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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Kinderlachen, wo einst Knobelbecher knarrten
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General-Martini-Kaserne von Zivilisten erobert
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Originaltext:
Kinderlachen, wo einst Knobelbecher knarrten

General-Martini-Kaserne von Zivilisten erobert - Bundesvermögensamt brachte knapp 27 Hektar unter die Leute

Von Michael Schwager (Text) und Jöm Martens (Fotos)

" Wissen Sie, wo die Mercator-Straße ist", fragt der Fahrer eines dunklen Kombi mit Gütersloher Kennzeichen. Er hat die Einfahrt verpasst, ist inzwischen schon am Bergerskamp, aber ein Hinweis genügt: " Am Kasernentor links herein." Die Einfahrt versprüht noch fast zehn Jahre nach dem Abzug des Fernmeldereglments 11 etwas vom militärischen Charme eines Wachgebäudes. Obwohl sich in dem kleinen Flachbau schon seit ein paar Jahren ein Versicherungsbüro niedergelassen hat.

Seit etwa sechs Jahren tut sich etwas in der General-Martini-Kaserne hinter dem Zaun und den schweren Stahlgittertoren an den beiden Haupteinfahrten. Wo einst Rekruten beim Zirkeltraining keuchten, quietschen heute Kinder beim Eltern-Kind-Turnen. Wo früher scharf geschossen wurde, wird heute hart verhandelt. Wo Panzer repariert wurden, werden Krankenwagen gewartet.

Zu den ersten zivilen Nutzern gehörten Behörden wie das Katasteramt oder das Gewerbeaufsichtsamt. Am ehesten vergleichbar mit der früheren Verwendung der Kasernenblocks ist die Nutzung durch die Bereitschaftspolizeil. Der

Das Dreifache des Kaufpreises

Bund als Eigentümer hatte ein Vorkaufsrecht für staatliche Einrichtungen. Aber allein an staatliche Dienststellen konnte das für den Verkauf zuständige Bundesvermögensamt die knapp 27 Hektar Kasernengelände nicht loswerden. Für Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und den Malteser-Hilfsdienst boten die Hallen und Mannschaftsgebäude ebenfalls bessere Voraussetzungen als die alten Standorte. Fritz Broxtermann, Hallenmeister des DRK Osnabrück Stadt: . Wir haben hier viel mehr Platz und viel bessere Voraussetzungen als an unserem alten Standort an der Pagenstecherstraße."

Zum Jahresbeginn 2002 ist der Bund die Kaserne komplett losgeworden. Die letzten Flächen nahm die Niedersächsische Landgesellschaft ab, die im Südwesten des Areals auf 21 Grundstücken Wohnhäuser errichten will. Etwas mehr als zehn Millionen Euro, so Dieter Jahn von der Osnabrücker Ortsverwaltung des Bundesvermögensamtes, habe der Verkauf der Kaserne für die Staatskasse gebracht.

Die Käufer einzelner Gebäude kamen so relativ günstig an die Immobilien heran. . Ein Schnäppchen war' s trotzdem nicht", findet Joachim Kellert. Er wohnt in einem ehemaligen Bürohaus der Standortverwaltung. Eine Eigentümergemeinschaft hat den etwa 50 Meter langen, zweigeschossigen Block 1996 gekauft und in sechs Eigentumswohnungen zerlegt. Die Leitungen für Gas, Wasser und Strom mussten komplett neu Installiert werden. Zum Teil haben die neuen Nutzer Wände versetzt, neue Eingänge in Außenwände gebrochen oder Holzbalkone und Wintergärten vorgebaut. Am Ende hatte Familie Kellert etwa das Dreifache des Kaufpreises auf der Endabrechnung. Aber dafür können sie jetzt vom Balkon über die ganze Weststadt blicken und mit dem Neffen auf dem breiten und unendlichen langen Flur Boccia spielen - eine ungewöhnliche Wohnung.

Für Neubau hat sich Familie Gels entschieden. Werner und Christa Gels gehörten mit ihren beiden Kindern zu den ersten, die in die Siedlung des Stephanswerkes zogen. Die Kirchliche Wohnungsbaugesellschart errichtet zusammen mit der Osnabrücker Gemeinde St. Johann rund 100 Einfamilienhäuser. Vor allem " Schwellenhaushalte", Familien die gerade so viel verdienen, dass die eigenen vier Wände erschwinglich werden, sollen hier ihren Traum vom Häuschen verwirklichen können.

Zuerst hakte das Projekt ein bisschen, weil ein Teil der

" Es ist hier wie auf dem Dorf"

Grundstücke zu ermäßigten Preisen nur an besonder förderungswürdige Familien weiterverkauft werden durften. Inzwischen hat das Stephanswerk eine Regelung mit dem Bund gefunden worden, dass die günstigen Flächen auch an einen größeren Interessentenkreis verkauft werden können. Familie Gels freut sich schon auf weitere Nachbarn. Die Entscheidung, in der alten Kaserne zu bauen, hat sie bisher nicht bereut. " Es ist hier ein bisschen wie auf dem Dorf", findet Christa Gels. Sie wohnten noch gar nicht lange in ihrem neuen Haus, da wurde sie von Menschen auf der Straße gegrüßt, die sie gar nicht kannte. Das war ihr in den elf Jahren, in denen sie in der Innenstadt gewohnt hatte, nicht passiert. Und Joachim Gels lobt den Bauträger. Obwohl das Stephanswerk sein Geld schon komplett bekommen hat, finde er immer offene Ohren, wenn er mit Problemen kommt. Zum Beispiel, wenn Grünflächen der Stadt hinter seinem Grundstück brach liegen. Hier wird der Bauträger kurzfristig in Vorleistung treten und die Flächen begrünen.

Versicherungskaufmann Herwig Gußmann kann auch naturbelassenem Grün etwas abgewinnen. Er begann 1997 mit dem ersten zivilen Neubau in der Kaserne. Hier war einmal der Schießstand. Der Abriss der 3, 70 Meter tiefen Fundamente des Kugelfangs war etwas mühsam und teuer.

Auf einem Teil des knapp 7 000 Quadratmeter großen Grundstücks sprießen noch Gräser und Wiesenblumen, die zwei Mal im Jahr gemäht werden. Ich glaube, hier lebt die einzige Hasenpopulation in der Nähe der Innenstadt. Natürliche und rationales Kalkül schließen sich bei Gußmann allerdings nicht aus. Sein Bürogebäude, das zum Teil an ein Planungsbüro vermietet ist, wurde von innen heraus konstruiert. Maß aller Dinge war die EG-Richtlinie für Computerarbeitsplätze. Daraus ergab sich die Bürogröße und daraus wiederum die Gebäudegröße. Ergebnis: Ein Nutzbau, der durch schlichte Schönheit glänzt und sich anpasst.

Auf die vorhandene Bausubstanz setzten Oliver Parpoli-Barawati, Peter von dem Berge und Michael Gertje bei ihrem Kontor-Gebäude. Das hat sich sehr bewährt", urteilt Parpoli-Baiawati heute. Das Haus an der Mercatorstraße ist komplett vormietet und wird von einer Umweltberatungsfirma, einem Softwareentwickler und einem Arzneimittelgroßhandel genutzt. Die gute Autobahnanbindung wird von den Mietern als Vorteil gesehen. Und die Substanz des dreigeschossigen Bauwerks sei so gut gewesen, dass man mit wenigen Kunstgriffen ein ansehnliches Gebäude schaffen konnte: zum Beispiel Komplettverglasung des Treppenhauses, Veränderung einiger Fenster. Rund 1, 3 Millionen Euro steckten die Investoren in den Bau.

Direkt nebenan haben sich die Sportler von Raspo niedergelassen. Sie haben 1996 die alte Turnhalle und den Sportplatz gekauft. Inzwischen haben sie angebaut, eine Gymnastikhalle und ein Fitnessstudio geschaffen. Anfangs hatten die Mitglieder etwas Angst vor dem finanziellen Risiko gehabt, erinnert sich Raspo-Geschäftsführer Detlef Krone. In zwischen sei der erste Kredit abgezahlt, und der Verein habe für die Erweiterung erneut rund 650 000 Millionen Euro investiert.

Diese Investitionen haben sich für Raspo gerechnet: 1992 standen 600 Aktive in den Mitgliederlisten, heute sind es etwa 1500, dank zusätzlicher Angebote wie Eltern-Kind-Turnen, Fitnessstudio und gesellschaftlicher Aktivitäten wie Osterfeuer und Berggrillrest.

Wo eine Kirche ist, ist auch eine Kneipe

Wo viele Menschen sind, fehlt auch die Kirche nicht. Die Evangelische Familienbildungsstätte erfüllt das ehemalige Lehrsaalgebäude mit einem vielfältigen Kursangebot mit neuem Leben. Und gleich zwei neue Gotteshäuser gibt es auf dem alten Mllltärgelände: Die Andreas-Gemeinde in der alten Standortverwaltung und das Christus-Centrum. Das entwickelte sich aus der Mannschaftskantine. Das Gebäude ist ebenso gut geeignet für die Gottesdienste der Gemeinde wie für deren Sozialwerk: In dem Gebäude wurden zehn Seniorenwohnungen eingerichtet.

Wo eine Kirche ist, darf die Kneipe nicht fehlen: Das ehemalige Unterofftziersheim der Kaserne gehörte zu den ersten Gebäuden, die von Zivilisten erobert wurden. Hier entstand das griechische Restaurant " Aphrodite". Die Geschäfte von Wirt Joannis Tsakalos, der das Restaurant von seinen Eltern Georgios und Maria übernommen hat, laufen gut. Zur Stammkundschaft gehören einige alte Kameraden aus Bundeswehrzeiten.

" Geschenk der Geschichte"

Das Ende des Kalten Krieges machte es möglich: Die Bundeswehr wurde kleiner, und Kasernen wurden frei. Zunächst reagierten die Betroffenen ängstlich auf die bevorstehenden Schließungen.

Welche Folgen würde der Abzug für die Soldaten und ihre Familien haben, für die regionale Wirtschaft und die Infrastrukur? Bei den Verantwortlichen in den Standorten lagen die Nerven oft blank, weil der Bund über seine Pläne nur zögerlich informierte. In Osnabrück haute Oberstadtdirektor Dierk Meyer-Pries noch 1991 auf den Putz und kritisierte die Informationspolitik des Bundes: In der Frage des Truppenabzuges kann es keine Geheimdiplomatie geben." Gut zehn Jahre später ist man im Stadthaus zufrieden mit der Entwicklung. Für Stadtbaurat Jörg Ellinghaus sind die geräumten Kasernen eine " Riesenchance für die Entwicklung der Stadt". Wer sich in den ehemaligen Kasernen umschaut, auch in der Caprivi- oder der Von-Stein-Kaseme, muss den Eindruck bestätigen. Unter den neuen Nutzern findet man so leicht niemanden, der die Entscheidung bereut sich auf ehemaligem Militärgelände angesiedelt zu haben. Für Ellinghaus steht fest: Die alten Kasernen sind für Osnabrück ein " Geschenk der Geschichte".

Bisübermorgen

AUS EINEM SCHIESSSTAND machte Herwig Gußmann ein nagelneues Bürohaus.

DIE CHEFS der " Aphrodite" Joannis und Georgios Tsakalos.

BREITE FLURE brauchten die Militärs in ihren Gebäuden. Wer so etwas wie Joachim Kellert in seiner Wohnung hat, kann dort Boccia spielen.

IN DER ALTEN KOMMISS-TURNHALLE turnen jetzt Eltern mit ihren Kindern. Der SV Rasensport expandierte dank der neuen Möglichkeiten an der Mercatorstraße.

DIE KIRCHE gehört ins Dorf: Das Christus-Centrum mitten in der Kaserne war einmal die Mannschaftskantine (Foto). Die Andreasgemeinde hat ein Gebäude der Standortverwaltung zur Kirche umfunktioniert.

MIT WENIGEN KUNSTGRIFFEN wurde aus einem Kasernenblock ein ansehnliches Bürogebäue.
Autor:
Michael Schwager, Till


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