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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Seltsame Begegnungen und der Verkehrsinfarkt
 
Chance für die Stadtbahn?
 
Die fünfziger Jahre -eine Zeit des Übergangs
Zwischenüberschrift:
Mit der "Elektrischen" vom Schölerberg n ach Haste
 
Im Alltag große Sehnsüchte und kleine Fluchten
Artikel:
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Originaltext:
Von Frank Henrichvark

Am 29. Mai 1960 setzte Franz Kicker zum letzten Mal die Dienstmütze auf, die er ein Berufsleben lang getragen hatte. Es war ein Volksfest und ein Tag des Abschieds zugleich: An diesem Tag ratterte zum letzten Mal die Straßenbahn durch die Stadt - vom Depot an der Lotter Straße zur Haster Mühle und von dort als Linie 2 zum Schölerberg. Umsonst übrigens; tags zuvor , hätte die Fahrt noch 20 Pfennige gekostet. Dann ging es endgültig ins Depot zurück, der 82-jährige " Oberfahrmeister a.D." Franz Kicker hängte seine Dienstmütze endgültig an den Nagel: 1906, da war er 27 Jahre alt, hatte der rüstige Pensionär schon die erste Ausfahrt der Osnabrücker Straßenbahn mitgemacht.

Geschichten wie diese hat der Osnabrücker Alfred Spühr gesammelt. Sein Archiv zur Geschichte der " Elektrischen", wie die Osnabrücker sagten, enthält buchstäblich alles über dieses Verkehrsmittel. 2 000 Fotografien hat Spühr geschossen: Alle Wagen, alle Linien, unersetzliche Bilder aus dem Osnabrück der fünfziger Jahre.

Die Linie 2 startete damals an der Schölerbergstraße. Alle 7 1/ 2 Minuten übrigens und sobald der Gegenzug auf dem kurzen Doppelgleis der Endstation umsetzte. Dann ratterten und schlingerten die beiden Wagen mit ihrer Dreimann-Besatzung - der Fahrer, der Schaffner und Zugführer in einer Person im Zugwagen und ein zweiter Schaffner im Beiwagen - die Iburger Straße herunter. Vorbei am Aus-

Ein Traktor zog die Karmann-Karossen

flugslokal Tivoli, dann später am Hammersen-Verwaltungsgebäude, wo rechts das vorspringende Eckhaus Nr. 23 zur Wörthstraße mit der aufgemalten Reklame " Schlichte - trinke ihn mäßig, aber regelmäßig" in die Eckkneipe lockte.

Da hieß es allerdings doppelt aufpassen. Denn noch verkehrte die Hammersenbahn mit ihrer Akku-Lok, brachte das Material dieser einstmals größten Baumwollspinnerei Europas auf einem niveaugleichen Industriegleis durch die Wörthstraße zum Bahnhof. Auf dem Rosenplatz dagegen konnte ein anderes seltsames Gefährt auftauchen: Ein Traktor mit zwei oder drei Anhängern, darauf Rohkarossen des Karmann Ghia auf ihrer ersten Reise von der Martinistraße zum Zweigwerk an der Neulandstraße.

Aber wer über Mobilität in jenen Jahren spricht, der muss auch die Kehrseite bedenken: Bilder aus der Großen Straße oder der Hasestraße erscheinen uns heute atemberaubend: Da knubbelt und knäuelt sich der Verkehr. Parkende Lieferwagen stoppten die Straßenbahn und den schnittig chromblitzenden Opel Kapitän mit seinen Haifischflossen-Kotflügeln gleichermaßen. Und wenn sich noch ein Radfahrer oder Rollerfahrer zwischen Autos und Fußgängern hindurchzwängte, dann war im Verkehrsinfarkt selbst die Autorität des hier unermüdlich patrouillierenden Schutzmanns außer Kraft gesetzt.

24 Sitzplätze und 20 Stehplätze hatten die 1925 / 26 gebauten Wagen der Oldenburger und Bremer Baureihe. Die Linie 2 kreuzte auf dem Nikolaiort die Linie l vom Heger Friedhof zum Hauptbahnhof. Die Wagen zwängten sich in die Herrenteichsstraße, weshalb in das Haus der Hirsch-Apotheke extra eine Fußgänger-Passage gebrochen worden war. Ebenso haarsträubend die Kurve in der Hasestraße am Haus Sunderdiek: Ortsfremde Autofahrer sahen sich hier urplötzlich mit einem Schienenfahrzeug konfrontiert. Aber irgendwie klappt es immer, das war wohl die Devise jener Jahre.

Am Ende der Bramscher Straße dann plötzlich ländliche Idylle. Die Haster Mühle ist erreicht. Und wirklich: Die Fahrt mit der Straßenbahn vom Schölerberg bis zur Endstation Bramstraße dauerte damals 25 Minuten. Heute brauchen die Busse der Stadtwerke für die Strecke 26 Minuten - ein Mal umsteigen inclusive.

Die fünfziger Jahre - eine Zeit des Übergangs

Im Alltag große Sehnsüchte und kleine Fluchten

" Die fünfziger Jahre waren schwarz-weiß." Hubertus Wilker, der mit dem historischen Bildarchiv im Medienzentrum so etwas wie das fotografische Gedächtnis der Stadt Osnabrück verwaltet, kann an seinem Bildmaterial auch etwas über die materielle Seite der damaligen Zeit ablesen. Und wer sich eben dem Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960 über das Medium Fotografie nähern will, macht eine paradoxe Erfahrung: Es wurde geknipst, was die Linse hielt: Urlaubsbilder, Familienfeiern, Karnevalsfeten und andere Feste, auch der Alltag kam in den Sucher. Aber Farbfotos, die technisch seit der Erfindung von Agfa CT 18 zumindest als Dias allgemein verfügbar waren, gibt es aus dieser Zeit praktisch kaum.

Diese Erkenntnis lässt auch die Bilder auf dieser Seite mit anderen Augen sehen. Die Kleidung der Menschen, die Autos auf den Straßen, die Häuser am Straßenrand - all das signalisiert: Die fünfziger Jahre waren eine Zeit des Übergangs, waren Jahre des Nicht-mehr und Noch-nicht. Beispiele dafür gibt es viele: Diese modernen Geschäfte und daneben die Ruinengrundstücke, die vorgeblendeten Fassaden vor einstöckigen Behelfsbauten selbst an der Großen Straße. Die breiten Ausfallstraßen mit dem " Stehimweg" dazwischen, jenen Häusern aus der Vorkriegszeit, die das Bombardement überstanden hatten und nun eine Gnadenfrist eingeräumt bekamen, obwohl sie das Bemühen um zeitgemäße Verkehrsführung und neue Fluchtlinien im Stadtbild auf absurde Weise blockierten.

Zudem hatten die Stadtplaner nur wenige Jahre zuvor eine folgenschwere Entscheidung getroffen: Die zerbombte Innenstadt war auf den Grundrissen der mittelalterlichen Stadt wieder aufgebaut worden. Heute nennen wir das ein Glück und finden in den Altstadtgassen einen Teil unserer Identität - wohl ahnend, welche Sünden die Innenstadtsanierung noch hätte begehen können, wäre sie denn ungebremst durchgeführt worden.

Reisen können, der Traum dieser Jahre

Wer allerdings die Bilder vom Verkehrsinfarkt auf der Großen Straße oder der Hasestraße, vom verkeilten Nebeneinander der Fußgänger, Lieferwagen, Straßenbahnen mit heutigen Augen sieht, der ahnt auch heute noch das Unbehagen der Menschen von damals an der Unvollkommenheit ihrer Stadt.

Beengte Wohnverhältnisse und ein wortwörtlich bescheidener Wohlstand also. Aber immerhin gab es den Traum von der Urlaubsreise nach Italien, jenes Land, wo die vielbesungenen Caprifischer (" Bella bella bella Marie, vergiss mich nie!") lebten. Oder aber, wenn Zeit und Geld dafür nicht reichten, vielleicht mit dem Motorroller und der Braut auf dem Rücksitz nach Hüde und Lembruch. Da hieß es dann " Der Dümmer brennt" und es wurde geschwoft und gehottet und auch heiß geküsst - ohne dass die Eltern und angehenden Schwiegereltern skeptisch gucken konnten.

Reisen können und etwas Farbe ins tägliche Leben bringen - für viele Menschen war das in den fünfziger Jahren noch ein Traum. Nierentisch und Tütenlampe, dafür musste ebenso eisern gespart werden wie für den Roller oder den Kleinwagen. 2 069 Autos und 1 511 Krafträder fuhren 1950 auf Osnabrücks Straßen, 17 521 Automobile waren es zehn Jahre später. Damit kam ein Auto auf acht Personen. Die " mobilEmotion" fand einstweilen mehr in den Herzen als in den Köpfen statt. Oder, um es mit Wilhelm Busch zu sagen, der damals noch zum Zitatenschatz jedes Hauses zählte: " Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Dingen, welche wir nicht kriegen."

mobilEmotion rolling fifties

Osnabrück in den fünfziger Jahren: Heute starten wir eine 13-teilige Serie über Menschen und Maschinen, Melodien und Möbel, Mode und Maotten aus den 50er Jahren. Jeden Tag richten wir den Blick zurück auf ein Detail in unserer Stadt aus jener Zeit. Die Verkehrvehältnisse in der Innenstadt machen den Anfag. Wir wollen damit einstimmen auf das Spektakel " mobilEmotion", das am nächsten Wochenende im Schlossgarten beginnt und eine Woche später in der City mit einem historischen Jahrmarkt zu Ende geht.

UNVERHOFFTE BEGEGNUNG: An der Wörthstrafle kreuzte die Hammersenbahn die Iburger Straße - ohne Schranken und ohne Signalanlage.Fotos (4): Alfred Spühr

DIE SCHIRMMÜTZE verlieh dem Schaffner Autorität.

DER NEUMARKT vom Gericht in Richtung Katharinenkirche: Trümmer, Parkplätze und ein Zebrastreifen dort, wo er auch heute wieder hingekommen ist.

DIE SAGENHAFTE Kurve am Haus Sunderdiek in der Hasestraße: Abrupt schwenkte die Straßenbahn von rechts nach links.

EINBAHNSTRASSE war die Große Straße in Richtung Neumarkt. Und trotzdem hatte es die Straßenbahn im Gegenverkehr sehr schwer.

FIR HSDRDZTSDDR Richtung Hasetor-Bahnhof. Wenn hier zum Begegunungsverkehr noch ein parkender Lastwagen kam, ging Buchstäblich gar nichts mehr.

Chance für die Stadtbahn?

Till ist in seiner Jugend mit der " Elektrischen" durch Osnabrück gefahren und hatte noch lange Zeit die Klingelsignale der Haltestelle vor seiner Haustür im Ohr. Er kann sich auch noch daran erinnern, wie 1960 endgültig die Straßenbahn ausrangiert wurde: Oberleitungs-Busse zusätzlich zu den ohnehin auf manchen Linien fahrenden Doppeldecker-Bussen sollten jetzt den Fortschritt bringen. Das Experiment hielt aber nicht lange an: In manchen Straßen wurden die fabrikneuen Stromleitungen wieder eingerollt, als das Kapitel Trolleybusse in Osnabrück wieder für beendet erklärt war. Seitdem ist die Diskussion um den öffentlichen Nahverkehr auch in unserer Stadt nie ganz verstummt. Und jene Städte, die bis heute ihre Straßenbahnen behalten haben, sind darauf nicht nur stolz, sondern auch glücklich. Die NordWestBahn hat es bewiesen: Der schienengebundene Personenverkehr hat eine Zukunft, zumindest in der Fläche. Und der Haller Willem soll ja auf Stadtgebiet weitere Haltestellen bekommen. Till fragt deshalb noch einmal: Welche Chancen hätte eine Stadtbahn für Osnabrück? Bismontag
Autor:
Frank Henrichvark


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