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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Mit Nachhilfe zum Erfolg
Zwischenüberschrift:
30 Jahre Projekt „Sieben Plus″ – Wie der VPAK Kindern aus Zuwandererfamilien hilft
Artikel:
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Originaltext:
Seit 30 Jahren hilft der Osnabrücker VPAK Schülern ab Klasse sieben bei den Hausaufgaben. Aber was wird eigentlich aus den ehemaligen Teilnehmern? Drei von ihnen haben uns ihre individuelle Erfolgsgeschichte erzählt.

Osnabrück. Lehrer, die sich keine Zeit nehmen. Mitschüler, die lieber unter sich bleiben. Und Eltern, die keine Unterstützung geben können. Diese Erfahrungen haben Kawshalya Sivarasah, Muhammed Buran und Vëllaznim Haziri gemacht, obwohl sie zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Osnabrücker Schulen gegangen sind. Was sie eint: Alle drei haben einen Migrationshintergrund. Und alle drei haben Hilfe beim Verein zur pädagogischen Arbeit mit Kindern aus Zuwandererfamilien (VPAK) gefunden. Mit uns haben sie über ihre Schulzeit gesprochen und erzählt, was danach aus ihnen geworden ist.

Die Lehramtsstudentin

Weil ich schwarz bin″, dieser Artikel aus der Neuen Osnabrücker Zeitung hat für Kawshalya Sivarasah eine große Bedeutung. Im Alter von 20 Jahren gab sie ein Interview und berichtete, wie schwer sie es als junge Frau mit sri-lankischen Eltern und dunkler Haut in der Schule hatte. Zwei meiner Lehrer sind ausländerfeindlich″, erzählte sie damals, noch unter ihrem Mädchennamen Kamalanathan.

Zehn Jahre später lebt die Osnabrückerin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Ludwigsburg. Hier studiert sie Kunst, Wirtschaft und Ethik auf Lehramt. Ob beim Praktikum im Klassenzimmer oder bei der Bewerbung um eine Referendariat: Sivarasah sieht das Bildungssystem heute aus der Lehrer-Perspektive, steht aber oft vor denselben Problemen wie 2007 als Schülerin.

Schon im Kindergarten wurde sie gemobbt, in der Schule litt sie unter ungerechten Bewertung durch die Lehrer. Als sie es aufs Gymnasium schaffte, fehlte ihr die Unterstützung von zu Hause: Anders als auf der Berufsschule konnte mir mein Vater nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen″, erinnert sie sich.

Hilfe fand sie beim VPAK, im Projekt Sieben Plus″. Unter der Woche kam sie nach der Schule in die Einrichtung und blieb bis abends um neun. Samstags gab es Deutschkurse. Ich habe dort viel mehr Zeit verbracht als zu Hause″, sagt Sivarasah heute. Was die Pädagogen ihr beibringen konnten? Im Rückblick fällt ihr ein gutes Beispiel ein: In der Oberstufe sollte sie einen Text von Aristoteles interpretieren. Sivarasah bekam von einem Sitznachbarn den Tipp: Du musst zwischen den Zeilen lesen.″ Und sie erinnert sich, dass sie ihm entgegnete: Bei mir steht aber nichts zwischen den Zeilen.″ Sie wusste einfach nicht, was da von ihr verlangt wurde.

Dafür, dass sie ihr genau das beibrachten, ist Sivarasah den Pädagogen des VPAK bis heute dankbar. Deike Weckenbrock, die Leiterin, ist mein großes Vorbild, ich würde irgendwann gerne ein ähnliches Projekt leiten wie sie.″ Sivarasah glaubt, dass sie selbst gerade Kindern mit Migrationshintergrund viel beibringen könnte: Ich kann ihnen helfen, weil ich ihre Situation vor zehn Jahren selbst erlebt habe.″

Im Raum herrscht gedämpftes Licht, die Scheinwerfer fallen auf die Bühne. Darauf, in Hemd und Sakko und sichtlich nervös, steht Muhammed Buran. Ich bin Deutscher, genau wie ich Türke bin. Doch warum weiß ich nicht, was darf ich meine Heimat nennen? Das Publikum hört aufmerksam zu, nach sieben Minuten gibt es tosenden Applaus.

Der Poetry-Slammer

Dieses Video, aufgenommen in der Lagerhalle, findet man mit wenigen Klicks bei Youtube. Abseits der Bühne, wenn Muhammed Buran nicht als Poetry-Slammer auftritt, arbeitet der 23-Jährige als Assistent der Geschäftsführung bei einer Osnabrücker Dienstleistungsgesellschaft. Hat ihm der VPAK geholfen, der zu werden, der er ist? Buran zögert.

Im Schulischen, sagt er, brauchte er die Unterstützung kaum. Ich hatte auf dem Gymnasium immer so eine Drei, das war für mich in Ordnung.″ Aber seine soziale Kompetenz, meint er, ist stark durch den VPAK geprägt: Viele meiner Freunde habe ich bei Sieben Plus′ kennengelernt.″

Den Kontakt zum Verein hat er gehalten. Nach dem Abitur half er als Betreuer aus, wann immer es die knappe Zeit während des dualen Studiums zuließ. Dann gab er seinerseits Kindern mit Migrationshintergrund Nachhilfestunden und noch mehr: Wenn einer der Jungs zu mir kommt und erzählt, dass er Probleme mit seinen Eltern hat wegen seiner deutschen Freundin, dann kann ich das natürlich verstehen.″

Dabei ist er selbst in einem sehr liberalen Elternhaus aufgewachsen. Mutter und Vater kamen beide als Teenager nach Deutschland, die Familie lebte im Widukindland. In der direkten Nachbarschaft kam Buran das erste Mal mit Rassismus in Berührung: Einmal wurde die Jalousie beim Schlecker nebenan beschmiert: Türken raus, Deutschland den Deutschen′. Einmal flog ein roter Backstein durch unser Küchenfenster.″

Trotz dieser Erfahrungen: Muhammed Buran will sich nicht hinter seiner Herkunft verstecken. Viele Male hat er erlebt, dass andere Schüler die Schuld für einen verpatzten Vokabeltest beim angeblichen Nazi-Lehrer″ suchen. Buran beurteilt das so: Wenn man eine Entschuldigung braucht, schiebt man es auf den Rassismus.″ Er setzt sich dafür ein, jeden Menschen wertfrei zu betrachten, ob Deutscher oder Türke.

Der Dolmetscher

Es ist gar nicht so leicht, Vëllaznim Haziri zu einem Gespräch zu treffen. Er hat einfach zu viel zu tun: mit seinem Dolmetscherbüro und über 70 Mitarbeitern, mit der Vorbereitung auf das erste Jura-Examen, mit dem Vorsitz im Migrationsbeirat der Stadt Osnabrück. Ich bin heute schon zwölf Stunden unterwegs″, sagt er, als es dann doch klappt. Und wirkt doch kein bisschen gestresst oder müde.

Das Arbeitspensum erlegt sich der 31-Jährige gerne selbst auf. Denn er, der gebürtige Osnabrücker mit kosovarischen Wurzeln, der als Schüler selbst jahrelang durch den VPAK gefördert wurde, will der Gesellschaft etwas zurückgeben. Begonnen hat er damit, als er selbst noch Teilnehmer beim Projekt Sieben Plus″ war. Während er Hausaufgabenbetreuung bat ihn der damalige Leiter Helmut Arnau, dem jüngeren Ali bei seinen Hausaufgaben zu helfen. Von da an arbeitete er neben Schule und dem Studium sechs Jahre lang als pädagogische Hilfskraft beim VPAK, als Lehrer und als Psychologe″, wie er heute sagt.

Denn die Schüler haben vielfältige Probleme. Eines, sagt Haziri, ist natürlich die Sprache, und zwar auch bei Kindern, die wie er selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Wir haben ganz viele Übungen gemacht, um den Wortschatz zu erweitern. Die Kinder sollten anstelle von machen′ zwei, drei andere Verben finden″, erklärt er. Das zweite Problem seien übersteigerte Erwartungen der Eltern an ihren Nachwuchs: Sie haben selbst die Erfahrung gemacht, dass Sprache und Bildung der Schlüssel zur deutschen Gesellschaft sind″, erklärt Haziri, deshalb verlangen sie von ihren Kindern, dass sie alle Ärzte und Ingenieure werden müssen.″

Er ist sich sicher: Die Schüler, die beim VPAK Hilfe suchen, sind nicht weniger intelligent oder fleißig als ihre Klassenkameraden. Sie haben einfach andere Startbedingungen.″ Und das ist seiner Meinung nach auch heute, 15 Jahre, nachdem er selbst die Hilfe des VPAK in Anspruch nahm, noch so. Eigentlich, sagt Haziri, müsste das Programm von Sieben Plus″ noch erweitert werden: Dieselben Probleme haben doch auch andere Kinder.″

Bildtexte:
Vëllaznim Haziri

Kawshalya Sivarasah

Muhammed Buran

Haben etwas aus sich gemacht: Vëllaznim Haziri (oben), Muhammed Buran und Kawshalya Sivarasah wurden in ihrer Schulzeit vom VPAK gefördert und sind dem Verein und seinen Pädagogen dafür bis heute dankbar.

Fotos:
Louisa Riepe

Zur Sache: Die Bildungsarbeit des VPAK

Der Osnabrücker Verein zur pädagogischen Arbeit mit Kindern aus Zuwandererfamilien (VPAK) macht es sich zum Ziel, Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch außerschulische Förderung zu erhöhen. Das Projekt Sieben Plus″ ist eine Schülerhilfe für Schüler ab der 7. Klasse, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Sie werden bei den Hausaufgaben, Vorbereitungen auf Arbeiten, Klausuren und Prüfungen in allen Fächern unterstützt. Derzeit nehmen 205 Schüler das Angebot wahr. Finanziert wird das Projekt durch Zuschüsse der Stadt und Elternbeiträge. Der Monatsbeitrag für ein Kind beläuft sich auf 40 Euro. Die pädagogische Leitung teilen sich Deike Weckenbrock und Sema Heck.


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