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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Beruhigungspille oder erfolgreiche Lobby?
 
"Gleiches Recht für alle"
 
Ein Anliegen
 
"Das ist kein Privileg für den Westerberg"
Zwischenüberschrift:
Das Wohngebiet Westerberg soll nur noch für Anlieger frei sein - Hannovers Idee lässt Emotionen hochkommen
 
Die Diskussion trifft einen sensiblen Nerv
 
Interview mit Hans-Jürgen Apel,dem Verkehrsplaner der Stadt Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Beruhigungspille oder erfolgreiche Lobby?

Die Diskussion trifft einen sensiblen Nerv

Von Rainer Lahmann-Lammert (Text)
und Detlef Heese (Fotos)

Man sieht es an den Häusern, man sieht es an den Autos, man sieht es an den Menschen. Der Westerberg ist kein Stadtteil wie jeder andere. Jeder, der in Osnabrück lebt, weiß das. Da trifft es einen sensiblen Nerv, wenn die Stadtplaner diesem Wohngebiet etwas zugestehen, das andere nicht haben. Auch wenn sie es gar nicht haben wollen. Die Stadt erwägt, rund um den Westerberg Schilder aufzustellen: Durchfahrt verboten, Anlieger frei. Zunächst als Versuch mit begleitenden Untersuchungen. Ob das etwas bringt, ist höchst umstritten. Aber schon kommt eine Neid-Diskussion auf, als ginge es um die Senkung des Spitzensteuersatzes.

8800 Menschen leben in dem Wohngebiet, das in Osnabrück als erste Adresse gilt. Natürlich gibt es am Westerberg auch weniger privilegierte Menschen und weniger privilegierte Wohnlagen. Lautstarke Beschwerden kommen seit Jahren von der " heimlichen Westumgehung" Mozartstraße / Lieneschweg / Händelstraße / Gluckstraße / Am Natruper Holz.
Bis zu 11 000 Autos drängen sich an jedem Werktag über diesen Straßenzug. Bis zu 10000 werden an der Caprivistraße und der Albrechtstraße gezählt. Und es werden nicht weniger, sondern mehr. Das zehrt an den Nerven.

Vielleicht wird die Westumgehung eines Tages für Entlastung sorgen. Wenn sie kommt. Vorläufig können die Anwohner der beiden Durchgangsstraßen nicht darauf bauen. Aber sie wissen, wie man sich einbringt und wie man ein Thema am Kochen hält. Am Runden Tisch " Verkehr Westerberg'', den die Stadt vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat, wurden inzwischen verschiedene Vorschläge diskutiert und wieder fallen gelassen.

" Dann schon lieber eine Spielstraße"

Um den gordischen Knoten zu durchschlagen, schaltete die Stadt den Verkehrsplaner Dr. Wolfgang Haller vom Ingenieurbüro Schnüll, Haller und Partner aus Hannover ein. Seine Idee war es, das Problem mit einer Beschilderung zu lösen. " Durchfahrt verboten", das hatten auch schon Anwohner gefordert, allerdings ohne den Zusatz " Anlieger frei".

Hardliner vom Westerberg halten Hallers Empfehlung für eine " Beruhigungspille". Sie argumentieren, mit der Beschilderung werde Aktionismus vorgegaukelt, ohne dass sich etwas ändere. Doch die Meinungen sind geteilt. In anderen Stadtteilen gilt die Idee als das Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit. " Am Westerberg", sagt zum Beispiel der Schinkelaner Heinz Philipp von der Wesereschstraße, " da haben die Leute mehr zu melden". Ein Privileg für " Leute, die Kohle haben", wittert auch Andreas Köhler, ein junger Mann aus Schinkel: " Die wollen keine anderen durch ihre Wohngegend fahren lassen." Er selbst hält nichts von einem Durchfahrtsverbo t - weder am Westerberg, noch vor seiner eigenen Haustür. Dann schon lieber Tempo 30 oder eine Spielstraße.

Viele Autofahrer geben ungeniert zu, dass sie die Beschränkung ignorieren werden. Entweder, weil sie generell gegen Beschränkungen sind oder weil sie nicht einsehen, dass der Kundschaft vom Westerberg eine vermeintliche " Extra wurst" gebraten werden soll.

" Man kann' s ja mal probieren"

" Ich glaube, dass sich niemand dran hält. Ich würde mich auch nicht dran halten", bekennt Anne Löhr, eine junge Dame aus der Neustadt.
Keinen Illusionen geben sich die Betroffenen hin, zum Beispiel die Anwohner der Caprivistraße, denen die Sperrung ja helfen soll: " Vielleicht fahren ja fünf Autos weniger da durch", hofft Martina Horster-Funke, " aber man kann' s ja mal probieren". So sieht es auch Hans-Jürgen Apel, der Verkehrsplaner der Stadt. Er rechnet mit einer Akzeptanz von fünf bis fünfzig Prozent. Und er gibt ganz offen zu, dass er es nicht gewagt hätte, so einen Vorschlag auf den Tisch zu legen.

Zum Vergleich
Verkehrsbelastung von Wohn- und Hauptverkehrsstraßen in Osnabrück: Bremer Straße bis 24 000 Autos pro Tag, Caprivistraße bis 10000, Hansastraße bis 40000, Iburger Straße bis 26000, Lotter Straße 20000, Mozartstraße bis 11 000, Schützenstraße 8500, Weberstraße 10000.

" Gleiches Recht für alle"

Wir haben Passanten zur geplanten Sperrung des Westerberges gefragt, erst an der Lotter Straße und dann - als Kontrastprogramm - an der Schützenstraße in Schinkel. Hier einige der Antworten.

" Viele werden sich nicht daran halten", befürchtet Meike Zöller. Sie wohnt am Westerberg, ist vom Durchgangsverkehr aber weniger betroffen.

" Im Grunde hätte ich gerne, dass allgemein weniger Auto gefahren wird", bekennt Willi Plengemeyer, den der Lärm an der Caprivistraße nervt.

" Vielleicht fahren ja fünf Autos weniger durch", hofft Martina Horster-Funke von der Caprivistraße. Sie pocht auf gleiche Rechte für alle Stadtteile.

" Leute, die Kohle haben", sieht der Schinkelaner Andreas Köhler als Nutznießer der geplanten Verkehrsregelung am Westerberg.

" Ich würde mich nicht dran halten", lautet der Kommentar von Anne Löhr zum Durchfahrtverbot. Die Neustadt-Bewohnerin hält die Regelung für Unsinn.

" Das sollte man überall machen", meint die Schinkelanerin Katharina Temme. Sie ärgert sich: " Hier dürfen sie 30 und sie fahren 80!"

" Das ist nicht durchsetzbar, solange kein Polizist daneben steht", glaubt Peter Reese aus Sutthausen. Außerdem ist er gegen Reglementierungen.

" Ich find' s schwierig, weil der Westerberg diesen Ruf weg hat", meint Antje Barrios-Schüler. Sie ärgert sich über Raser am Lieneschweg.

Interview mit Hans-Jürgen Apel, dem Verkehrsplaner der Stadt Osnabrück

" Das ist kein Privileg für den Westerberg"

Die Verkehrssituation am Westerberg ist für Hans-Jürgen Apel ein Dauerbrenner. Seit Jahren fordern Anwohner der belasteten Straßenzüge wirksame Schritte gegen den Durchgangsverkehr. Jetzt greift Apel den Vorschlag auf, es mit einer Durchfahrtsbeschränkung zu versuchen.

Frage: Wenn die Stadt einen ganzen Stadtteil für den Durchgangsverkehr sperren will, warum dann ausgerechnet den Westerberg?
Antwort: Es hat in den letzten Jahren sehr viele Diskussionen um den Verkehr am Westerberg gegeben. Vor allem um die Frage: Wird die Westumgehung als Entlastungsstraße gebaut oder nicht? In jedem Falle wird das noch Zeit kosten. Deshalb bot es sich an, den Vorschlag des Ingenieurbüros aus Hannover aufzugreifen: Den Bereich Westerberg für den Durchgangsverkehr zu sperren, und zwar als Modellversuch mit begleitenden Untersuchungen, auch zur Verträglichkeit für das angrenzende Straßennetz. Frage: Andere Stadtteile haben vielleicht keine so gute Lobby. Können Sie sich diese Regelung auch für Schinkel oder Eversburg vorstellen? Antwort: Der Modellversuch ist zwar zunächst auf den Westerberg beschränkt. Sollten aber positive Ergebnisse erzielt werden, kann man sich eine solche Maßnahme auch für andere Bereiche vorstellen. Ob die Erwartungen vieler Anwohner überhaupt damit erfüllt werden können, ist allerdings absolut offen.

Frage: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Sie mit Ihrem Vorstoß eine Neid-Diskussion lostreten?
Antwort: Ja, die Gefahr sehe ich. Aber vielleicht hilft Ihre Berichterstattung. Es geht hier nicht um ein Privileg, sondern es handelt sich um einen Versuch, der für alle interessant ist.

Frage: Haben Sie schon Dankschreiben vom Westerberg bekommen?
Antwort: Dankschreiben nicht, aber die Mitglieder des Arbeitskreises freuen sich, dass ein solcher Versuch unternommen werden soll , sofern der Stadtentwicklungsausschuss nach weiteren Diskussionen einen Beschluss fasst.

Frage: Können Sie das Argument entkräften, die ganze Aktion sei nur eine Beruhigungspille für die Anwohner? Antwort: Nicht ganz. Denn es ist durchaus möglich, dass sich zu wenige Autofahrer an das Verbot halten, zumal ausgedehnte Kontrollen der Polizei nicht zu erwarten sind. (rll)

SKEPTSISCH, aber offen für einen Versuch: Verkehrsplaner Hans-Jürgen Apel.

DURCHFAHRT VERBOTEN, ANLIEGER FREI: Im Wohngebiet Westerberg leben 8800 Menschen.

Ein Anliegen

Durchfahrt verboten, Anlieger frei. So ein amtliches Verkehrsschild mag einigen Menschen ja Respekt einflößen, bei anderen beflügelt es die Phantasie. Jeder Mensch hat ein Anliegen, vielleicht auch am Westerberg. Der eine will vielleicht den Kollegen in der Schoellerstraße besuchen, der andere möchte sich mal die schönen Häuser an der Bismarckstraße anschauen. Das ist erlaubt, kann Till beruhigen, allerdings gilt es nicht als Anliegen, wenn jemand eine Abkürzung durchs Wohngebiet nimmt, nur um schneller ans Ziel zu kommen. Doch wer will das kontrollieren? Die Polizei ist ratlos, Till ist es auch. Hauptsache, es kommt nicht jemand auf die Idee und schreibt auf die Schilden " Anlieger verboten".

Bismontag
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert, Till


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