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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Eine Verquickung ist der Anfang vom Ende
Zwischenüberschrift:
Kostet der Ring die Wallanlagen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Statt Verbreiterung auf Kosten der Bürgersteige Verlegung einer neuen zwei- bzw. dreispurigen Fahrbahn in die Wallanlagen bei gleichzeitiger Einbeziehung der alten Fahrbahn in eine neue Grünanlage vor der Oberschule für Mädchen. Eine einfache Verbreiterung des Ringes würde einen Bruchteil der jetzigen Aufwendungen kosten. - Neue Planung für den Platz am Heger Tor bedeutet bedrohliche Unterbrechung des Wallcharakters durch Wegnahme der Insel und der Anlagen am Museum. - Verkehr auf Kosten der letzten geschichtlichen Substanz der Stadt?

Erhaltet, was die Bomben verschonten!

Nachdem auch Osnabrück nach der Abwertung im Jahre 1948 D-Mark-kräftig geworden war, nahm man unverzüglich den Wiederaufbau in Angriff. Es dauerte nur wenige Jahre, bis der Rest des von Bomben noch übriggelassenen Stadtbildes anfing, sich mit dem anwachsenden Verkehr im Raum zu stoßen. Diese Tendenz hat sich mehr und mehr verschärft, um jetzt in einem generellen Angriff auf die Wallanlagen, die man als letzte wesentliche und unentbehrliche Substanz der Stadtstruktur ansehen muß, einem entscheidenden Höhepunkt zuzustreben. Dabei kommt es auf die Bewertung der Prinzipien an, ob man wirklich davon sprechen kann, daß sich diese Dinge im Raum stoßen. Es hat sich der Eindruck befestigt, daß die Notwendigkeit einer Verkehrsregelung auf Kosten des individualen Stadtbildes überschätzt worden ist und man es als das Leichteste angesehen hat, notwendig werdenden Verkehrsraum im wesentlichen mit der Wegnahme von Anlagen und Besonderheiten des Stadtbildes zu befriedigen. Einen Höhepunkt in dieser Entwicklung bildet die Absicht, eine Verbreiterung des Stadtringes mit einem Prinzip zu erreichen, das bei Verlegung einer Fahrbahn in die Wallanlage zwischen Martinistraße und Rolandstraße Ring und Wall miteinander verquickt und damit die Auflösung dieser letzten Substanz der geschichtlichen Stadtstruktur einleiten kann.

Es ist nicht viel, was die Bomben des letzten Krieges vom alten Osnabrück übriggelassen haben; nicht gerechnet all das, was schon dem Verkehr bei den mannigfachen Verbreiterungen weichen mußte. Wenn man der Verundeutlichung der Wallanlagen die vorgesehenen Maßnahmen am Heger Tor hinzurechnet, muß man zu der Einsicht kommen: Die Stadtkontur in Gestalt der Wallanlagen hat wohl kaum noch Chancen, auch nur dieses eine Jahrhundert der Gegenwart zu überleben!
Es ist fast zu spät; aber das Osnabrücker Tageblatt und die eingesessenen Osnabrücker Bürger, die von jeher dafür eingetreten sind, Osnabrück zu erhalten, was die Bomben übrig gelassen haben, fordern auch jetzt mit allem Nachdruck und mit aller Unausweichlichkeit, die diese Sache verdient, daß erhalten bleibt, was Osnabrück noch von der Masse vieler anderer als eine geschichtlich gewachsene Stadt unterscheidet. Während andere Städte kostspielige Versuche anstellen, völlig vernichtete wertvolle Stadtlandschaften wiedererstehen zu lassen, will Osnabrück aufgeben, was es noch besitzt.
D a s d a r f n i c h t s e i n!

Der Leiter der städtischen Bauverwaltung, Senator Cromme, hat wiederholt im Laufe der Jahre und auch noch vor einigen Tagen festgestellt, daß die Verwaltung für die Erhaltung des Mittelstreifens der Wälle zwischen Rolandstraße und Martinistraße eintrete, da es sich um eine echte Substanz handele. Seit mehr als fünf Jahren hat das Osnabrücker Tageblatt immer wieder auf die entscheidende Bedeutung der Wallanlagen als einer großen, die Altstadt umschließenden Klammer hingewiesen, ohne die unsere Altstadt ihre gewachsene Geschlossenheit aufgibt und der Dom mit Domhof sowie die Marienkirche mit Marktplatz den letzten Zusammenhang mit dem Stadtgefüge verlieren, nachdem der Krieg die umgebenden und beide geschichtlichen Räume verbindenden alten Gassen endgültig vernichtet hat.
Diese Zeiten brauchten nicht geschrieben zu werden, wenn man sich mit der Bauverwaltung über die Erhaltung dieser
" e c h t e n S u b s t a n z " im Einklang wissen könnte. Es muß ganz klar gesagt werden:

- Erhaltung bedeutet Erhaltung der Wallanlagen in ihrer bestehenden Form! Anders kann man dieser " echten Substanz" nicht dienen!

- Eine Verquickung des Walles mit den Fahrbahnen des Stadtringes ist keine Erhaltung, sondern eine Verundeutlichung, die in späteren Jahren eine Auflösung der Wallanlagen geradezu anbietet!

" Mit größter Schonung"
Noch vor einigen Tagen wurde versichert, daß man so vorsichtig wie möglich vorgehen wolle. Selbst bei einer Unterstellung dieser Absicht kann man im Anblick der Planung am Heger Tor nur sagen:

- Was versteht man darunter, wenn durch die Fortnahme der Insel in Höhe der Dielingerstraße auch hier der Wall bedrohlich unterbrochen und ein riesiges Stück der Anlage zwischen der Kleinen Post und dem Museum und darüber hinaus zur Fahrbahn gemacht wird?

- Man nimmt damit dem Platz vor dem Heger Tor einen großen Teil seiner Schönheit und vor allem den Charakter einer bisher gewahrten Intimität, die dem Denkmal des Waterlootores entsprach, das jetzt zur Kulisse und vom Verkehr aus seiner Bedeutung verdrängt wird.

Kein ausreichendes Motiv!

Die heute auf der Kreuzung der Martinistraße schräge Überquerung von der Oberschule für Mädchen in die Fahrbahn am Schloßwall wird u. a. als Motiv dafür angeführt, daß man die Fahrbahn in die Wallanlagen verlegen will, um eine gerade Überquerung der Kreuzung zu ermöglichen. Wenn man dieses Motiv als so wesentlich ansieht, daß man deswegen die ganze Strecke von der Rolandstraße bis zur Martinistraße in die Wallanlagen verlegt, so ist damit doch bewiesen, daß man den Wert der geschichtlichen Stadtkontur zugunsten des Verkehrs unterschätzt! Hinzu gesellt sich noch die Überlegung, daß eine einfache, durchaus mögliche Verbreiterung der Fahrbahnen des Stadtringes auf Kosten der Bürgersteige und Vorgärten wohl nur einen Bruchteil von dem kosten würde, was für eine solche völlige Verlegung aufgewendet werden muß!
Die gerade Überquerung der Kreuzung Martinistraße wie die Verbreiterung der Fahrbahn könnten niemals eine ausreichende Begründung für die Verquickung des Walles mit dem Ring sein! Das aber rückt die große Besorgnis in den Vordergrund, daß es sich bei dieser Verquickung um einen ersten Schritt zur völligen Auflösung der Wälle handeln kann, wenn man auch in künftigen Jahren den (vielleicht noch steigenden) Verkehr weiterhin für wichtiger hält als die gewachsene Struktur der Stadt. Es könnte sein, daß Osnabrück dann doch eines Tages an der Martinistraße die einfache Riesenkreuzung hat, wie die Planung sie schon einmal im Sinne hatte.

Der Ring wirklich die letzte Chance?

Senator Cromme kam vor wenigen Tagen nach einer Betrachtung der gesamten Verkehrssituation zu dem Schluß, daß der Ring die letzte Chance sei. Eine äußere Umgehungsstraße, wenn einmal im Rahmen des Bundesverkehrsplanes erbaut, werde nur 16 Prozent des Gesamtverkehrs aus der Stadt abziehen können. Das ist eine Zahl, von der niemand weiß, ob sie tatsächlich zukünftiger Wirklichkeit entspricht. Die Umgehungsstraße wird sicher einen großen Teil des jetzigen Verkehrs auf den Bundesstraßen aufnehmen, die ja heute nur durch die Stadt führen. Die große, fast vollendete Ost-West-Achse wird bei stärkerem Verkehr gleichfalls stark zum Tragen kommen. Iburger und Johannisstraße haben die Möglichkeit, einen Teil ihres Verkehrs über den Neuen Graben oder über die Möserstraße um den Stadtkern zu leiten.

- Niemand weiß, wie sich in Zukunft diese Möglichkeiten auswirken werden.
Aber immerhin: Vielleicht sind es auch 30 Prozent des Verehrs, den die Umgehungsstraße aufnehmen könnte. Das alles ist nicht sicher und liegt in der Zukunft!

- Soll man deshalb die letzte und wesentliche Substanz des Stadtbildes angreifen, wenn man vielleicht einige Jahre später einsehen muß, daß es nicht nötig gewesen wäre?

80 Jahre zurückgeblendet

Im Angesicht einer so tragenden Entscheidung ist es aufschlußreich, einmal um etwa 80 Jahre zurückzublenden, als Osnabrück einer ähnlichen Situation gegenüberstand: Die Ausbreitung der Stadt machte die Aufgabe ihrer Geschlossenheit in Gestalt der Abtragung der Wälle notwendig. Auch damals hatte man viel zuviel Erhaltenswertes dem " Fortschritt" geopfert und wollte schließlich alle Wälle nivellieren. Aber vor 80 Jahren fanden sich wenigstens Männer, die der Erhaltung des Herrenteichswalles als wesentlicher Substanz der Kernzelle der alten Stadt mit dem Bezirk des Domes, der Stadtmauer, der Hase und der Pernickelmühle das Wort redeten und sich durchsetzten: Der Herrenteichswall blieb bestehen!
Im Laufe der Zeit mußte noch oft um ihn gekämpft werden: Generaldirektor August Haarmann hat sich energisch auch später für seine Erhaltung erfolgreich eingesetzt und dann mit der Stiftung des Haarmann-Brunnens den schönen Aufgang geschaffen. Noch zu Lebzeiten des hochverehrten Amtsgerichtsrats und Dichters Bernhard Wieman tauchte der Plan einer Abtragung des Herrenteichswalles wieder auf. Dies verhindert zu haben, gehört mit zu seinen wesentlichen Verdiensten!

Heute weiß Osnabrück deutlich zu ermessen, was es an seinem Herrenteichswall als Erholungsanlage und einmalig schöner Baumallee hat und welche Besonderheit im Stadtbild er bedeutet. Denn ohne ihn - man stelle sich das einmal vor - läge der Bezirk des Domes frei und offen ohne jeden Zusammenhang in einem aufgelösten Stadtgebilde!

Wo sind die Männer jetzt?

Wo sind die Männer, die heute - da es um eine letzte und doch leicht zu erhaltende Substanz der alten Stadt geht - ihre Stimme erheben und unmißverständlich zu verstehen geben: Bis hierher und nicht weiter! Wo sind sie?
Der um seinen Wall kämpfende Osnabrücker Bürger muß diese Männer in erster Linie im Rat der Stadt suchen, der über solche Planungen und entscheidenden Fragen zu befinden und für die Gesamtheit zu beschließen hat! In einer öffentlichen Sitzung des Rates sind diese Probleme nicht diskutiert worden! Wurden sie überhaupt diskutiert, oder hat der Verkehrs- und Bauausschuß diese Sache mit der Bauplanung erledigt? Man hat nichts davon gehört, daß der Kulturausschuß eingeschaltet wurde und sich (seinem Wesen nach muß er um die Bedeutung dieser Entscheidung wissen) warnend geäußert hat.

- Die Entscheidung lag beim Rat und seinen Ausschüssen.
Aber er hat seine Stimme nicht oder nicht genügend laut erhoben. Das ist ein Urteil, in dem die Enttäuschung der Bürgerschaft mitklingt!

Hier lag und liegt auch eine echte Aufgabe der Bürgervereine, die weder aufgegriffen noch wahrgenommen wurde!

Bekenntnis zur Unterscheidung

Es sind der Osnabrücker mehr, als gemeinhin angenommen wird, die sich mit dem Osnabrücker Tageblatt zu den gewachsenen und vom Gros neuerer Städte unterscheidenden Merkmalen ihrer alten Stadt bekennen! Sie stehen zu dem, was Osnabrücker durch Entwicklung und Geschichte an sichtbaren Konturen und Denkmälern durch viele Jahrhunderte zugewachsen ist! Sie stehen zu dem eigentümlichen Bild der alten Stadt in allen seinen Zusammenhängen, in dem wesentliche Züge des Heimatbewußtseins wurzeln!
Und sie sehen nicht ein, daß dem Merkmal steigender Verkehrshäufigkeit, das in wenigen Jahren anders aussehen und seinen Bedarf vielleicht auf einer Umgehungsstraße befriedigen kann, die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit der letzten, vom Kriegeübriggelassenen Stadtstruktur geopfert wird!


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