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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Auch korpulente Herren elegant herausgeputzt
Zwischenüberschrift:
März 1902: Drei Autofahrer aus Paris erregten Aufsehen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Von Christiana Keller

Am Samstag, dem 1. März vor 100 Jahren, fand am Nikolaiort eine große Eröffnung statt. Dort, wo nun " das größte Special-Geschäft am Platze", die Firma Hettlage und Lampe, das " geschätzte Publikum" zur Besichtigung einlud, hatte sich davor lange das alteingesessene Haushaltswarengeschäft Trepper befunden. " Fertige" Herren-und Knabenkleidung und " hochelegante Anfertigung nach Maass" versprach das Unternehmen, auch für " sehr korpulente, kurz gedrungene und sehr schlanke Herren". Eine weitere Besonderheit im Service: " Bei jedem Anzug, jeder Hose, jedem Knaben-Anzug werden gratis große Flickstücke beigegeben."

Aufsehen erregten drei französische Automobilfahrer aus dem fernen Paris, die durch das Johannistor in die Stadt einfuhren. Sie hielten in der Großen Straße bei Mechaniker Vatthauer an, ließen dort etwas richten und wurden später in ein Hotel begleitet. Ungewöhnlich, so berichtete die Zeitung, waren auch die Reisemäntel der Franzosen, es handelte sich um langhaarige Pelze, die bis zum Boden reichten. Der Wagen war, " in Folge der aufgeweichten Chausseen", über und über beschmutzt. Schnell sprach sich die Sensation in Osnabrück herum, und die Fremden fanden sich von Neugierigen umlagert.

Endlich war sie da: die lang erwartete " Städtische Lesehalle". Bürgermeister Rißmüller übergab die segensreiche Einrichtung in der Hakenstraße am 4. März ihrer Bestimmung. Rißmüller sprach von einem " Institut für das Bildungsbedürfnis aller Berufskreise, ohne Ansehen von Stand und Rang, Religion und Politik". Die Benutzung war für alle Leser und Leserinnen ab 15 Jahren gratis und die Leihprozedur so einfach wie möglich gehalten. Ohne Kaution und Bürgschaft konnte man Bücher leihen, eine Legitimation mit " Namen, Stand und Wohnort" genügte. Der Reporter der Osnabrücker Zeitung schrieb begeistert: " Gemütliche Wärme, elektrisches Licht, bequeme Plätze, und zum Sommer sogar ein hübscher Garten bieten alles, was man von einer öffentlichen Lesehalle erwarten kann." In den folgenden Wochen geriet die Kapazität der Einrichtung schon an ihre Grenzen, denn bis Ostern wurden über 1 500 Bücher entliehen, und rasch stellte der Bibliothekar zwei neue Volontärinnen ein. Neben all den Romanen und gelehrten Büchern lagen in der Lesehalle 72 Zeitungen aller Berufssparten aus, aber natür-

Im Keller fingen die Torfvorräte Feuer

lich auch leichte Lektüre wie die " Gartenlaube".

Immer wieder zeigt sich zwischen den Zeilen in den Tageszeitungen das Bemühen der Obrigkeit, die Arbeiter und Angestellten nicht sich selbst zu überlassen, sondern ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Arbeiter-Bildungsangebote fanden stets großen Zuspruch, und seit März 1902 unterhielt der Volksverein ein juristisches Auskunftsbüro, das täglich zwölf und sonntags zwei Stunden geöffnet war. Gegen eine Gebühr von 50 Pfennig gab es Auskunft in Rechtsangelegenheiten für jedermann, die Anfertigung von Schriftstücken kostete eine Mark. Das Volksbüro hatte großen Zulauf, und seine Mitgliederzahl stieg sprunghaft an, denn die Beratung der Vereinsmitglieder war kostenfrei. Auf beide Suppenküchen konnte auch im März noch nicht verzichtet werden. Täglich machten bis zu 400 Personen von dem Angebot einer warmen Mahlzeit Gebrauch.

Feuer alarmierte die Bewohner eines Hauses an der Bramscher Straße; die Torfvorräte, die zum Heizen dienten, waren im Vorratskeller in Brand geraten. Am Mittwoch vor Ostern marschierten die Soldaten der 2. Abteilung des Ostfriesischen Feldartillerie-Regiments Nr. 62 quer durch die Stadt, um die neue Kaserne auf dem Westerbcrg zu beziehen. Eskorten zu Pferde, Fahnenschmuck, Kränze und jubelnde Menschen am Straßenrand empfingen die Truppe.

Von der bekränzten Rathaustreppe aus richtete Rißmüller einen Gruß an die Soldaten mit dem Wunsch, sie sollten sich bald in der Stadt heimisch fühlen. Als Antwort ließen die Schaulustigen das Regiment hochleben. Hochzufrieden bedankten sich die Offiziere und zogen zur Kaserne weiter.

Fotountertitel

EIN TASCHENSPIEGEL zeigt auf der Rückseite das Bekleidungshaus Hettlage & Lampe am Nikolaiort. Das Werbegeschenk stammt aus der Zeit um 1910. Acht Jahre zuvor war das " größte Special-Geschäft am Platze" eröffnet worden. Foto: Archiv
Autor:
Christiana Keller


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