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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Erinnerungstafel für Anna Siemsen
Zwischenüberschrift:
Würdigung für Osnabrücker Sozialdemokratin und Vordenkerin auf dem Hasefriedhof
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Auf dem Hasefriedhof wurde die dritte Tafel in der Reihe Frauen der Osnabrücker Stadtgeschichte″ enthüllt. Sie erinnert an die Pazifistin und Sozialistin Anna Siemsen.

Osnabrück. Siemsen ist die dritte Frau, derer mit einer Tafel auf dem Hasefriedhof in der Reihe Frauen der Osnabrücker Stadtgeschichte″ gedacht wird. Zuvor wurden schon die Möser-Tochter Jenny von Voigts und die Kunsterzieherin Lotte Klemm entsprechend gewürdigt.

Initiator ist der Förderkreis Hasefriedhof Johannisfriedhof, der zusammen mit der Treuhandstiftung Historisches Bewahren denkmalgeschützter Friedhofskultur″ und dem Osnabrücker Servicebetrieb bemüht ist, auf den seit 1995 nicht mehr neu belegten historischen Friedhöfen Osnabrücks ein neues Leben zwischen alten Gräbern″ zu ermöglichen. Denkmalgeschützt sind alle Mauern und Mauergräber, die Kapellen, viele Einzelgräber, die Hauptwege und eine Reihe alter Großbäume. Nachdem die letzten Grabnutzungsrechte ausgelaufen sind, tritt die Rolle der denkmalgeschützten Parks mit Friedhofscharakter″ als steinerne Geschichtsbücher der Stadt″, wie Ernst Kosche vom Förderkreis es ausdrückt, stärker hervor. Auch wer nicht an einer von ihm angebotenen Führung teilnimmt, soll anhand der Erinnerungstafeln mehr über das Leben bedeutender Personen, die hier begraben liegen, erfahren können.

Das Familiengrab der Siemsens in der vierten Abteilung ist ein städtisches Ehrengrab″. Es könnte eigentlich gleich mit vier oder fünf Erinnerungstafeln ausgestattet werden, meinte Heiko Schulze vom Fachbereich Kultur der Stadt. Denn auch Vater, Schwester, Schwager und Brüder der Anna Siemsen traten durch bedeutende Leistungen auf den Gebieten Theologie, Medizin, Politik, Journalismus und Pädagogik hervor. Aber wir haben uns zunächst Anna Siemsen vorgenommen, weil sie als Frau gleich auf mehreren Feldern Pioniertaten vollbracht hat″, erläuterte Schulze.

Ihrer Zeit voraus

Anna Siemsen wuchs in einer protestantischen Pfarrersfamilie auf, die 1901 von Hamm nach Osnabrück zog. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Latein. 1909, damals für Frauen äußerst selten, promovierte sie und wurde Gymnasiallehrerin. Zehn Jahre gab sie Unterricht. Dann wirkte sie im Zuge des demokratischen Aufbruchs nach 1919 als Beigeordnete für das berufliche Schulwesen in Düsseldorf. Sie entwickelte alternative Schulkonzepte und setzte sich für Koedukation und gleiche Bildungsinhalte für Jungen und Mädchen ein. 1923 verlieh man ihr, für Frauen wiederum höchst selten, eine Honorarprofessur in Pädagogik in Jena. Außerdem beauftragte die Regierung Thüringens sie, die Mittelschulen und die Lehrerbildung zu reformieren. 1926 erschien ihr Buch Beruf und Erziehung″.

Eine Berufung ins preußische Volksbildungsministerium nach Berlin folgte. Sie kämpfte dort für eine neue demokratische Erziehung. Bis 1929 war sie im Präsidium der Deutschen Friedensgesellschaft″, im Vorstand der Deutschen Liga für Menschenrechte″ und der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit″ tätig. Seit 1923 SPD-Mitglied, zog sie 1928 für ihre Partei in den Deutschen Reichstag ein. Auch im Parlament stritt sie für ein anderes Bildungssystem, das an der sozialen Wirklichkeit ansetzte und soziale Kompetenzen vermittelte. Ebenso war ihr die rechtliche Gleichstellung der Frau im Bürgerlichen Gesetzbuch ein großes Anliegen. Aus Protest gegen den Panzerkreuzerbau trat sie 1931 zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) über. Im gleichen Jahr wurde ihr die Professur in Jena durch die nationalsozialistische Landesregierung aberkannt.

Nach der Machtübernahme Hitlers floh Anna Siemsen 1933 in die Schweiz. Die nationalistische Presse hatte eine Hasskampagne gegen sie entfacht, sie galt als verjudet″ und volksfremd″. In der Schweiz ging sie eine Scheinehe mit einem Eidgenossen ein, um nicht gleich wieder ausgewiesen zu werden. Im Exil arbeitete Siemsen in der antifaschistischen Emigrantenorganisation, in der SPD und in der Erziehungs- und Frauenbewegung mit und leitete die Zeitung Die Frau in Leben und Arbeit″. Nach 1945 kehrte sie nach West-Deutschland zurück. 1947 erschien ihr Buch Einführung in den Sozialismus″ und 1948 der erste Band der Pädagogikreihe Menschenerziehung″. Anna Siemsen leitete das Institut für Lehrerbildung in Hamburg, war Professorin für Literatur und Pädagogik an der Universität in Hamburg und in der Sozialistischen Bewegung für die Vereinigten Staaten von Europa″ aktiv, bis sie 1951 an einem verschleppten Infekt starb. In Kurt Tucholskys Urteil war sie eine der klügsten Frauen Europas″.

Grabstein beschossen

Uff″, sagten Niels Biewer und Rainer Hafke vom Förderverein, denn sie hatten die selbst gewählte Aufgabe, den Lebenslauf so zu kondensieren, dass er auf das Erinnerungsschild passt. So schwer war das noch nie, bei diesem facettenreichen Leben und der Vielfalt ihrer Interessengebiete″, meinte Biewer. Auf eine Besonderheit wies Heiko Schulze hin: Anna Siemsens Grabstein weist Einschusslöcher auf. Er ist 1997 und erneut 1999 von Gewehrkugeln beschädigt worden. Ein Täter wurde nicht ermittelt, ein rechtsradikaler Hintergrund gilt als wahrscheinlich.

Bildtext:
An die Pazifistin Anna Siemsen erinnert eine Tafel auf dem Hasefriedhof.

Foto:
Archiv der sozialen Demokratie/ Friedrich-Ebert-Stiftung
Autor:
Joachim Dierks


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