, tödliche Abbiegeunfälle zu verhindern. Mercedes bietet als erster Hersteller ab Werk gegen Aufpreis einen radargestützten Abbiegeassistenten in seinen Zugmaschinen an, der den Fahrer beim Abbiegen optisch und akustisch vor einem Hindernis im toten Winkel warnt und beim Spurwechsel auf der Autobahn hilft. Fährt oder steht ein Radfahrer neben dem Lkw, leuchtet ein Dreieck an der rechten Säule gelb. Droht eine Kollision, blinkt das Dreieck rot, zudem ertönt ein Warnton. Dieses System helfe auch während der Fahrt, während das passive Kamerasystem eher im Stand nützlich sei, sagt Osuna.

Die Osnabrücker Speditionen Overnight und Heinrich Koch setzen bei neuen Lkw auf das System aus dem Hause Daimler. Bei Mercedes Beresa in Osnabrück wird es bei etwa jedem vierten neuen Lkw geordert.

Abbiegeassistenten sollten gesetzlich vorgeschrieben sein. Darin sind sich die Anwesenden an diesem Vormittag einig namentlich: Spediteur Heinrich Koch, Rena Markmeyer, stellvertretende Fuhrparkleiterin bei Koch und tätig in der Präventionsarbeit, etwa an Schulen, Spediteur Siegfried Serrahn, der sich national und EU-weit für mehr Lkw-Sicherheit engagiert, Melanie Mönch, Assistentin der Koch-Geschäftsführung, Hoefner vom GVN sowie Fahrtrainer Osuna.

Doch es dauert lange, bis solche Gesetze verabschiedet werden. Wir wollen nicht auf Brüssel oder Genf warten wir warten nicht″, sagt Serrahn. Deswegen sind bei den Speditionen Koch International und Overnight Abbiegeassistenten inzwischen Standard. Serrahn erachtet das Mercedes-System als besser. Denn Sehen und Hören halte ich für besonders wichtig.″

Die Spediteure seien sich ihrer Verantwortung bewusst, sagen Hoefner und Serrahn. Es geht aber nur mit allen zusammen″, sagt Hoefner. Er beklagt hingegen eine Verrohung der Sitten im Straßenverkehr″ auf allen Seiten.

Für den Lkw-Fahrer seien insbesondere die vielen Radfahrer ohne Licht ein Problem. Da das Mercedes-System mit Radar arbeitet, erfasst es auch diese. Auch beim alternativen System erfasse die Kamera die dunklen Gestalten noch recht gut, sagt Osuna.

Auf diese Systeme dürften sich die Radfahrer aber nicht verlassen. Auch der Radfahrer muss mitarbeiten″, sagt Markmeyer.

Osuna würde es durchaus begrüßen, keine Lkw in der Stadt zu sehen. Aber die Leute wollen einkaufen, und irgendwie müssen die Sachen ja in den Laden kommen.″ Immerhin hätten sich die lokalen Spediteure selbst verpflichtet, Fahrten durch die Stadt zu vermeiden, sofern möglich.

Als Osuna seinen Lkw auf dem Koch-Firmengelände abstellt, sagt er: Was ich auf dem Herzen habe? Ich wünsche mir mehr Verständnis zwischen den Verkehrsteilnehmern und für Lkw-Fahrer. Das ist das, was ich vermisse: das Aneinanderdenken.″

Schon Ende 2014 hatte unsere Redaktion einen Lkw-Fahrer in einem 18-Tonner durch die Stadt begleitet. Dieser Lkw hatte allerdings nicht das Warnsystem.
Autor:
yjs


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