User Online: 3 | Timeout: 18:26Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Grabstellen der Neureichen machen am meisten Arbeit
 
Der Tod und das Leben
 
Ein Buch der Stadtgeschichte
Zwischenüberschrift:
Der Hasefriedhof wird zum Landschaftspark - Denkmalpflege ist gefordert
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die Grabstellen der Neureichen machen am meisten Arbeit

Der Hasefriedhof wird zum Landschaftspark - Denkmalpflege ist gefordert

Von Frank Henrichvark (Text) und Klaus Lindemann (Fotos)

Im Tode, so sagt man, sind alle Menschen gleich. Welche Wertschätzung sie sich aber im Leben erworben haben, ist meistens an ihrer Grabstätte noch abzulesen. So ist es auch auf dem Hasefriedhof. Dessen Konzept beruhte von Anfang an auf einer Zweiklassen-Gesellschaft: Rings herum lagen die Erbbegräbnisse der begüterten Schichten. Wer es sich leisten konnte, kaufte diese Grabstellen für 40 oder für 99 Jahre oder sogar " auf ewig" für die gesamte Laufzelt des Friedhofes. Der Mittelteil dagegen war im 19. Jahrhundert als Freiraum deklariert, als eine " Verwesungsfläche" mit Wiesencharakter - weshalb die Einnahme aus dem Grasschnitt dem Friedhofsgärtner sogar als Nebenerwerb zugestanden war.

Schrittweise wird sich der Hasefriedhof in den kommenden Jahren diesem Bild einer parkartigen Grünfläche wieder annähern. " Wir frieren den jetzigen Zustand langfristig ein", so beschreibt Wolfgang Pfeiffer von der Friedhofsabteilung im Fachbereich Grün das Konzept: " Ausgelaufene Grabstellen werden abgeräumt, wenn sie nicht kulturgeschichtlich wertvoll sind."

Diese Grabsteine und die Einfassungen verbleiben dann in der Fläche. Es soll sich eine Mischform aus Totengedenken und Landschaftspark entwickeln, mit weiten Rasenflächen, markanten Einzelbäumen und eben den eingesprengten Grabsteinen.

Ausgenommen von dieser Regelung sind allein die Wandgräber rings um die sechs Friedhofsabteilungen. Diese Friedhofsmauern mit den vorgesetzten Grabplatten haben für die Denkmalpflege höchste Prioriät: " Wir sichern das Mauerwerk, befestigen die Denkmale und setzen sie wenn nötig auch komplett wieder neu auf", so berichtet Wolfgang Pfeiffer, " denn so ein Friedhof kommt nie zur Ruhe." 130 000 Mark hat er für diese Arbeiten jährlich in seinem Etat.

Gut 80 Meter können damit pro Jahr bearbeitet werden Angesichts der rund 2 200 Meter Bruchsteinmauern, die den Hasefriedhof umschließen und unterteilen, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn die Handwerker können mit dem laufenden Verfall kaum Schritt halten. Ein Blick auf die derzeitige Baustelle zwischen der vierten und fünften Abteilung beweist es, wo der Maurer Thomas Kühl und die beiden Steinmetzen Ralf Willmann und Andreas Laukert gerade tätig sind.

Diese Grabstellen wurden angelegt in der Gründerzeit, zwischen 1870 und 1900. Als es aufwärts ging mit Deutschland und der plötzliche Reichtum auch sichtbar gemacht werden musste. Der Protz der Neureichen ist bis heute ablesbar, nicht nur an ihren Häusern, auch an den Gräbern: Statt sich an der vorgegebenen Mauerhöhe zu orientieren, sollten die Simse und Bekrönungen der meist antiken Tempeln nachempfundenen Grabstellen ihre Nachbarn immer noch übertreffen - so wie Majestät Wilhelm II. für sich und sein Reich den " Platz an der Sonne" reklamierte.

Das Ergebnis war verhängnisvoll: Statt einer einheitlichen Mauerkrone gibt es ein Nebeneinander von ungleichen Abschlüssen. " Das Wasser läuft nicht ab, sondern sickert ins Mauenverk. Feuchtigkeit und Frost sprengen dann alles auseinander", erläutert Steinmetzmeister Volker Voigt, " deshalb müssen wir ganze Denkmale heute neu aufsetzen."

Das geschieht nach handwerksgerechten Regeln. Westerberger Bruchsteine " aus Abbruchmaterial, weil er ja nicht mehr geschlagen wird", wie Thomas Kühl erleutert, setzt der Maurer mit Trassmörtel ' neu auf. Dann greifen die Steinmetz-Arbeiter zu Hammer und Meißel, Bohrmaschine und Portalkran: Hier und da muss ein Stück Zierrat ergänzt werden, frei stehende Säulen und große Platten bekommen ein neues Fundament, Tafeln aus Marmor oder Granit werden mit Edelstahl-Dübeln gesichert.

Er habe " große Hochachtung" vor der qualitätvollen Arbeit seiner Kollegen aus grauer Vorzeit, sagt Meister Voigt heute: " Granitsteine mit handpolierten Kanten, sowas macht heute keiner mehr."

Auch freihändig aus dem Stein geschlagene Kreuze, Urnen oder Reliefs mit den Sinnbildern von Tod, Vergänglichkeit und Auferstehung, wie man sie auf diesem alten Friedhof finden kann, zeugen nicht nur von handwerklichem Können. Sondern sie verraten auch etwas davon, wie frühere Generationen dem Tod begegnet sind - als selbstverständlicher Teil des Lebens. Und diese Botschaft soll der Hasefriedhof auch in Zukunft verkünden, wenn er zum Landschaftspark wird - als Teil eines Grüngürtels von der Nette über den Turmhügel mit dem Bürgerpark bis zur Innenstadt.

Ein Buch der Stadtgeschichte

Als die Franzosen kamen, zog ein neuer, ein rationaler Geist in Osnabrück ein: Mit einem Dekret verordnete König Jerome im Jahr 1808 die Aufhebung der innerstädtischen Kirchhöfe - nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, waren die Toten der Stadt doch jahrhundertlang rings um die mittelalterlichen Kirchen bestattet worden. Das geschah übereinander im wahrsten Sinne des Wortes, so dass sich vor dem Dom ein regelrechter Hügel gebildet hatte. Damit sollte nun ein Ende gemacht werden: Vor den Toren Osnabrücks wurden 1808 der " Hase-Todtenfriedhof" und der Johannisfriedhof abgesteckt. Fast 200 Jahre lang haben die Osnabrücker hier ihre Angehörigen beigesetzt, bis 1995. Dann begann eine Phase des Übergangs, ab 2005 gelten beide Begräbnisplätze nicht mehr als Friedhöfe, sondern sie werden zu innerstädtischen Grünflächen. Allerdings mit einem besonderen Charakter: . Weil hier auf engstem Raum so viel Stadtgeschichte versammelt ist, dass man darin wie in einem Buch lesen kann", hat der städtische Denkmalpfleger Bruno Switalla sich schon frühzeitig für einen behutsamen Umgang mit dem Areal eingesetzt. Seitdem sind beide Friedhöfe als Flächendenkmale eingestuft.

Der Tod und das Leben

Till hat die Erfahrung gemacht, dass die Art und Weise, wie wir mit Tod und Trauer umgehen, auch etwas über den Zustand der Gesellschaft aussagt: Als die Menschen noch in der Geborgenheit der Großfamilielebten und starben, war der Tod wohl selbstverständlicher. Heute dagegen wird zumeist im Krankenhaus gestorben und alles, was mit dem Tod zusammenhängt, auch weit weggeschoben und verdrängt. Die anonyme Beerdigung und die Seebestattung sind dann die nahe liegende Folge dieser Verdrängung. Psychologen beobachten aber, dass viele Menschen anschließend ihre Trauer nicht bewältigen können, dass die ungeweinten Tränen tiefe Depressionen auslösen können. Frühere Generationen haben da anders gedacht: Für die Angehörigen waren der Abschied von den Toten und die Erinnerung selbstverständlicher Teil des Lebens Davon künden auch die alten Friedhöfe mit ihrer sprechenden Symbolik. Wer über den Hasefriedhof geht, findet unzählige Beispiele: Verloschende Fackeln und den gebrochenen Baum als Zeichen des Todes, die sich windende Schlange und den aufstrebenden Schmetterling als Symbole des ewigen Lebens. Till vergleicht diese alten Friedhöfe deshalb gern mit dem Buch des Lebens - nicht nur, weil in ihm die Namen der Vergangenen eingeschrieben sind, sondern auch, weil daraus etwas für die Zukunft zu lernen ist.

Bismontag

DIE MAUERGRÄBER entlang der Einfassungen der sechs Abteilungen auf dem Hasefriedhof sollen für alle Zeiten erhalten bleiben, auch wenn die Anlage nun zum Landschaftspark wird. So sieht es das Konzept der Denkmalpfleger vor

EIN VATER nimmt Abschied von seiner Familie: Sinnbilder für Tod und Auferstehung finden sich überall.

NEUER HALT für ein Grabdenkmal aus schwedischem Granit: Steinmetz-Lehrling Andreas Laukert setzt einen Dübel ein.

STÜCKWEISE AUFSETZEN müssen die Arbeiter die zumeist vor hundert Jahren aufgestellten Platten. Ralf Willmann (links) und Andreas Laukert mühen sich mit einem zentnerschweren Marmor-Fries.

EINE BRUCHSTEINMAUER aufsetzen, das verlangt Gefühl für das Material: Thomas Kühl richtet eine geborstene Mauerkrone.
Autor:
Frank Henrichvark, Till


Anfang der Liste Ende der Liste