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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Die größte Kunst der Archivare besteht im Wegwerfen
 
Alte Urkunden und neue Medien
Zwischenüberschrift:
Im Staatsarchiv an der Schlossstraße wird das historische Gedächnis verwahrt
 
Programm zum Tag der Archive
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die größte Kunst der Archivare besteht im Wegwerfen

Im Staatsarchiv an der Schlossstraße wird das historische Gedächtnis verwahrt

Von Frank Henrichvark

Es ging um Panzer für Saudi-Arabien, Leuna-Privatisierung und Verkauf der Eisenbahner-Wohnungen: Aber wo sind die Akten? Das jüngste Beispiel aus dem Bundeskanzleramt bietet dem Historiker nicht unbedingt eine Überraschung: " Wenn früher ein Kaiser oder ein Bischof starb, wurde sofort das Archiv versiegelt und erst für den Nachfolger wieder geöffnet", berichtet " Dr. Gerd Steinwascher. Und der Direktor des Niedersächsischen Staatsarchivs in Osnabrück weiter: " Nichts ist für die historischeÜberlieferung so sensibel wie ein Macht Wechsel."

Steinwascher und seine Kollegen an der Schlossstraße verwalten mittelalterliche Urkunden und historische Karten, dicke Rechnungsbücher und stapelweise beschriebenes Papier: Alles Hinterlassenschaften der Klöster, der Ämter und Kommunen, der landesherrlichen Regierung im Fürstentum Osnabrück, aber auch der ehemaligen Bezirksregierung. Dazu Gutsarchive derer von Hünnenfeld, von Barenaue oder von Schele, die Urkunden und Akten der Stadt Osnabrück und sogar einen Bestand der doch eben erst 25 Jahre alt gewordenen Universität Osnabrück.

" Wir übernehmen das archivwürdige Schriftgut der Behörden aus unserem Einzugsbereich, der dem früheren Regierungsbezirk Osnabrück einschließlich Emsland und der Grafschaft Bemheim entspricht. Wir verwahren es sicher und erschließen es für die historische Forschung", so umschreibt der Archivdirektor die Aufgabe. Und was auf den ersten Blick paradox erscheint: " Unsere größte Kunst liegt im Wegwerfen." Denn die moderne Bürokratie produziert heute mehr Papier denn je, es wird kopiert und kopiert ohne Ende: " Die Akten werden immer dicker und enthalten immer weniger."

" Was aus rechtlichem oder historisch-wissenschaftlichem Interesse aufgehoben werden soll und was getrost weggeworfen werden kann, diese Frage diskutiert die Zunft der Archivare auf Kongressen und in Arbeitsgruppen theoretisch; praktisch aber wird es täglich vor Ort entschieden: Wenn eine Behörde einen Aktenbestand abgeben will, kommt mit dem Archivar gleich eine zweite Kiste für die - selbstverständlich datensichere - Altpapierverwertung.

Und auch im Keller des Staatsarchivs an der Schlossstraße steht ein großer Papierschredder: " Kassieren", so heisst die Arbeit des Sichtens und Vernichtens, " ist keine schöne Arbeit. Aber es muss sein, so die Archivoberlnspektorin Sonja Wahlbrink, " sonst ersticken wir im Papier." Bei Temperaturen von 16 bis 20 Grad und einer Luftfeuchtigkeit um die 50 Prozent hält sich Papier am besten. Das Archiv in Osnabrück verfügt über 3 600 Quadratmeter Magazinfläche. Darin stehen Regale mir zehn Kilometern Stellfläche, von denen acht Kilometer belegt sind. Unzählige Seiten beschriebenes Papier, 25 600 mittelalterliche Pergamenturkunden sowie 30 000 historische Karten. Und jedes Jahr kommen etwa 100 Meter Akten hinzu.

Alles wird verwahrt in stabilen Kartons und mit Signaturen versehen, damit man es auch wiederfindet. Denn Büroklammern, Schnellhefter und Stehordner müssen verschwinden: " Rost und das säurehaltige Papier, wie es seit 1850 produziert wurde, machen uns die größten konservatorischen Probleme", so berichtet Dr. Gerd Steinwascher, " 100 Jahre alte Unterlagen zerbröseln uns heute unter den Fingern."

Zumindest die alten Karten werden in der Werkstatt des Staatsarchivs Osnabrück restauriert, für die Entsäuerung der Aktenstapel dagegen sind , die Kollegen in Bückeburg zuständig. Heinrich Kampmeyer, Restaurator und gelernter Buchbinder, badet derzeit in der Werkstatt an der Schlosstraße großformatig Karten aus einem Gutsarchiv aus dem 18. Jahrhundert in einem Fixierbad, reinigt und entsäuert die Blätter anschließend mit Magnesiumcarbonat: " Keine Angst. Die Tinte zerfließt nicht", sagt er, " nach dieser Prozedur sind die Blätter schöner als vorher."

Anschließend müssen die Archivalien für die historische Forschung zugänglich gemacht werden. Früher legten die Archivare dafür eigene " Findbücher" genannte Register an, verzeichneten und beschrieben darin die Konvolute. Heute benutzen sie dafür den Computer.

Und manchmal machen sie beim Durchmustern der Papierstapel auch kuriose Funde: So präsentiert Dr. Gerd Steinwascher gern einen abgenagten Federkiel, der sich in einer Gerichtsakte aus dem Jahr 1775 befunden hat: " Daran hat damals wohl ein gelangweilier Gerichtsschreiber gekaut und ihn schließlich vergessen."

Weniger skurril, eher einen makabren Treppenwitz der Archivgeschichte enthält dagegen der Bestand der Gestapo Osnabrück: Diese Kartei mit 40 000 Namensblättern wurde von der Politischen Polizei noch in der Endphase der Weimarer Republik angelegt und dann penibel fortgeführt: " Enthalten sind deshalb nicht nur Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern auch die Namen der , Alten Kämpfer'", so berichtet Steinwascher, der vor einigen Jahren auch diesen Bestand in einem Buch aufgearbeitet hat.

Denn neben der reinen Archiv-Verwaltung liefern die Archivare regelmäßig fundierte Forschungsarbeiten aus ihrem Tätigkeitsfeld ab: Darunter Urkundeneditionen und historische Darstellungen, vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte. " Unser Beitrag zur historischen Forschung'', sagt Steinwascher dazu, der sich im Übrigen als Dienstleister für die Historiker-Zunft versteht: Immerhin rund 800 Benutzer verzeichnet das Osnabrücker Staatsarchiv im Jahr, Studenten und Wissenschaftler, aber auch Ahnenforscher und Hobby-Historiker.

" Nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist von meist 30 Jahren stehen alle Akten für die Forschung zur Verfügung", so der Archivdirektor, " im Prinzip für jedermann, der ein berechtigtes Interesse nachweist und die Benutzerordnung einhalt." Auch das eine Errungenschaft der demokratischen Gesellschaft, die ihr historisches Gedächtnis nicht mehr in Geheimarchiven verschließt, so wie es nach dem Prinzip " Wissen ist Macht" früher einmal praktiziert wurde.

Alte Urkunden und neue Medien

Programm zum Tag der Archive

Der kommende Sonnabend ist der " Tag der Archive": In ganz Deutschland lassen sich an diesem Tag die Bewahrer des historischen Gedächtnisses über die Schulter schauen. So auch in Osnabrück, wo das Histumsarchiv an der Großen Domsfreiheit 10 und das Niedersächsische Staatsarchiv an der Schlossstraße 29 von 10 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet sind.

Unterschiedliche Führungen, Ausstellungen und Einblicke in die PC-Datenbänke haben beide Archive vorbereitet. Das bischöfliche Archiv präsentiert mit dem Codex Gisle eine mit prächtigen Buchmalereien ausgestattete mittelalterliche Handschrift. Der Arbeitskreis Famlienforschung erläutert, was der Ahnenforscher aus alten Kirchenbüchern über Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen seiner Vorfahren ablesen kann. Außerdem ist eine Zwischenbilanz zu den Nachforschungen über " Zwangsarbeit und das katholische Bistum Osnabrück" vorgesehen.

Das Staatsarchiv bietet im Stundentakt kurze Vorträge zu mittelalterlichen Urkunden, genealogischen Quellen oder der Geschichte des Nationalsozialismus an. In der Werkstatt wird das Restaurieren vergilbter Karten und Papiere erläutert, und in einem Workshop können die Besucher Siegel aus Wachs nachbilden. Außerdem gibt es die schönsten historischen Karten zu sehen, und der Historische Verein bietet Informationen und Bücher aus dem Selbstverlag an.

DIE HOHE KUNST DES WEGWERFENS; Sonja Wahlbrink füttert den Papierschredder im Keller, wenn überflüssiges Archivgut vernichtet werden soll.

FUNDSACHE FEDERKIEL: Dr. Gerd Steinwascher präsentiert ein 200 Jahre altes Schreibuntensil.

DIE RICHTIGE CHEMIE RETTET GEFÄHRDETE PAPIERE: Restaurator Heinrich Kampmeyer entsäuert und fixiert historische Karten in der Werkstatt.

IM KELLER EIN LABYRINTH VON REGALEN VOLLER PAPIER: Im Magazin des Staatsarchivs ist Oskar Reese mit seinem Wägelchen unterwegs, um die bestellten Archivalien ein- und auszulagern.

VON ADLIGER GEBURT musste sein, wer Mitglied des Domkapitels werden wollte: Diese Ahnenprobe des Ernst-August von dem Bussche-Hünnefeld listet seine Vorfahren über vier Generationen auf. Fotos: Klaus Lindemann
Autor:
Frank Henrichvark


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