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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Dies Unwetter verwüstete einen ganzen Landstrich
Zwischenüberschrift:
29. Juni 1903: Menschen fürchteten den Weltuntergang
Artikel:
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Originaltext:
Von Frank Henrichvark

Weltuntergangs-Stimmung herrschte am Mittag des 29. Juni 1903 in Osnabrück: Ein Unwetter mit Hagel, Sturm und Blitz zog von West nach Ost über die Stadt. Der Schaden ging hier und im Osnabrücker Land in die Millionen. Dass auch die Uhr am Katharinenkirchturm um 15 Minuten nach 3 Uhr stehengeblieben war, ist dagegen nur eine bittere Anekdote.

Sven Luke ist Blitz- und Donner-Experte. Der hauptberufliche IT-Systemelektroniker und ehrenamtliche Unwetter-Beobachter für die Organisation " skywarn" hat den Ablauf der Katastrophe vor 100 Jahren rekonstruiert. " Wir haben alle Zeitungsberichte im Staatsarchiv ausgewertet, alle Daten zusammengetragen", berichtet er, " das Ereignis hat damals ja tagelang die Schlagzeilen bestimmt." Herausgekommen ist dabei eine detaillierte Dokumentation, die zum morgigen Jahrestag im Internet abrufbar ist. Adressse: www.skywarn-niedersachsen.de/ dokumentationen/ 1903/

Demnach wälzte sich das Unwetter von Elte an der Ems über das Tecklenburger Land und Osnabrück hinweg bis nach Bad Essen, Lintorf und Lübbecke. Auf einer Strecke von 75 Kilometern und in einer Breite von fünf bis zehn Kilometern Blitz und Donner, Sturm und Tornado, sintflutartiger Regen. Es fielen Hagelkörner groß wie Tauben- und Hühnereier in einer solchen Menge vom Himmel, dass stellenweise damit die Gräben gefüllt wurden.

" Meteorologisch eine so genannte Superzelle", so Sven Luke, " rotierende Luftmassen mit starkem Aufwind darin." So entstehen auch die Hagelkörner, erklärt der Wetter-Experte: Regentropfen werden vom Wind in die Höhe gerissen, gefrieren dort, sinken ab und steigen wieder an. Bis die Hagelkörner so dick geworden sind, dass ihr Eigengewicht größer ist als die Aufwindströme - dann fallen sie endgültig zur Erde.

Die Berichte über diese größte Katastrophe, die Osnabrück und das Osnabrücker Land bis zum Bombenkrieg erlebt haben, füllten ganze Zeitungsseiten. In Osnabrück wurden allein über 130 000 Fensterscheiben zerschlagen. Nach Westen gelegene Häuserfronten wiesen keine einzige heile Scheibe mehr auf, selbst die Gardinen und Vorhänge wurden wie von Gewehrkugeln durchschlagen. Allein die Glaser bezifferten die Kosten für neues Fensterglas auf bis zu 90 000 Goldmark.

Die Kanalisation konnte das Wasser nicht ableiten, auf den Straßen bildeten sich reißende Flüsse und die Keller liefen voll. In der Krahnstraße lagen die Hagelmassen zu Bergen aufgetürmt und waren nach Tagen noch nicht geschmolzen. In den Anlagen am Schloßwall irrten fünf herrenlose Pferde umher, die von der Weide geflohen waren und denen während der Katastrophe bei Lebensgefahr niemand helfen konnte.

Schlimmer noch waren die Landleute dran. Auf den Feldern war das Getreide und das Gras in den Weiden zerschlagen. Die Felder hätten " wie abgemäht" ausgesehen, heisst es in den Berichten. Bäume wurden umgeweht und entwurzelt, zumindest aber das Laub von den Zweigen geschlagen. Viele Singvögel, selbst Tauben und Federvieh wurden erschlagen aufgefunden. Der königliche Landrat Ferdinand Prinz von Schoenaich-Carolath in Wittlage bezifferte den Schaden auf eine Million Mark und bat öffentlich um Spenden: " Wir hoffen auf die Güte mildtätiger Menschen, besonders derjenigen, denen Gottes Gnade eine gute Ernte beschert." In der Stadt Osnabrück bewilligte der Magistrat später Sonderkredite für die mittellosen Familien, denen mit dem Gemüsegarten die tägliche Nahrung vernichtet war.

In Rabber im Kreis Wittlage überraschte das Unwetter einen Leichenzug: Die Pferde drohten durchzugehen und konnten nur mit Müh und Not ausgeschirrt werden. Der Pfarrer und die Gehilfen hätten sogar Platzwunden davongetragen, schrieb das Kreisblatt damals. Auf der Hasebrücke bei Wissingen wurde ein Fuder Heu von dem Sturm erfasst und ins Wasser gekippt.

Menschen kamen weiter nicht zu Schaden. Einige halbwüchsige Knaben hätten Beulen davongetragen, weil sie sich nicht unterstellen wollten, berichtete eine Zeitung - und fügte dann noch hinzu, Beulen und blaue Flecke seien für diese Jungen aber nichts Ungewöhnliches gewesen.

Und wenig später dann die Kehrseite des Unglücks: Es kamen die Schnäppchenjäger. In Osnabrück mussten die Einzelhändler ihre durchnässten Lagerbestände verramschen. Und im Kreis Wittlage sollen die Bauern aufdringliche Viehhändler vom Hofe gejagt haben, die ihnen das Vieh abschwatzen wollten, für das nun mit einem Mal kein Futter vorhanden war.

IN DER KRAHNSTRASSE lag der Hagel nach dem Durchzug des Unwetters vom 29. Juni 1903 stellenweise dreißig Zentimeter hoch. Dieses Bild zeigt den Blick Richtung Nikolaiort.

SVEN LUKE hat alle Nachrichten über die Katastrophe dokumentiert. Darunter auch diese Annonce vom Sonderverkauf eines geschädigten Textilhändlers.

VON DER EMS BIS NACH WITTLAGE zog sich die Spur des Unwetters, so lässt es sich an dieser Karte ablesen. Grafik: skywarn
Autor:
Frank Henrichvark


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