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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Wie eine Atombombenexplosion"
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Klare Worte beim Neujahrsempfang: Einzelhandel gegen ECE-Riesenprojekt
Artikel:
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Originaltext:
" Wie eine Atombombenexplosion"

Klare Worte beim Neujahrsempfang: Einzelhandel gegen ECE-Riesenprojekt

Von Wilfried Hinrichs

Dieter Rauschen zitiert einen Kollegen, der Erfahrungen mit den riesigen Einkaufszentren von ECE hat. Wo diese Komplexe entstanden seien, so Rauschen, hätten sie auf die Innenstädte gewirkt " wie Atombombenexplosionen".

Die Zuhörer im Friedenssaal stutzen einen Augenblick. So deutlich wird selten ein Redner bei einem Neujahrsempfang, wo doch Nettigkeiten ausgetauscht und Kontakte gepflegt werden. Mitgastgeber Dieter Rauschen, Vorsitzender des Osnabrücker City-Marketings (OCM), nutzte den Empfang von OCM und GMT (Osnabrück Marketing und Tourismus GmbH) am Mittwochabend, um den Fachleuten aus Handel, Politik, Marketing und Medien die Bedenken des Osnabrücker Einzelhandels gegen das geplante Großprojekt im Gerichtsviertel zu verdeutlichen.

Bedenken? Nein, die nackte Existenzangst geht offenbar um, wenn Dieter Rauschen Recht hat. Denn das ECE-Projekt mit 25 000 zusätzlichen Quadratmeter Verkaufsfläche berge eine " große Gefahr" für die gewachsenen Strukturen in der Fußgängerzone. Das Einkaufszentrum, das an der Stelle der Justizgebäude zwischen Neumarkt, Johannisstraße und Kollegienwall entstehen soll, werde eine geschlossene Einheit bilden. Die Kunden würden nicht den Weg in die Fußgängerzone finden, so Rauschens Prognose.

Und er machte eine Rechnung auf: Mit Ikea, Hornbach-Baumarkt, eventuell einem Möbelmarkt an der Hannoverschen Straße und der Kamp-Promenade wurden in Osnabrück 120 000 Quadratmeter Verkaufsfläche neu entstehen. Zurzeit gebe es in der Innenstadt 109 000 Quadratmeter. " Das können wir nicht verkraften", so Rauschen. Er sagt einen durchschnittlichen Umsatzverlust der City-Läden um 20 Prozent voraus, sollte ECE das 220-Millionen-Projekt am Neumarkt verwirklichen. Die Folge: leere Schaufenster, trostlose Innenstadt.

Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip hatte zuvor ein ganz anderes Bild der Stadt gemalt, nämlich das eines blühenden Handelszentrums. " Vier große Investorengruppen mit ECE an der Spitze" zeigten starkes Interesse an Osnabrück. Der Markt werde als wachstumsfähig eingeschätzt. Und da war Fip bei seinem Lieblingsthema: " Die wachsende Stadt in einer starken Region." Fip appellierte an die Marketingstrategen, nicht Osnabrück isoliert zu betrachten, sondern als Einheit mit den Umlandgemeinden. Dann könne man über 270 000 Einwohner sprechen, was für Handelskonzerne eine aussagekräftige Größe sei. Im weiteren Einzugsbereich Osnabrück leben 765 000 Menschen, alles potenzielle Kunden.

Die hat der Projektentwickler ECE aus Hamburg im Blick. In 74 Städten Deutschlands hat ECE so genannte Shopping-Malls gebaut. Das Unternehmen propagiert " die lebendigen Marktplätze", die der Verödung von Innenstädten entgegenwirken sollen. Attraktive Einkaufsgalerien mit anspruchsvollem Branchenmix, so ECE in der Selbstdarstellung, wirkten " immer als positive Impulsgeber für die Innenstädte" .

Am Dienstag, 20. Januar, stellen sich zwei ECE-Objektentwickler der Diskussion in Osnabrück. Die CDU-Mittelstandsvereinigung (MIT) lädt dazu um 20 Uhr ins Parkhotel (Am Heger Holz) ein.

ECE-Projekte in anderen Städten

In 74 Städten Deutschlands hat ECE Einkaufszentren gebaut. Wir haben Lokalredakteure - als neutrale Beobachter - in einigen Städten mit ECE-Projekten befragt, wie sich die Shopping Mails auf die Innenstädte ausgewirkt haben oder wie über geplante Großobjekte diskutiert wird. Deutlich wurde: Wo ECE in ehemalige Kaufhäuser investierte, lebten die Innenstädte auf. Kritisch wird es offenbar in City-Randlagen.

Kassel

Im Februar 2002 eröffnete ECE in Kassel einen " City Point" auf fünf Ebenen mit 20 000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 60 Fachgeschäften. Für ein endgültiges Urteil sei es noch zu früh, sagt Jörn Steinbach von der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA). Aber eine Tendenz sei erkennbar: " Es hat zu einer Belebung geführt." Inzwischen gibt es drei Einkaufszentren in der Kasseler City. Einen " Chor der Zweifler" habe es in Kassel auch gegeben, dessen Skepsis allmählich widerlegt werde. Es setze sich die Erkenntnis durch, dass alles, was Anziehungskraft ausübe, der Stadt nutze. ECE gelte als professionell, solide, erfolgreich.

Wolfsburg

Die City-Galerie in Wolfsburg wurde im September 2001 eröffnet. Auf drei Etagen und 25 000 Quadratmeter Verkaufsfläche bieten 90 Fachgeschäfte ihre Dienste an. Carsten Buschin von der Wolfsburger Allgemeinen hält die Shopping Mall für einen Gewinn für die Stadt. Es sei eindeutig zu beobachten, " dass das Zentrum die Leute anzieht". Die großen Befürchtungen der Skeptiker hätten sich bislang nicht bestätigt. Allerdings sei sichtbar, dass einige Läden in Randlagen in Mitleidenschaft gezogen worden seien. " In fünf Jahren könnte es anders aussehen, das muss man mal abwarten." Die City Galerie liegt mitten in der lang gestreckten Fußgängerzone.

Wuppertal

Die City-Arkaden gibt es seit Oktober 2001. Vier Ebenen, 25 000 Quadratmeter Fläche bieten Platz für 85 Geschäfte. " Die Innenstadt hatte schon Probleme, bevor ECE kam", sagt Holger Stephan von der Westdeutschen Zeitung in Wuppertal. Der Bau der City-Arkaden in " superzentraler Lage" habe den Prozess nicht gestoppt, aber auch nicht beschleunigt. Einige Großgeschäfte verließen ihre traditionellen Standorte und zogen in die City-Arkaden. Die frei gewordenen Flächen seien vermietet, zum Teil an Läden mit Billigangeboten. Eine zweite Galerie leide erkennbar unter der Konkurrenz.

Braunschweig

Seit 16 Jahren gibt es den erfolgreichen City-Point im Zentrum. Jetzt plant ECE ein neues Projekt im historischen Schlosspark am Rande der City. Der Stadtrat habe mit knapper Mehrheit nach " unglaublichen Auseinandersetzungen" in der Öffentlichkeit dem 200-MiIlionen-Objekt zugestimmt, berichtet Harald Duin von der Braunschwci-ger Zeitung. Ende 2004 soll der Bau beginnen, 2006 fertig sein. " Hoffnungen und Ängste liegen dicht beieinander", sagt Duin. Die Wirkung solcher Objekte sei wohl von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Eines tröste die Kritiker: ECE muss die historische Schlossfassade wieder aufbauen.

Wetzlar

Die mittelhessische Stadt mit 53 000 Einwohnern erhofft sich von einem ECE-Projekt einen deutlichen Schub. Einmütig stimmte der Rat dem Bau einer Shopping Mall auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs zu, wie Hans-Georg Waldschmidt von der Wetzlarer Neuen Zeitung berichtet. Zugleich entsteht in dem Komplex eine Veranstaltungshalle für 6 000 Besucher. Das Problem, so Waldschmidt: Das sechs Hektar große Gelände liegt am Rande der historischen Innenstadt mit Fußgängerzone und wird vom Kernbereich durch eine Hochstraße getrennt. Aber in der Stadt herrsche die Meinung vor: " Wenn wir nichts machen, wird es noch schlechter."

Schwerin

Die Schlosspark-Galerien in Schwerin wurden im September 1998 eröffnet. Auf 20 000 Quadratmetern gibt es 120 Geschäfte. Dass das Center für die Stadt ein Gewinn ist, steht für Brigitte Köpke von der Schweriner Volkszeitung außer Frage. Vor allem auf das Umland übe das Einkaufszentrum eine starke Anziehungskraft aus, zumal die Geschäfte in den Galerien bis 20 Uhr geöffnet haben. Die Galerien seien " immer voll und gut besucht". Dennoch sei eine relativ hohe Fluktuation bei den Geschäften zu beobachten. In der Innenstadt gebe es Leerstände - je weiter von den Galerien entfernt, umso mehr.

DAS JUSTIZVIERTEL mit Amtsgericht, Landgericht, Gefängnis und Parkhaus Kollegienwall soll zum Einkaufszentrum werden. Der City-Einzelhandel ist strikt dagegen. Foto: Gert Westdörp

HOFFNUNGEN UND ÄNGSTE liegen in Osnabrück dicht beieinander, wenn es um das geplante Einkaufszentrum am Landgericht geht. Werden noch mehr Geschäfte leer stehen wie schon jetzt in der Johannisstraße (Bilder links)? Oder würde die Straße von dem neuen Zentrum profitieren? Verfügt Osnabrück schon über ausreichend Ladenflächen, so dass benachteiligte Lagen (wie das ehemalige Möbelhaus Sandkühler (3. Bild von links) weiterhin leer stehen werden ? Und werden sich in der City immer mehr " Ein-Euro-Geschäfte" (rechtes Bild) ausdehnen? Fotos: Klaus Lindemann
Autor:
Wilfried Hinrichs


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