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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Elektrisch ist Gegenteil von provinziell
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Vor 100 Jahren floss der erste Strom
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Das E-Werk an der Liebigstraße

Elektrisch ist das Gegenteil von provinziell

Vor 100 Jahren floss der erste Strom

Von Rolf Spilker

Mit 3 352 Glühlampen startete Osnabrück heute vor 100 Jahren in das elektrische Zeitalter. Insgesamt 92 Privatpersonen und Unternehmen gingen am 1. September 1901 ans Netz. Das besaß seinerzeit noch keine nennenswerte Ausdehnung und lieferte nahezu ausschließlich Lichtstrom.

Ganze 24, 5 Kilowatt der Gesamtleistung - so viel schlucken 25 leistungsfähige Staubsauger - entfielen auf Kunden, die den Strom für elektromotorische Antriebe benötigten. Auch die Gruppe derjenigen, die sich für ihre elektrische Beleuchtung der außerordentlich hell brennenden Kohlebogenlampen bedienten, war nicht sonderlich groß. Dazu gehörte beispielsweise das Kaufhaus Carl Schäffer, das diese Technik zur Illuminierung seiner Schaufenster nutzte

Überhaupt waren es vor allem Kaufhäuser, Ladenlokale, Cafes und Hotels, die zu den Kunden der ersten Stunde zählten und mit dem Lichterglanz eine Attraktion für das Publikum schaffen wollten, " Licht lockt Leute", hieß es, und wie das Beispiel der großen Städte zeigte, bewahrheitete sich dieser Slogan.

Für Städte wie Berlin. München oder Stuttgart avancierte die elektrische Beleuchtung mitsamt der Straßenbahn (der " Elektrischen") zum Signum der modernen Stadt; wer um die Jahrhundertwende über beides nicht verfügte, galt schnell als provinziell. Trotz mitunter heftig geführter Debatten entschlossen sich mit der Zeit immer mehr Kommunen für den Bau eines Elektrizitätswerkes, Planungen für die Anlage einer elektrischen Straßenbahn gaben hierfür oftmals den Ausschlag.

Nicht anders war es in Osnabrück, als sich 1895 - der Zentralbahnhof war gerade in Betrieb genommen worden - die städtischen Kollegien mit dem Thema beschäftigten. Es sollte allerdings noch vier Jahre dauern, bis sich Entscheidendes auf der Sitzung der städtischen Bau-Kommission am 20. Juli 1899 tat. Den Ausschlag gab dabei indes nicht die Straßenbahn. Vielmehr waren es die inzwischen auch in Osnabrück eingerichteten Blockstationen, kleine, in der Regel privat betriebene Kraftwerke, die mit einer kleinen Dampfmaschine oder einem Gasmotor Strom erzeugten, der über den Eigenbedarf hinaus auch an Betriebe oder Wohnungen abgegeben wurde.

In der Stadt liefen 1899 bereits zwei solcher Blockstationen, zwei weitere waren geplant, so dass einige Kommunalpolitiker, an der Spitze Syndikus Rißmüller und Oberbürgermeister Westerkamp, das städtische Beleuchtungsmonopol gefährdet sahen. Hinzu kam, dass die nur mit einer begrenzten Reichweite operierenden Blockstationen als Quellen unliebsamer Emissionen in der Innenstadt nicht gern gesehen wurden.

Einigung war schnell darüber erreicht, " Private" mit elektrischem Strom zu versorgen, den ein städtisches Elektrizitätswerk produzierte. Die Straßenbeleuchtung - 1900 bestehend aus 1 020 Lampen - sollte weiterhin mit Gas aus dem städtischen Gaswerk erfolgen. Den Bau der Straßenbahn stellte der Magistrat zurück; bei der nun einsetzenden Planung wurde die Kapazität des Elektrizitätswerkes allerdings so ausgelegt, dass deren spätere Versorgung mit Strom gewährleistet war.

" Licht lockt Leute" lautet eine alte Kaufmannsweisheit

Nun ging es rasch: Mit der Erstellung eines Gutachtens für den Bau des E-Werkes beauftragte die Stadt Gisbert Kapp, den Generalsekretär des " Verbandes Deutscher Elektrotechniker". In dem Bericht der von der Stadt engagierten Auskunftei Schimmelpfennig heißt es: " Kapp, der gleichzeitig Privatdozent an der Technischen Hochschule In Charlottenburg ist, hat sich mit verschiedenen Werken über Elektrotechnik in der wissenschaftlichen Welt einen guten Namen gemacht."

Um zu erfahren. Inwieweit die Osnabrücker Bürgerschaft an elektrischer Energie interessiert sei, ließ der Magistrat sämtlichen Osnabrücker Privathaushalten und Unternehmen einen Fragebogen zukommen. Einen beiglegten Informationsblatt konnte der potenzielle Kunde unter anderem Tarife und Angaben zu Verwendungsmöglichkeit des elektrischen Stroms entnehmen. Dem Magistrat war insbesondere daran gelegen, die Nutzung der Elektrizität für motorische Zwecke" voranzutreiben, die um 1900 noch in den Kinderschuhen steckte. Der in diesen Jahren als " Retter des Handwerks" propagierte Elektromotor, das zeigten die Anmeldungen, setzte sich in der Stadt indes nur langsam durch. Erst später entwicklte sich der Kraftstrombedarf zum Wachstumsträger auf diesem Energiesektor.

Den Vorschlägen des Gutachters folgend, wählte die Stadt zur Errichtung des E-Werkes ein Grundstück an der Liebigstraße, gelegen direkt neben dem städtischen Gaswerk. Ausgeführt wurde eine

War das stadtische Beleuchtungsmonopol nicht mehr sicher?

Gleichstrom-Anlage mit zwei Dampfdynamos, die insgesamt eine Leistung von 240 Kilowatt brachten. Hinzu kam eine Akkumulatoranlage, die bei einer 7- bzw 10-stündlichen Entladung im Stande ist, 3 Stunden lang 2 850 Lampen oder 10 Stunden lang 1150 Lampen zu speisen". wie es damals hieß. Den Auftrag für den Bau der Anlage erhielt die AEG in Berlin, die Stadt selbst übernahm die Errichtung der Bauwerke.

Bei der 1901 fertig gestellten Elektrischen Zentrale handelte es sich um eine Anlage, deren technischer Standards auf der Höhe der Zeit war. Die bauliche Hülle, die die Symbole der zweiten industriellen Revolution - " Dampfdynamos" und " Motor-Generatoren" - umgab, stand zu der modernen Technik in keinerlei Beziehung. Im Gegenteil. Die Stadt dokumentierte ihren bedeutenden Schritt in das 20 Jahrhundert unter Rückgriff auf längst vergangener Werte

Neben Renaissancemotiven prägten Elemente der norddeutschen Backsteingotik des 14. Jahrhunderts den Bau. Herbeizitiert wurde die " erste Bürgerzeit" In der deutschen Geschichte, die mit ihren prächtigen Rathäusern, Stadttoren und Mauertürmen die Unabhängigkeit und den Stolz der Bürgerschaft so überzeugend zum Ausdruck gebracht hatte.

Wie die weitere Entwicklung der an die AEG verpachteten Anlage zeigte, nahm der Stromverbrauch nach anfänglichen Schwierigkeiten stetig zu. Noch bevor die Stadt die Elektrische Zentrale 1905 in Eigenregie übernahm, wurde die Anlage um 330 Kilowatt zusätzliche Leistung erweitert. 1907 installierte man dort eine neue 500-Kilowatt-Turbine. Ein Jahr zuvor hatte die Stadt ihre Straßenbahn In Betrieb genommen, und die Osnabrücker Zeitung kommentierte: "(...) ohne die Straßenbahn, ohne die prompte und billige Verkehrsvermittlung ist die normale Entwicklung modernen Städtelebens einfach gar nicht mehr denkbar"

Das ist doch einleuchtend

Till gehört zu den Menschen, die ihre Stadtwerke-Rechnung nur mit Mühe verstehen. Strom, Gas und Wasser, Kilowattstunden und Kubikmeter, und dann noch verschiedene Tarifgruppen - da kommt man leicht durcheinander. Am Ende ist nur noch eine Zahl wichtig: Was kostet der Spaß? Nun hat Till einen Blick auf den Stromtarif von 1901 geworfen und festgestellt, dass die Probleme im Grunde die gleichen geblieben sind. Da finden sich zwar gut gemeinte Berechnungsbeispiele, aber an denen werden sich die Stromkunden der Jahrhundertwende sicher auch schon die Zähne ausgebissen haben. Immerhin findet sich eine Erklärung, wie der Strom abgerechnet wird, und die klingt einleuchtend: " Der Preis für die Kilowattstunde richtet sich nach der Anzahl Stunden im Jahre, während welcher die angeschlossenen Lampen brennen oder die angeschlossenen Motoren in Betrieb sind." Schwieriger liest sich der zweite Satz: Je länger diese Zeit ist, desto geringer ist der Strompreis pro Kilowattstunde. Das heißt also, wer viel Strom verbraucht, bekommt Mengenrabatt. Heute ist das nicht anders. Sicher auch ein Grund, weshalb vielen Kunden mehr oder weniger gleichgültig ist, wie viel sie verbrauchen. Aber es ginge auch anders Die Stadtwerke konnten ja zum Beispiel schreiben: " Sehr geehrter Herr T., Sie haben im abgelaufenen Jahr 2640 kWh Strom verbraucht. Das ist drei Prozent mehr als im Vorjahr." Das würde sogar Till verstehen.

Bismontag

DIE BAULICHE HÜLLE stand zu der modernen Technik In keinerlei Beziehung: Gestalterisch war das Osnabrücker Elektrizitätswerk an der Liebigstraße ein Rückgriff auf längst vergangene Werte. Das Gebäude steht heute noch, die Schornsteine natürlich nicht mehr.

BOGENLAMPEN schmückten vor 100 Jahren die Kaufhäuser.

ZU DEN ERSTEN KUNDEN des Elektrizitätswerks gehörte das Osnabrücker Kaufhaus Carl Schäffer, das die neue Technik zur Illuminierung seiner Schaufenster nutzte.

DAMALS MODERNSTE TECHNIK: Das Osnabrücker Elektrizitätswerk hatte anfangs zwei Dampfdynamos mit zusammen 240 Kilowatt Leistung.
Autor:
Rolf Spilker


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