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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
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Überschrift:
Karl der Große, das Carolinum und seine Gründungs-Urkunde
 
Die Festfreude steht für uns im Vordergrund
Zwischenüberschrift:
Konfessionspolitik und Urkundenforschung in Osnabrück um 1720 - Bischof Benno fabrizierte seine Beweise kurzerhand selbst
 
Drei Fragen an den ersten Carolinger
Artikel:
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Originaltext:
Karl der Große, das Carolinum und seine Gründungs-Urkunde

Konfessionspolitik und Urkundenforschung in Osnabrück um 1720 - Bischof Benno fabrizierte seine Beweise kurzerhand selbst

Von Thomas Vogtherr

" Unecht." Dieses Urteil prangt über der heute maßgeblichen Ausgabe einer Urkunde Karls des Großen, mit der er 804 eine Schule für Griechisch und Latein in Osnabrück begründet haben soll. Das ehrwürdige Pergament, die Gründungsurkunde des Carolinums: Es wäre eine Fälschung? Das Schuljubiläum des kommenden Jahres also gegenstandslos? Und was macht die Urkunde " unecht", was macht sie zu einem " angeblichen Original", wie in der Ausgabe außerdem noch zu lesen ist?

Die Auseinandersetzungen um die Echtheit dieser Urkunde haben Tradition. Sie sind, weit über Osnabrück hinaus, ein Stück Wissenschaftsgeschichte der Urkundenlehre, der Diplomatik. Als die Diplomatik als Wissenschaft entstanden war, war einer der ersten Prüfsteine für die Tragfähigkeit der neuen Wissenschaft und ihrer Methoden die Osnabrücker Karlsurkunde, die angeblich am 19. Dezember 804 in Aachen ausgestellt wurde.

Die Geschichte dieses Kampfes um eine einzige Urkunde und ihre Echtheit ist ein typischer " Urkundenkrieg", wie er in den Jahrzehnten um 1700 so häufig war. Osnabrücks " bellum diplomaticum", so die lateinische Übersetzung des Wortes " Urkundenkrieg", zeigte, wie schnell die neue Wissenschaft der Diplomatik als Spitze im Kampf um die Verlässlichkeit der geschichtlichen Quellen eingesetzt wurde.

Der " Urkundenkrieg" zeigt aber auch, wie sehr die neue Wissenschaft sofort in den Dienst der konfessionellen Auseinandersetzung im Bistum Osnabrück gestellt wurde.

Zwei angebliche Urkunden Karls des Großen (768-814)

Es wurde radiert und neu geschrieben

aus den Jahren 803 und 804 verwahrt das Bistumsarchiv bis heute. Beide angeblich am gleichen Kalendertag, dem 19. Dezember, beide am gleichen Ort, in Aachen, ausgestellt. Schon das stimmt nachdenklich, zumal wenn man sich klarmacht, dass sich Karl zwar 803 an diesem Tag in Aachen aufgehalten hat, ein Jahr später aber einige Hundert Kilometer entfernt im heutigen Frankreich.

Urkundenforscher haben vor ziemlich genau einhundert Jahren eindeutig ermitteln können, dass die Urkunde von 803 mit Mühe ausradiert worden ist. Nur Eingangsformeln und Datum blieben erhalten. Der ganze übrige Text wurde neu geschrieben, und das zu Zeiten des Osnabrücker Bischofs Benno (1068-1088), der diese Fälschung wohl sogar selbst angefertigt hat.

Die angebliche Urkunde von 804 wurde nach dieser ersten Fälschung fabriziert: Der Fälscher, ebenfalls Bischof Benno, schrieb die Eingangs- und Schlussformeln ab, ergänzte den eigentlichen Rechtsinhalt und veränderte am Datum nur die Jahreszahl. Der Inhalt: Karl der Große schenkt der Osnabrücker Kirche den Osning und bestätigt dem Bischof die Befreiung von allen Dienstpflichten gegenüber dem König. Nur eine Ausnahme solle gelten: Falls eines der Kinder Karls und ein Kind des Königs der Griechen heiraten sollten, solle der Osnabrücker Bischof als Gesandter amtieren. " Und das", so fährt der Urkundentext wörtlich fort, " haben wir aus dem Grund angeordnet, weil wir an diesem Ort griechische und lateinische Schulen dauerhaft geschaffen haben und darauf vertraut haben, dass niemals an diesem Ort Kleriker fehlen, die beider Sprachen kundig sind."

Beide Osnabrücker Urkunden Karls des Großen sind seit Jahrhunderten immer wieder aufs Neue gedruckt worden. Gesehen aber hatte die Urkunden kaum jemand: Jahrhundertelang wurden sie in den Archivkammern des Domarchivs vor fast aller Augen geschützt.

Anfangs des 18. Jahrhunderts kam es dann zu jener Kontroverse um die Osnabrücker Karlsurkunden, in der erstmalig die Frage diskutiert wurde, ob man es denn überhaupt mit echten Urkunden oder nicht in Wahrheit eher mit Fälschungen zu tun habe. Am 4. Dezember 1715 war Karl von Lothringen, katholischer Bischof von Osnabrück, nach siebzehnjährigem Pontifikat gestorben. Nach den Rechtsnormen der Capitulatio Perpetua von 1648 sollten sich in Osnabrück katholi-

Der Kurfürst gegen die Jesuiten

sche und evangelische Bischöfe jeweils abwechseln, und die evangelischen Bischöfe sollten aus der Familie der Welfen stammen.

Damit war, wenngleich mit einigen Schwierigkeiten, der Weg für einen Welfen als Nachfolger frei. Es dauerte allerdings einige Wochen, bis Ernst August, der jüngere Bruder Georgs I. des Kurfüsten von Hannover und Königs von England, zum Bischof von Osnabrück erhoben werden konnte.

Er ließ von Anfang an keinen Zweifel an seiner Konfrontationsbereitschaft gegenüber dem mehrheitlich katholischen Domkapitel. Man kann geradezu sagen, dass er den Konflikt suchte, und das auf so unterschiedlichen Feldern wie der Wirtschaft, der Münzprägung, dem Umgang mit kirchlichen Stellenbesetzungen und eben auch auf dem Gebiet des Schulwesens. Sein erklärtes Ziel war es, die Jesuiten aus Osnabrück und damit auch vom Carolinum zu vertreiben.

In diesem Zusammenhang machten die Domherren damit allen Interessierten deutlich, welche Vorrechte sie seit alten besessen hatten, und unter diesen Vorrechten waren die beiden Urkunden Karls des Großen mit Abstand die ehrwürdigsten. Aber es gehört auch in diesen Zusammenhang, dass Bischof Ernst August sofort Gegenargumente sammeln ließ. Dazu bat er seinen Bruder, den Kurfürsten und König Georg, ihm den Geschichtsforscher Eckhart gewissermaßen auszuleihen.

Und Eckhart tat, wie ihm geheißen: Er sah sich die Urkunde an und kam erwartungsgemäß zu dem Ergebnis, dass sie gefälscht sei, also keinerlei Geltung beanspruchen dürfe. Jedenfalls konnten sich, so die Folgerungen des Geschichtsforschers und seines Auftraggebers, des evangelischen Bischofs, die Jesuiten nicht auf die beiden Karlsurkunden berufen, um damit ihr Verbleiben in Osnabrück zu rechtfertigen. Und waren die Diplome Karls des Großen gefälscht, dann waren natürlich, so die Argumentation, auch alle ihre Bestätigungen durch spätere Herrscher bis hin zu Kaiser Ferdinand III. (1636/ 37-57) gegenstandslos.

Eckharts Argumentation verfolgte also in gewisser Hinsicht einen konfessionspolitischen Zweck, aber sie blieb dennoch im streng wissenschaftlichen Rahmen. In einem noch 1717 in Hannover erschienenen, lateinischsprachigen Druck wandte er sich ebenso massiv wie deutlich gegen die Echtheit der Urkunde und führte insgesamt 25 verschiedene Argumente für seinen Standpunkt an. Sie reichten von der Schrift, die nicht zur Zeit Karls des Großen passe, über das Siegel, das nicht seines, sondern eine plumpe Fälschung war, bis hin zu der Feststellung, dass ein solcher Rechtsinhalt wie der der Osnabrücker Schulurkunde unter den anderen Urkunden Karls des Großen völlig einzig dastehe und in der gesamten Karolingerzeit keinerlei Parallele habe.

Eckharts Argumentation bewegte sich also auf der Wissenschaft seiner Zeit: Er kombinierte urkundenkritische Argumente mit solchen aus der Rechtsgeschichte, er konnte mit der Siegelkunde ebenso wie mit der Handschriftenkunde umgehen und erwies sich so als unstreitiger Fachmann. Bischof Ernst August von Osnabrück hatte einen entschiedenen Vertreter belastbarer Argumente gesucht. In Eckhart hatte er ihn gefunden.

Ein erster Gegner Eckharts, der die Echtheit der Osnabrücker Karlsurkunden ebenso vehement verteidigte, war der Geistliche und Historiker Jodocus Hermann Nünning, der damals an einer großen Sammlung von Urkunden zur Geschichte der Diözese Münster arbeitete und dabei zwangsläufig auf die Konkurrenz der Münsteraner Schulen mit dem Carolinum in Osnabrück gestoßen war.

In einer Druckschrift des Jahres 1720 griff Nünning seinen Gegner Eckhart massiv an und versuchte, ihn zu widerlegen. Eckhart setzte sich umgehend zur Wehr und schrieb innerhalb von drei Wochen eine erbitterte Verteidigung seiner Position, die es an Deutlichkeit nicht fehlen ließ. Der Stil wissenschaftlicher Auseinandersetzungen in damaligen Zeiten war, wie sich selbst noch im Gelehrtenlatein dieser Schriften spüren lässt, alles andere als vornehm. Da es aber eben nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um die sprichwörtliche Gretchenfrage nach dem religiösen Bekenntnis der Kontrahenten ging, wurde eben nicht mit dem Florett gespielt, sondern mit dem schweren Säbel aufeinander eingedroschen. Das ändert nicht daran, dass sich die Kontrahenten in Briefen, die sie gleichzeitig austauschten, als " Höchstverehrter Herr" anredeten. Und Eckhart versichterte in einem Brief an Nünning: " Sie sollen wissen, das ich Ihr Freund bin, aber nur bis zur Osnabrücker Urkunde. Von nun an gehen wir getrennte Wege."

Dass dieser Frontalangriff gegen eine der beiden ältesten Osnabrücker Urkunden auch von den Betroffenen, den Lehrern des Carolinums, beantwortet werden würde, lag auf der Hand. In der Person des Jesuiten Ludwig Henseler, eines historisch ininteressierten und gebildeten Mathematiklehrers am Carolinum, fand sich ein weiterer Gegner Eckharts. Unter dem - im Original natürlich lateinischen - Titel " Kritisch-historische Darlegung über die Urkunde Karls des Großen", in der dargelegt wird, dass diese Urkunde authentisch und echt ist und in der sie gegen die Einwände eines neueren Kritikers verteidigt wird, legte Henseler auch nicht weniger als 155 Druckseiten seine Position dar. Nur in einem Brief an Nünning, nicht aber in diesem Buch erwähnt er geradezu beiläufig, dass er für eine genaue Untersuchung der Urkunde keine Zeit gehabt, sondern sie nur kurz gesehen habe. Deswegen habe er bei weitem nicht alle Einzelpunkte befriedigend klä-

Der Kritiker

Johann Georg (von) Eckhart/ Eccard (1674-1730) besuchte die renommierte sächsische Fürstenschule Schulpforta bei Naumburg und studierte dann Theologie in Leipzig. 1698 lernte er in Hannover den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz kennen und wurde dessen gelehrter Gehilfe bei zahlreichen wissenschaftlichen Unternehmungen. 1706 erhielt er eine Professur für Geschichte in Helmstedt, 1714 wurde er zum Hofhistoriker der Welfen in Hannover ernannt und folgte Leibniz nach dessen Tod im Amt. Als Hofhistoriker wurde er von Georg I., König von England und Kurfürst von Hannover, beauftragt, die Interessen des (evangelischen) jüngeren Bruders Georgs, des Bischofs Ernst August II. von Osnabrück (1716-1728) gegen das (katholische) Domkapitel zu vertreten. Ergebnis sind die Streitschriften gegen die Echtheit der Osnabrücker Karlsurkunde.

Der Kontrahent

Jobst (Jodokus) Hermann Nünning (1675-1753) studierte in Burgsteinfurt, Helmstedt und Prag Rechtswissenschaft. 1701 erhielt er die Weihen als Geistlicher und wurde 1706 Scholaster des westfälischen Stifts Vreden. Sein Interesse galt von der Urgeschichte bis zur Gegenwart der Rechtsverhältnisse seiner Zeit nahezu allen denkbaren Gebieten.

Drei Fragen an den ersten Carolinger

Die Festfreude steht für uns im Vordergrund

Im kommenden Jahr feiert das Gymnasium Carolinum sein 1200-jähriges Bestehen. Das Jubiläum wird mitgetragen vom Carolingerbund, der Ehemaligenvereinigung des Traditionsgymnasiums mit seinen etwa 2000 Mitgliedern. Dr. Dirk Bergmann ist Vorsitzender des Carolingerbundes. Wir fragten ihn nach dem Verhältnis zu Geschichte, Traditionspflege und Karl dem Großen im Speziellen.

Nach allem, was wir wissen, ist die Gründungsurkunde des Carolinums eine von Bischof Benno veranlasste Fälschung. Wie geht der Caro-lingerbund heute mit dieser Tradition um? Bergmann: Ob das Carolinum wirklich im Jahr 804 gegründet wurde, scheint mir nicht die entscheidende Frage zu sein. Wir sind überzeugt, eine der ältesten Schulen in Deutschland zu sein, die von Karl dem Großen gegründet worden ist. Das Jahr selbst ist da nicht so entscheidend.

Aber Sie wollen doch dieses Jahresdatum groß feiern. Wenn es kein festes Gründungsdatum gibt, würde es doch auch genügen, sich nur auf die Person eines Namenspatrons zu beziehen? Karl der Große als erster Europäer ist da ja durchaus ein Vorbild.

Bergmann: Die Ehemaligen standen lange Zeit in der katholisch geprägten Tradition der Schule. Seit etwa 30 Jahren, im Zeichen der ökumenischen Öffnung, ist das nicht mehr ganz so ausgeprägt. Aber die emotionalen Beziehungen zur Schule gibt es natürlich immer noch. Und wir unterstützen die Arbeitsgemeinschaften, die Ruderer und die Schülerkapelle. Da blicken wir mehr nach vorn und nicht nach hinten. Aber die Diskussion um einen " Namenspatron" und dessen Vorbildfunktion für das Schulleben muss innerhalb der Schule geführt werden.

Letzte Frage: Wenn es wirklich kein belegtes Gründungsdatum für die Schule gibt, ist dann eine solche Jubiläumsfeier mit dem Anspruch der Wissenschafts-propädeutik vereinbar? Die Schüler der Oberstufe sollen doch wissenschaftliche Arbeitsweisen erlernen, kritisch sein und studierfähig werden.

Bergmann: Wir gehen ja immer noch von der Tatsache aus, dass Karl der Große irgendwann die Schule gegründet hat. Diese Voraussetzung ist immer so hingenommen worden, und deshalb ist in der Vergangenheit eine ganze Kette von Jubiläen gefeiert worden. Die Geschichtslehrer sollten das durchaus in diesem Zusammenhang im Unterricht thematisieren. Für uns ist die Festfreude ganz klar das Entscheidende - auch wenn die Frage der Urkunden einmal wissenschaftlich geklärt werden müsste.( fhv)

DR. DIRK BERGMANN ist Vorsitzender des Carolingerbundes, der Ehemaligenvereinigung des Gymnasiums Carolinum.

Foto: Uwe Lewandowski

KARL DER GROSSE signierte in seinem Namen ausgestellte Urkunden nur mit einem Federstrick im Nonogramm, gebildet aus den Buchstaben KAROLUS. Hier ein Ausschnitt der angeblichen Urkunde vom 19. Dezember 804. Foto: Bistumsarchiv

Autor:
Thomas Vogtherr


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