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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Bei jedem Kurzschluss weiß der Computer: Jetzt regnet es
 
In Pflanzen ist das Wetter gespeichert
 
Mensch und Maschine
Zwischenüberschrift:
Alles automatisch - Der letzte Wetterfrosch hat den Ziegenbrink verlassen
 
Helene Feldkamp und die Phänologie der Wetterfrösche
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wie der Wetterbericht entsteht: Wir besuchen die unbemannte Wetterstation und gehen mit einer Phänologin spazieren

Bei jedem Kurzschluss weiß der Computer: Jetzt regnet es

Alles automatisch - Der letzte Wetterfrosch hat den Ziegenbrink verlassen

Von Michael Schwager und Jörn Martens (Fotos)

Bei der Wetterstation am Ziegenbrink funktioniert Inzwischen fast alles automatisch. Wie viel es regnet, wann es regnet, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windstärke und - richtung, Wolkenhöhe, Sichtweite, Sonneneinstrahlung - alle Klimawerte messen Automaten. Nicht einmal um die " gefühlte Temperatur" festzustellen, werden die menschlichen Sinne noch benötigt.

Nach dem so genannten " Klima-Michel"- Modell errechnen Meteorologen diesen Wert aus Temperatur, Windgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung. In der Formel ist sogar bedacht, dass der Mensch für gewöhnlich seine Kleidung dem Wetter anpasst. Für die Berechnung der " gefühlten Temperatur" hält niemand mehr auf dem Ziegenbrink die Nase in den Wind und fühlt die Temperatur. Augustin Winterberg, der letzte berufsmäßige Wetterfrosch auf der Osnabrücker Wetterwarte, verließ seinen Posten zum Jahreswechsel und arbeitet jetzt in Lingen in einer noch bemannten Station.

Am Ziegenbrink misst Jetzt ein elektronischer Fühler, wie viel Grad die Luft und der Boden haben. Stündlich werden die Temperaturen per Computer zum Deutschen Wetterdienst (DWD) nach Frankfurt übermittelt. Ein einfacher Vorgang, aber um zum Beispiel die Regenmenge ferngesteuert zu messen, mussten sich die Techniker etwas einfallen lassen. Bei einer bemannten Wetterstation reicht ein Messbehälter, in den der Regen hineintropft. Bei einer fernüberwachten Station werden stattdessen die Regentropfen gezählt. Das Gerät ist so konstruiert, dass der Regentropfen immer die gleiche Größe erreicht, bevor er durch den Zähler tropft. Pro Tropfen summiert der Automat 0, 1 Millimeter Niederschlag.

Aber wann es regnet, kann auf diese Weise nicht festgestellt werden. Dazu ersannen die Messtüftler einen anderen speziellen Automaten: Auf einem gut fünf Zentimeter hohen Kegel ordneten sie im Kreis übereinander hauchdünne Drähte an, die unter elektrischer Spannung stehen.

Die Technik

Wenn ein Regentropfen auf den Kegel fällt, gibt es eine Art Kurzschluss zwischen den Drähten, der als elektrisches Signal gemessen und übermittelt werden kann. Bei jedem Kurzschluss erkennt der Computer: Jetzt regnet es.

Was das Elektronengehirn allerdings auf diese Weise nicht kann: Vogeldreck von Regen unterscheiden. Denn einen Kurzen gibt' s auch, wenn ein Piepmatz auf das Gerät macht oder eine Spinne darüber krabbelt. Um solche und andere Störungen zu beseitigen, kümmert sich Jetzt Wilfried Schrader ehrenamtlich um die Wetterstation auf dem Ziegenbrink. Das mit dem Vogeldreck komme eigentlich so gut wie nie vor, berichtet der 39-jährige Hobby-Meteorologe. Dafür muss er aber öfter mal anrücken, weil der Computer, bei dem sämtliche Messwerte auflaufen, verrückt spielt.

Schrader hält die Wetterfahne des DWD in Osnabrück hoch und liefert ergänzende Informationen nach Hamburg, die durch Automaten nicht zu beschaffen sind: Die elektronischen Regenmesser zum Beispiel können auch nicht unterscheiden, ob der Niederschlag als gewöhnlicher Regen fällt, als Schnee, Graupel oder Hagel. Hier bleibt den Wetterbeobachtern bisher nur das menschliche Auge als Messinstrument. Automatisch können dagegen Wolkenhöhe und prozentuale Abdeckung des Himmels mit Wolken gemessen werden. Früher kletterte Augustin Winterberg auf die Aussichtsplattform und suchte nach markanten Punkten in der Gegend: Wenn er das Kraftwerk Ibbenbüren erspähen konnte, betrug die Sicht mindestens 22 Kilometer, und wenn nicht mal der Lutherkirchturm zu sehen war, lag sie unter 700 Meter. Auf einer Planskizze hatten die Meteorologen ihre Sichtmarken und deren Entfernung eingetragen.

Die neuen Geräte senden alle vier Sekunden Lichtblitze aus, die an den Wasserteilchen in der Luft reflektiert werden. Je niedriger die Wolke oder je diesiger die Luft, umso schneller kommt der Lichtblitz wieder zurück. Aus der Dauer, die der Lichtblitz für Hin- und Rückweg braucht, lassen sich Wolkenhöhe oder Diesigkeit errechnen. Allerdings: Ab zehn Kilometer Sicht werden die Abweichungen der Hightech-Geräte so groß, dass die Werte nicht mehr für die Statistik taugen.

Die Technik für die Fernüberwachugen des Wetters ist zum Teil hoch kompliziert. Ob sie immer störungsfrei und 100-prozentig funktioniert und die menschliche Beobachtung vollwertig ersetzt? Der DWD arbeitet da nach dem Prinzip " Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Wllfried Schrader liest nach wie vor einmal pro Woche Temperatur, Niederschlag, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit nach alter Väter Sitte von den herkömmlichen Messinstrumenten ab. Seine Werte werden dann in Hamburg mit den automatisch gemessenen Daten verglichen. Außerdem erledigt er noch einen wichtigen Job, für den es bisher keine ferngesteuerte Ersatzlösung gibt: Von Frühjahr bis Herbst maht er rund um die Wetterwarte den Rasen.

DAS ELEKTRONISCHE AUGE misst Wolkenhöhe und Sichtweite. Das Gerät schickt alle vier Sekunden einen Lichtblitz, der von der Luft reflektiert wird.

WILFRIED SCHRADER schaut auf der Wetterstation nach dem Rechten. Hier prüft er die automatische Regenmessanlage.

FRÜHER schauten die Wetterfrösche aus dem Fenster, um die Sichtweite zu prüfen und lasen die Entfernung von dieser Skizze ab. Der Mittelpunkt ist der Ziegenbrink.

In den Pflanzen ist das Wetter gespeichert

Helene Feldkamp und die Phänologie der Wetterfrösche

Von Wilfried Hinrichs und Gert Westdörp (Fotos)

In den Pflanzen ist das Wetter gespeichert - und Helene Feldkamp sieht es den Pflanzen an. Seit 25 Jahren führt die Lehrerin aus Pye Tagebuch für den Deutschen Wetterdienst: Wann blüht die Kornelkirsche, wann sprießt der Huflattich, wann flattert der erste Zitronenfalter?

Das gelbe Heft und ein kurzer Bleistift in die Tasche, Jagdhund Gordon an die Leine - los geht' s mit dem Fahrrad: Bei Wind und Wetter fährt die 60-jährige ihre ein-einhalbstündigen Touren durch Pye und Lechtingen ab. Die Route wechselt je nach Jahreszeit. Wichtig ist, dass sie immer dieselben Bäume und

Der Mensch

Ecken im Blick hat, damit die Daten über Jahre und Jahrzehnte vergleichbar sind.

Denn die Phänologie - so heißt die Pfanzenbeobachtung bei den Meteorologen - ist eine Sache, die Zeit braucht. Übers ganze Jahr sammelt Helene Feldkamp die Daten in ihrem Taschenbuch. Im Dezember überträgt sie ihre Beobachtungen in einen Meldebogen, den sie an den Deutschen Wetterdienst nach Offenbach schickt.

Die Daten werden unter anderem vom Wetterdienst in Schleswig ausgewertet, der für die Landwirtschaft in ganz Norddeutschland in Werterdingen berät. Wenn der Huflattich sprießt, kann der Bauer mit dem Ausfahren der Gülle beginnen. Und dass von Heuschnupfen Geplagte dankbar sind für jede Nachricht über den Blütenstand der Bäume, versteht sich von selbst. Forschungsinstitute ziehen die Beobachtungen heran, um langfristige Kilmaveränderungen nachzuweisen. Es geht aber auch schneller, und zwar mit den 400 " Sofortmeldern". Die beobachten zum Beispiel die Obstbäume im Alten Land und geben sofort Signal, wenn sich die Knospen öffnen. Dann können die Busunternehmen die Touristen ankarren.

Helene Feldkamp ist die Station 035371530, Lage 90 Meter über N.N. (Normal-null). Wenn die Natur erwacht, ist sie besonders gefragt. Am 2. Februar dieses Jahres registrierte sie den ersten Zitronenfalter. " Sehr früh", wie sie findet. Es waren die Tage, als plötzlich der Frühling mit 13, 14 Grad über Osnabrück kam und die Eiscafes öffneten. Überhaupt: " In diesem Jahr ist alles ein bisschen früher." Einzige Ausnahme: Die Birke hätte wegen des relativ warmen Februars schon weiter sein müssen. Die Experten rätseln.

2 000 ehrenamtliche Pflanzenbeobachter bilden das Grundnetz der Phänologie in Deutschland - alles Naturliebhaber und Enthusiasten wie Helene Feldkamp. Ihr Vater, der frühere Pyer Grundschulrektor Kurt Jünemann, hat sie auf diese Fährte gesetzt. Mit ihm war sie schon als Junges Mädchen viel in der Natur unterwegs, lernte die Gewächse zu unterscheiden und Wetterphänomene zu deuten.

Wenn es um heimische Pflanzen geht, macht ihr so schnell keiner was vor. Weil sie eigentlich Apothekerin werden wollte, begann sie, alle Gewächse, derer sie habhaft wurde, zu pressen, zu trocknen und zu archivieren. Über 600 Präparate hütet sie in zwei dicken Sammelordnern, alle Objekte säuberlich von Mädchenhand beschriftet. Die meisten Präparate stammen aus einer Zeit, als es noch keinen Tesafilm gab. Fixiert sind sie mit Papierstreifchen.

Von den Bauerregeln hält die Grundschullehrerin sehr viel. Auch die Altvorderen hatten nichts weiter getan, als die Natur zu beobachten. Manchmal kommt es vor, dass sie im Frühling durch die Gegend radelt und ganz sicher weiß: " Wir brauchen diesmal nicht weit wegfahren im Urlaub. Wir können zu Hause bleiben." Und dieses Jahr? Noch sagen die Blumen und Bäume dazu nichts.

MIT AUGENMASS: Helene Feldkamp behält die Schlehe an der Pyer Grundschule im Auftrag des Deutschen Wetterdienstes genau im Blick.

600 PFLANZEN hat die Grundschullehrerin in ihrer Jugend für ihre Sammlung präpariert. Sie kennt sich aus.

EINTRAG INS GELBE BUCH: Helene Feldkamp stellt fest, wann die Kornelkirsche blüht. Die Daten trägt sie ins Taschenbuch ein.

Mensch und Maschine

Till hatte den Weggang des letzten hauptamtlichen Wetterfroschs vom Ziegenbrink eigentlich sehr bedauert. Schon deshalb, weil er nun auf den Fachmann vor Ort verzichten muss. Immer wieder konnte er ihn zu Rate ziehen, wenn er wissen wollte, ob der Frühlingseinbruch wirklich zu früh, zu spät oder genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen war. Das ist nun vorbei, und zum Teil hochkomplizierte Technik ersetzt in der Wetterstation den Menschen. Selbst die " gefühlte Temperatur" wird ohne menschliches Zutun ermittelt. Allerdings: Auch die ausgeklügeltsten Apparate können die Sinneswahrnehmung nicht ersetzen. Insofern wirkte der Besuch auf der unbemannten Station wieder beruhigend. Und der Rundgang mit der Pflanzen-Wetter-Kundlerin Helene Feldkampüberzeugte Till noch viel mehr: Die Technik kann viel, aber nicht alles. Auch die Naturwissenschaften kommen ohne Augenmaß und Erfahrung des Menschen nicht aus. Und außerdem: Wer sollte sich denn übers Wetter beklagen, der Computer etwa?

Bisübermorgen
Autor:
Michael Schwager, Wilfried Hinrichs, Till


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