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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Frauen an die Werkbank
Zwischenüberschrift:
September 1917: Mehr Granaten, weniger Kartoffeln, fehlende Windeln
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im Osten mal etwas Neues: Die russische Livland-Front wackelt. Am 5. September 1917 gelingt General Erich Ludendorff mit der 8. Armee die Einnahme Rigas. Nach vielen Monaten ohne fassbare Erfolge greift die Propaganda diesen militärischen Sieg dankbar auf.

Osnabrück. Auch die Osnabrücker Zeitung/ Kislings Osnabrückische Anzeigen″ stimmt freudig ein: Fahnen heraus! Die Einnahme von Riga gibt Anlass zu allgemeiner Beflaggung. Der Unterricht in den Schulen fällt aus Anlass dieses freudigen Ereignisses aus.″ Für die Deutschbalten bedeute der Meisterstreich von Riga″ eine Befreiung von russischer Niedertracht″, eine Erlösung aus moskowitischen Fesseln″.

Die Gesamtlage bietet aber natürlich keinerlei Anlass zum Jubel. Der Kriegsausschuss für Konsumenteninteressen″ immerhin gibt es Derartiges, was später im Zweiten Weltkrieg undenkbar gewesen wäre tagt im Weißen Saal der Stadthalle am Kollegienwall und fährt schweres Geschütz in der Kartoffelfrage″ auf. Scharf wird gegen die Preiserhöhung bei Kartoffeln von fünf auf sechs Mark pro Zentner und den Anfuhrlohn von fünf Pfennig pro Zentner und Kilometer protestiert. Unerhört sei es, dass trotz der in Aussicht stehenden überaus guten″ Kartoffelernte der Preis für Kartoffeln – „ das Brot der Armen und Ärmsten″ gegen das Vorjahr um mehr als 50 Prozent und gegenüber dem Friedenspreis um mehr als 200 Prozent verteuert werden soll. Ist es Unkenntnis der Lage oder schnöde Gewinnsucht? Postsekretär Mörker wettert gegen den Großgrundbesitz, der die Mengen verknappe, indem er in seinen Fabriken Kartoffelflocken, Stärke und Spiritus herstelle, weil sich damit höhere Gewinne erzielen ließen.

Protest erhebt sich auch gegen Einschränkungen der Kohle- und Gasversorgung. Bürgervorsteher Vesper rügt, dass Deutschland über ungeheuren Kohlenreichtum verfüge und trotzdem Kohlennot herrsche. Das Militär müsse Bergleute freigeben, damit die Förderung wieder steige. Außerdem sei private Hamsterei maßgeblicher Persönlichkeiten der Stadt″ ein Skandal. Die Geschäftsbücher einiger bevorzugter Kohlenhändler gehörten nachgeprüft. Genossenschaften und Kleinhändler würden hingegen nur ungenügend beliefert.

Mängel in der Gasversorgung gehen darauf zurück, dass die Städtische Gasanstalt nicht genügend Gaskohle erhält. Das wiederum liegt daran, dass die Zechen lieber selber verkoken, weil sie für Benzol und andere Veredlungsprodukte höhere Gewinne erzielen. Es sei unverschämt und ein reines Produkt der Schreibstubenpolitik″, stattdessen die Kleinverbraucher zu weiteren Einschränkungen zu zwingen, schimpft Vesper. Die Großverbraucher sollten eingeschränkt werden! So sollten zum Beispiel die Luxusgeschäfte″ beim Dunkelwerden schließen. Überhaupt sei die Beleuchtung der Schaufenster einzuschränken. Gas sei in diesem Frühjahr um 33 Prozent teurer, aber dafür schlechter geworden. Direktor Schwers vom Städtischen Kohlenamt wird gefragt, ob er die Verantwortung auf sich nehmen möchte, wenn infolge der schlechten Gasbeschaffenheit Explosionen entstehen…

Oberbürgermeister Julius Rißmüller fühlt sich durch den Vorwurf der Privathamsterei direkt angegriffen und sieht sich zu einer Richtigstellung genötigt. Er erklärt am folgenden Tage: Am 5. Mai sind 28 Zentner Kohlen während meiner Abwesenheit in das Haus gebracht worden, welche unsere Köchin telephonisch ohne mein Wissen bestellt hatte. Meine Frau war verreist. Einige Tage später, am 7. Mai, ist in der Nähe meines Hauses Koks abgeladen worden. Der Fuhrmann ist in mein Haus gekommen und hat die Köchin gefragt, ob wir auch Koks haben wollten, was diese bejaht hat. Darauf sind 91 Zentner Zentralheizungskoks während meiner Abwesenheit in das Haus gebracht worden. Auch diese Bestellung ist durchaus ohne mein Wissen erfolgt. Das gelieferte Brennmaterial ist erheblich unter der Menge, die mir nach der Städtischen Kohlenordnung zusteht, und wird selbstverständlich auf diese Menge angerechnet.″

Die Osnabrücker Zeitung″ druckt zum wiederholten Male einen Aufruf ab, der Frauen an die Werkbank″ ruft. Insbesondere Betriebe, die dem Waffen- und Munitionsamt unterstellt sind, litten unter Arbeitskräftemangel, weil die geforderten Produktionsmengen ständig stiegen. Wer irgend abkömmlich ist, der kann hier den Sieg mit erringen helfen″, schreibt das Blatt. Um Frauenkraft zu schonen, werden Wechselschichten″ für Frauen und Mädchen ermöglicht, die die körperliche Arbeit nicht gewohnt sind, sie können jeden zweiten Tag freinehmen. Müttern wird die Arbeitsaufnahme erleichtert, indem Kinderschulen und Horte″ erweitert werden. Die Kinderschulen nehmen die Kleinen schon um 6 Uhr morgens auf, und die Schulpflichtigen können im Hort unter Aufsicht ein warmes Mittagsbrot erhalten. Anzeige des Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerks: Etwa hundert gesunde Frauen und Mädchen werden für dauernde Beschäftigung eingestellt. OKD.″

Gleichzeitig fehlen Hortnerinnen. Ein Wanderkurs für Kinderhortarbeit″ bietet eine Schnellausbildung an und macht in Osnabrück Station. In den Räumen des Großen Klubs entfaltet sich ein ungewohntes Leben″, schreibt die Zeitung, die Säle, die zu anderen Zeiten sich für Feste öffnen, sind in dieser Woche in Arbeitsstätten verwandelt. Drei Lehrerinnen aus Berlin machen die zahlreichen Teilnehmerinnen mit den mannigfachen Beschäftigungsarten und Spielen, mit denen die Kinder in erziehlicher Weise unterhalten werden können, bekannt. Niedliche Sachen für den Hausgebrauch aus geringwertigem Material wie Zigarrenkistchen, Pappe und Buntpapier entstehen. Da wird gesägt, geschreinert, geschnitten, und geklebt, daß es eine Freude ist.″

Infolge der langen Kriegsdauer fehlt es an Windeln. In den Geschäften sind sie nicht mehr zu haben, in den Familien der Minderbemittelten gehen sie auf die Neige. Der Vaterländische Frauenverein bittet alle Haushaltungen, in denen noch Kindertücher, Bett- und Tischwäsche, alte Leinengardinen usw. vorhanden und entbehrlich sind, um Hergabe″, liest man in der Zeitung. Die Textilien können im Vereinshaus Bierstraße 17 (Agnes-Schoeller-Haus) abgegeben werden. Die Bekleidungssammelstelle Turmstraße 25 übernimmt dann die Herrichtung und Verteilung.

Die Stadtgeschichte im Blick: Lesen Sie mehr auf www.noz.de / historisch-os

Bildtext:
Das Stahlwerk möchte eingezogene männliche Arbeitskräfte durch Frauen, hier in der Granatenproduktion, ersetzen. Nach einer ersten Anwerbungswelle 1915 werden die Appelle 1917 eindringlich wiederholt.
Foto:
Archiv des Museums Industriekultur/ Alois Wurm
Autor:
Joachim Dierks


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