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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein bisschen Rot braucht der Verkehr
 
Probe aufs Exempel
Zwischenüberschrift:
Grüne Welle auf dem Wall: Nicht nur politischer Zankapfel, sondern auch technisches Problem
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Von Dietmar Kroger (Text) und Detlef Heese (Fotos und Grafik)

Frühmorgendilcher Berufsverkehr. Stop and go auf dem Wall. Die Autos stehen Stoßstange an Stoßstange. Grün als Farbe der Hoffnung ist für den Letzten in der Schlange noch in weiter Ferne. Der Arbeitsbeginn wird mal wieder fünf Minuten später stattfinden. Abends dann dasselbe Spiel. Der Griff zum Handy wird zur vielgeübten Routine: " Schatz, es wird ein bisschen später. Ich stehe im Stau."

Eine vermeidbare Situation? Die CDU meint " Ja". Sie fordert die Grüne Welle für den Wall. Die Grünen haben eine andere Sicht der Dinge. Sie sehen im dauergrün keine Lösung, rechnen eher mit einer Verschärfung der Situation durch ein noch größeres Verkehrsaufkommen, hervorgerufen durch den Lockruf einer autofahrerfreundlichen Innenstadt. Radfahrer, Fußgänger und der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) blieben auf der Strecke.

Aber was ist überhaupt möglich in einer Stadt, deren Verkehrswege vielmehr historisch gewachsen sind, sich dementsprechend nicht formelartig mit rein mathematischer Herangehensweise miteinander verknüpfen lassen? " Wenn wir an einer Stelle in das System eingreifen, müssen wir immer bedenken, wie sich dieser Eingriff an anderen Punkten auswirkt." Für Verkehrsingenieur Burghard Albers ist das Schlagwort " Grüne Welle" eher ein rotes Tuch.

Der Verkehr ist ein sensibler Organismus, der, an einer Stelle gestört, an anderer Stelle empfindlich reagiert. Die Ampelschaltungen sind sekundengenau aufeinander abgestimmt, hinzu kommen die Vorrangschaltungen für den Busverkehr, für teures Geld eingerichtet, um den ÖPNV attraktiver zu machen. Und auch die Radfahrer und Fußgänger sollen zu ihrem Recht kommen.

Das Herz dieses Kreislauf schlägt in der Bierstraße, neben dem Rathaus. Dort steht der Rechner, der die Ampeln steuert. BEFA 15 heißt der Motor, der das Räderwerk auf Wall und allen anderen Straßen am Laufen hält. Von den 187 Ampelanlagen im Stadtgebiet fristen nur noch zehn ein autarkes Dasein. Diese " Lichtzeichenanlagen" sind so weit von der Innenstadt entfernt, dass ihre Aufnahme in das filigrane System keinen Sinn macht. Nahezu der komplette Rest hängt am Netz.

Der Zentralrechner synchronisiert die Ampeln, ist sozusagen die für alle gültige Uhr. " Die eigentliche Intelligenz steht vor Ort", sagt Albers. Von ihr werden die Ampeln programmgemäß gesteuert und auch die von den Bussen automatisch ausgesandten Impulse für die Vorrangschaltung empfangen und umgesetzt. Über BFFA 15 lässt sich eine Online-Visuallsierung fast jeder Kreuzung auf den Schirm in der Zentrale zaubern. Der diensthabende Techniker kann mithin sofort sehen, was sich am Knotenpunkt xy tut. Zudem liefern die Vor-Ort-Nervenzellen wichtige Daten für die Verkehrsingenieure.

Ein Beispiel: Für den Rißmüllerplatz zeigt der Computer auf Albers Schreibtisch an einem völlig normalen Werktag, nämlich Dienstag, den 12. Februar, ein Verkehrsaufkommen von 65 000 Fahrzeugen an (siehe Grafik). Eine hohe morgendliche Spitze löst sich nach einer ganz kurzen Beruhigung mit einem hohen Dauerverkehrsaufkommen in den Nachmittagsstunden zwischen 14.30 Uhr und 17.30 Uhr ab. Die Ampelkreuzung Hannoversche / Narupstraße zeigt ein ganz anderes Bild: Deutliche Stoßzeiten in den Morgenstunden und zum Feierabend grenzen sich scharf von einer deutlich ruhigeren Zwischenphase auf der östlichen Einfallstraße ab.

" Jede Kreuzung hat ihren individuellen Charakter", weiß Albers. Ein Simulationsprogramm gibt ihm die Möglichkeit, Ampelschaltungen auf den Schirm zu projizieren - immer auf Grundlage der gespeicherten Daten. Hier zeigt sich, dass die Verlängerung der Grünphase in einer Richtung zu Rückstaus im Querverkehr führt. Beispiel Sperrung der A1: Der Verkehr wird Über Martinistraße und Wall umgeleitet. Die Martinistraße erlebt den - Infarkt. Jetzt zu reagieren und die Grünphase auf dieser Strecke zu verlängern, schafft Probleme auf dem Ring. Drei Minuten Grün auf der Martinistraße würden einen Rückstau auf dem Wall fast bis zum Heger Tor zur Folge haben.

Das Beispiel ist extrem, zeigt aber, wie sich Eingriffe auswirken. Die Ampeln sind sekundengenau geschaltet, um den Verkehr so gut wie möglich fließen zu lassen. Alle Verkehrsteilnehmer sollen möglichst gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Wo der Verkehrsfluss optimiert werden könne, werde dies auch getan, sagt Albers. Einmal im Monat trifft sich eine Arbeitsgruppe aus Vertretern aller mit dem Verkehr beschäftigten Institutionen der Stadt, der Stadtwerke und auch der Polizei, um die aktuelle Situation zu besprechen, Probleme zu beheben oder zukünftige Projekte zu besprechen.

Zusätzlich wurde jetzt ein Gutachten in Auftrag gegeben, das weitere Optimierungsmöglichkeiten des Verkehrsflusses ausloten soll. Ein Essener Ingenieurbüro untersucht neben dem ursprünglichen Auftrag, nach den Auswirkungen einer veränderten Nutzung des Neumarktes zu forschen, nun auch die Optimierung des Verkehrsflusses auf dem Wall. Das Ergebnis der Studie soll im Mai vorliegen.

" Die eierlegende Wollmilchsau gibt es in der Verkehrssteuerung nicht", bremst Jörg Ellinghaus übertriebene Hoffnungen. " Wenn man einer Gruppe mehr Rechte einräumt, geht das zu Lasten der anderen Verkehrsteilnehmer", so der als Stadtbaurat verantwortliche Dezernent für das Osnabrücker Ampelwesen.

Eine " Grüne Welle" für den Indlvidualverkehr rund um den Wall in beide Richtungen wird es kaum geben können, da sind sich die Fachleute einig. Sowohl die Geometrie der Knotenpunkte als auch die unterschiedliche Distanz zwischen den Kreuzungen ließen dies kaum zu. " Wir sehen durchaus auch punktuelle Mängel. Die werden wir abarbeiten", sagt Ellinghaus.

Sollen aber auch in Zukunft alle Verkehrsteilnehmer möglichst gleichberechtigt behandelt werden, wird ein bisschen Rot wohl seien müssen, damit der Verkehr reibungslos läuft.

Pro

Wolfgang Klimm (CDU)

CDU und FDP läuten mit der Einführung einer grünen Welle das Ende " Rot/ Grüner" Staus in Osnabrück ein. Die Verkehrspolitik der letzten Jahre war bewusst darauf ausgerichtet, durch Ampelschaltungen den Kfz-Verkehr in der Stadt unattraktiv zu machen. Nach dem Willen der neuen Ratsmehrheit soll bis zu den Sommerferien auf dem Innenstadtring durchgehend die grüne Welle für fließenden Verkehr sorgen. Stop and go wird dann weitgehend der Vergangenheit angehören. Das bedeutet weniger Luftverschmutzung und Lärm, bessere Erreichbarkeit der Innenstadt, mehr Besucher und Kunden sowie eine deutliche Attraktivitätssteigerung und ein Imagegewinn für Osnabrück. Auch die Busse profliieren davon und stehen nicht mehr in unnötigen Staus. Eine spürbare Verschlechtenmg für Radfahrer und Fußgänger wird, anders als behauptet, nicht eintreten. Allenfalls punktuell kann es Veränderungen geben. In einem zweiten Schritt werden die Einfallstraßen auf die grüne Welle des Walls aufgespaltet, um Rückstaus zu vermieden.

Contra

Sabine Bartnik (Grüne)

Unfälle, Lärm, Abgase und Versiegelung als Folge eines dominierenden Autoverkehre waren die Gründe, warum im Verkehrsentwicklungsplan von 1992 die Zielsetzungen der Verkehrspolitik zu Gunsten des Umweltverbundes geändert wurden. Durch positive Anreize hat Rot-Grün dafür gesorgt, dass umweltverträglichere Verkehrsmittel öfter genutzt werden. Wichtigster Baustein war dabei das ÖPNV-Beschleunigungsprogramm. Über mehrere Jahre wurden hier insgesamt 10 Millionen Euro investiert, u.a. damit die Ampelschaltungen auf herannahende Busse reagieren. Die in den letzten Jahren stark gestiegenen Fahrgastzahlen sind auch auf diese Verbesserungen zurückzuführen. Eine Veränderung in der Ampelschaltung zu Gunsten des Autoverkehrs kann nur auf Kosten der Vonangschaltung der Busse wie auch des Fußgänger und Radverkehrs realisiert werden. Abgesehen davon, dass eine grüne Welle für alle Autofahrer eine Illusion ist, wird die einseitige Orientierung von CDU und FDP am Autoverkehr eindeutig zu Lasten der Lebensqualität gehen und führt dazu, dass Fußgänger demnächst wieder über Wallkreuzungen hetzen müssen.

Probe aufs Exempel

Wer ist schneller, Auto oder Fahrrad? Till hat die Probe aufs Exempel gemacht. Die Strecke führte an einem normalen Wochentag um 9 Uhr von der Dodesheide zur Johannisstraße. Die Vorgabe: Sowohl der Autofahrer als auch der Radfahrer mussten sich an die Straßenverkehrsregeln halten. Keine Geschwindigkeitsübertretungen, kein unerlaubtes Befahren der Fußgängerzone. Ebenso wenig wie sich der Radfahrer in Olympiamanier bis zum letzten Tropfen Schweiß abstrampelte, war der Autofahrer mit einer Roten Welle oder Staus gestraft. Die Wettkampfbedingungen waren also ideal. Das Ergebnis: Bei auf die Sekunde zeitgleichem Start erreichte der Radfahrer den Treffpunkt fünf Minuten früher als der Autofahrer, der auch bei der strahlendsten Grünen Welle kaum eher am Ziel eingetroffen wäre. Bisübermorgen

Zur Sache

187 Ampelanlagen gibt es in der Stadt, davon 135 Voll-, sechs Blink- und 46 Fußgängeranlagen. Die Grünphase an einer Ampel dauert 75 Sekunden. Zehn Anlagen sind nicht mit dem Verkehrsrechner BEFA 15 verknüpft. Die meisten Ampeln empfangen Daten und geben Informationen an die Zentrale zurück. Sieben Mitarbeiter der Stadt (drei Ingenieure, vier Techniker) planen und warten die Anlagen, 24 Stunden am Tag. Für den Datenfluss sorgen Computer an den einzelnen Kreuzungen. Auch die Vorrangschaltung für die Busse, ausgelöst durch Induktionschleifen in der Straße, wird durch diese Computer gesteuert.

Bilduntertitel

AUTOFAHRER, Radfahrer, Fußgänger und Busse - an den Ampeln auf dem Wall wollen alle zu ihrem Recht kommen.

DAS COMPUTERHERZ der Verkehrszentrale schlägt in der Bierstraße.

DIE VORRANGSCHALTUNG gibt den Bussen freie Fahrt, während Autofahrer noch warten müssen.

65 000 FAHRZEUGE befahren täglich den Rillmüllerplatz (L)- Auf der Hannoverschen Straße sind es 36 000 Fahrzeuge. An beiden Messpunkten zeigt sich ein unterschiedliches Bild der Kreuzungsfrequenz im Tagesablauf (Grafik).
Autor:
Dietmar Kröger, Till


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